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Night Of The Vampire Hunter

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Um nicht vollständig zum Vampir zu werden, muss die zwischen Leben und Tod wandelnde Selin ihren „Vater“, sprich Obervampir, finden. Innovativer, auf Super 8 gedrehter Amateur-Genrefilm von Ulli und Nicole Bujard, der zwar schon einige Jahre auf dem Buckel hat, dennoch aber äußerst sehenswert ist.

Es ist Nacht und der Raffinerie-Mitarbeiter Frank Meurer (Regisseur und Drehbuchautor Ulli Bujard) hat gerade etwas Hunger bekommen. Schnell einen Parkplatz gesucht und mal schauen, was so im Kofferraum so zu finden ist. Seltsam mutet es doch an, dass der Parkplatz fern jeglicher menschlicher Zivilisation liegt und das Auto mit Dutzenden „Wunderbäumen“ behangen ist. Noch seltsamer für den Zuschauer, was Meurer da in seinem Kofferraum findet: Ein totes Mädchen unter einer Plastikplane. Des Rätsels Lösung ist schnell gefunden, nachdem sich der Mann ein Schlückchen von der Toten genehmigt – er ist ein Vampir! Oder war es zumindest, denn nur Momente später ist der Untote wirklich tot – vernichtet vom berüchtigten „Nachtschwärmer“, der sein Unwesen unter den Reihen der Halsbeißer treibt.

Szenenwechsel in eine Bar: Dort wird gerade der schmierige Schriftsteller Henry Gloom (Stefan „Cheesy“ Keseberg) über seine erfolgreiche Schundroman-Serie „Nachtschatten“ interviewt. Gloom hat dem Vampirmythos neues Leben eingehaucht, ihn entmystifiziert. Seine Vampire sind zwar noch immer stark, saugen Blut und vertragen kein Tageslicht – dafür helfen kein Weihwasser, Kruzifix oder Knoblauch. Andererseits kann man sie erschießen, erstechen und – natürlich – pfählen. Zwar tut Gloom Vampire als Hirngespinste ab, doch sein wahres Alter Ego, der ziemlich biedere Jens Felder, weiß, dass es sie tatsächlich gibt. Immerhin lebt er mit der Vampirin Selin (Nicole Müller, nunmehr ebenfalls Bujard) zusammen. Am Tag schläft sie, in der Nacht arbeitet Selin in einem Fotolabor. Der Job ist allerdings nur eine Tarnung, in Wirklichkeit sucht die junge Frau den Halsbeißer, der sie zu dem gemacht hat, was sie ist. Zwar ernährt sie sich von Blut, einen Menschen hat Selin bis jetzt aber noch nicht getötet. Das bedeutet nach einer alten Legende, dass ihre Verwandlung nicht irreversibel ist. Wenn sie nun ihren “Vater” findet, dann könnte sie wieder ein Mensch werden.

Bei der Suche nach dem Obervampir geht Selin bei ihren Befragungen nicht gerade zimperlich um. Erraten, Selin ist der berüchtigte „Nachtschwärmer“. Bei einem ihrer Kämpfe wird sie allerdings selbst schwer verletzt. Arnold Zahn (Alex Kaese), der die Kinder der Nacht vergöttert, weil sie abseits aller Regeln stehen, findet sie. Er pflegt die Vampirin, in dem er ihr sein Blut zum Trinken gibt. Als Arnold von Selin fordert, ihn zu einem der ihren zu machen, lehnt sie ab. Doch so leicht gibt Arnold nicht auf. Als er bei der heimlichen Verfolgung entdeckt, dass Selin die Wesen vernichtet, die er so abgöttisch liebt, schwört er Rache…

Der erste Spielfilm

Mit „Night Of The Vampire Hunter“ – der ursprüngliche Titel „Nachtschatten“ musste aufgrund Namensgleichheit mit einem älteren Film geändert werden – bietet die Filmgruppe Coffeebeans Entertainment feinstes Genrekino. Für Ulli Bujard und Herwig Bartszky war dies der erste Spielfilm nach mehreren Kurzfilmen. Obwohl die komplexe und facettenreiche Story von Nickel Keller (ein Pseudonym, unter dem Ulli Bujard und seine Freundin Nicole Müller gemeinsam das Drehbuch geschrieben haben) einen leichten Durchhänger im Mittelteil hat, die Dialoge nicht immer glänzen und das Ganze von Laien gespielt wird, überzeugt der Film vor allem durch ein starkes Ende und zahlreiche innovative Nuancen. So etwa das Verhältnis von Selin zu ihrer Familie, die weder von ihrem Verbleib noch von ihrem Schicksal etwas weiß. Lachen muss man auch über den unglücklichen Arnold, der entdecken muss, dass es auch unter den Vampiren ziemliche Spießer gibt. Das alles sind Details, die der Story Tiefe geben und das Ganze pointiert abrunden. Auch die ironischen Seitenhiebe auf das öffentliche Image von Autoren (wie z.B. Stephen King) bzw. deren privates Ich anhand Henry Gloom/Jens Feldner kommen gut an.

„Night Of The Vampire Hunter“ ist ein kleiner Glücksfall von einem Independent-Film. Und das Besondere daran: Der Film wurde auf Super 8 gedreht. Für Personen, die nach 1985 geboren wurden, wird „8mm“ höchstens als Filmtitel für einen miesen Thriller mit Nicolas Cage über illegale Snuff-Filme etwas sagen. Dabei waren diese 8mm bzw. Super 8 einmal das, was heute Mini-DV ist – ein Massenmedium für das Volk. Doch mit dem Aufkommen von Videokameras Anfang der 1980er zeichnete sich das Ende vom Zelluloid für den Hausgebrauch zunehmend ab. Dennoch gibt es Fans, die von der erstklassigen Auflösung, den plastischen Farben und der „Wärme“, die die gefilmten Bilder ausstrahlen, schwärmen.

Warum tut man sich aber Film bloß an? Die Nachteile von Schmalfilm scheinen klar auf der Hand zu liegen: Die Filmkassetten fassen höchstens drei Minuten Film, die teure Entwicklung erfolgt mittels Einschicken per Post und kann bis zu zwei Wochen dauern. Erst danach kann man das Ergebnis des Shoot betrachten und sich entscheiden, ob die Szene etwas geworden ist oder nicht. Und manchmal passiert auch auf dem Postweg ein Missgeschick. Wie Ulli Bujard in seinem FilmTageBuch für das Magazin „schmalfilm“ erzählte, bekamen sie einmal statt ihrem Material den Urlaubsfilm einer strahlenden Familie am Meer. „Ich stelle mir heute noch deren verdutzte Gesichter vor, als unsere Splatterszenen durch ihren Projektor geflimmert sind“, erzählte Bujard der Zeitschrift.

Auf der anderen Seite monieren Zelluloid-Fans, dass bei Video sehr viel Kunst des Filmemachens verloren gegangen ist. Man drückt auf Record, lässt die Kamera laufen – und nach der xten Wiederholung des Takes wird irgendwann schon was Gutes dabei sein, so ihre Kritik. Mit dem hoch auflösenden Zelluloid ist das schon etwas anderes – man muss sich eben sehr genau im Vorhinein überlegen, was man filmt. Erstens ist Super 8 sehr „lichthungrig“, das heißt, es muss um einiges genauer ausgeleuchtet werden (was wiederum viel Zeit kostet). Zweitens ist Film bzw. die Entwicklung im Vergleich zu digitalen Optionen sehr teuer. Die Produktionskosten schätzt Regisseur Bujard auf ca. 10.000,- bis 15.000,- Euro. Der Großteil davon ging für Filmmaterial, Abtastung und Schnitt drauf, erzählte Bujard auf Anfrage.

Bujard und sein Team waren bei „Night Of The Vampire Hunter“ aber keine Nostalgie-Puristen, die nur von der guten alten Zeit träumten. Zwar wollten sie den Streifen in Erinnerung an die Horrorfilm-Klassiker auf Film drehen, auf der anderen Hand schätzten sie sehr wohl den Einsatz moderner Technologien. So wurde zwar auf Zelluloid gedreht, aber nach dem Entwickeln wurde die Filmrolle abgetastet und am Computer geschnitten. Auch bei den Effekten setzte das Team auf eine Symbiose von Special Effects und Visual Effects. Während Ulli Bujard und seine Freundin Nicole Müller mit Drahtgittermodellen und Pumpen am „Zerfall“ eines Vampirs arbeiteten, tüftelte Kameramann Hartwig Bartszky an computeranimierten Augen oder dem digitalen Flug von Wurfgeschossen. Das Ganze ergibt eine durchaus gelungene Melange aus „Old School“ und „New School“.

Die Produktion erstreckte sich über dreieinhalb Jahre. Ulli Bujard und seine Freundin Nicole Müller schrieben 1997 acht Monate am Skript, das letztlich über 144 Szenen, ca. 40 Drehorte und jede Menge Spezialeffekte hatte. Die Dreharbeiten selbst starteten Ende 1997. Da die Filmemacher „nebenbei“ auch noch arbeiteten oder studierten, konnte meistens nur am Wochenende gedreht werden. September 1999 fiel dann endlich die letzte Klappe – bis dahin wurden an die vier Kilometer Film belichtet. Danach wurde der Film abgetastet und geschnitten. Weil die Kamera so laute Laufgeräusche machte, musste der komplette Film noch nachsynchronisiert werden. Schließlich fand die Premiere von „Night Of The Vampire Hunter“ am 24. September 2000 statt.

Weit herumgekommen

„Night Of The Vampire Hunter“ ist auch viel in der Welt herumgekommen: Der Streifen wurde auf diversen renommierten Festivals, wie dem Fearless Tales Genre Fest in San Francisco, dem International Film Festival in Sitges (Spanien) und dem TromaFling – Independent Film Festival in Edinburgh gezeigt. Das ganze Verschicken von Pressematerial brachte zusätzlich hohe Kosten. „Online wäre das ja alles erträglich gewesen – Fotos per Mail oder Press-Kits zum Downloaden -, aber 2000 musste das alles noch per Post verschickt werden“, so Bujard.

Der Vampirfilm erfuhr insgesamt drei Veröffentlichungen: 2001 auf VHS und DVD bei Astro Distribution noch unter dem alten Titel, 2004 als DVD bei Screen Power/EuroVideo und 2008 sogar in Japan beim Label Orustak Pictures. Aufgrund des gut dokumentierten Making Ofs im Bonusmaterial ist vor allem der Screen Power/EuroVideo-Release empfehlenswert.

Zwar wurde nach „Night Of The Vampire Hunter“ die Filmgruppe Coffeebeans Entertainment quasi still gelegt, doch für Ulli Bujard und Nicole Müller hat sich einiges im filmischen Bereich getan. Für Pro7 wurde ihr Drehbuch „Verfluchte Beute“ (2004) verfilmt, 2008 werkten sie am Skript des Sat.1-Öko-Thrillers „Die Bienen – Tödliche Bedrohung“. Gemeinsam mit Tom Uhlenbruck hat Ulli Bujard auch einige Drehbücher für die Web-Mini-Serie „Calmitates Medicorum – Der Leitfaden für Jungmediziner“ geschrieben. Zusammen mit Uhlenbruck hat Ulli Bujard zuletzt für die Serie „Soko Köln“ das Drehbuch zur Folge „Durch fremde Fenster“ abgeliefert.

Rodja

INFO: Coffeebeans Entertainment: „Night Of The Vampire Hunter“ – D, 1996 – 2000, Horror – 95 min. Regie: Ulli Bujard. Drehbuch: Nickel Keller (Ulli Bujard, Nicole Müller). Kamera: Herwig Bartalszky. Schnitt: Dennis Hauenstein, Hakan Tan. Special Effects: Ulli Bujard, Nicole Müller. Visual Effects: Herwig Bartszky. Musik: Guido Meyer de Voltaire . Produktion: Nicole Müller. Produktionskosten: ca. 10.000,- bis 15.000,- Euro. Darsteller: Nicole Müller, Stefan “Cheesy” Keseberg, Alex Kaese, Peter Schrader, Michael Nack, Guido Meyer de Voltaire, u.v.a. Homepage: www.coffeebeans-entertainment.de , www.bujard-autoren.de

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Written by HomeMovieCorner

4. Mai 2011 um 17:12

Veröffentlicht in Reviews

2 Antworten

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  1. […] ich dann dank Ulli und Nicole Bujards “Night Of The Vampire Hunter” (siehe Rezension hier) und Arash T. Riahis Dokumentarfilm “Die Souvenirs des Herrn X” auf den Schmalfilm. Und […]

  2. […] von Jörg Buttgereit, “Night of the Vampire Hunter” von Ulli und Nicole Bujard (Review hier), dem DDR-Sci-Fi-Film “Aktion Ganymed” von Ralf Ehrhardt oder “Operation Dance […]


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