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D:O:F:G – Indie-Power aus Graz

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Ob Inspiration oder reiner Zufall: In Graz, wo die Diagonale – das jährliche Schaulaufen des österreichischen Films – stattfindet, hat sich in den letzten Jahren eine äußerst lebendige Indie-Szene entwickelt. Das beweisen u.a. Spielfilme wie der Invasions-Thriller „Tartarus“ von der Gruppe Loom, die Porno-Komödie „Schlimmer geht’s nimmer“ von David Unger oder der Krimi „Bell Canto“, der seit dem 21. Juli bei Hoanzl auf DVD erschienen ist. Der HomeMovieCorner sprach mit „Bell Canto“-Regisseur Stefan Rothbart über den Film und die starke Grazer Szene.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Auernig, erzählt „Bell Canto“ die Geschichte von einem Bettler, der auf dem Schlossberg in Graz tot aufgefunden wird. Für die Polizei ist es ein Unfall, aber Fremdenführer Tony Blauer (Andreas M.E. Hierzer) und sein britischer Kumpel Duncan (Adrian Sadler) glauben nicht daran. Bei ihren Recherchen entdecken sie, dass der tote Obdachlose in den 1970ern ein bekannter Opernsänger war, der bis zum Auffinden der Leiche eigentlich als entführt und spurlos verschwunden galt. Die Polizei ist ob solcher privater Ermittlungen selbstverständlich wenig erbaut. Und noch jemand beäugt die beiden Freunde misstrauisch: Die Entführer – und die setzen alles daran, dass die Vergangenheit im Dunkeln bleibt. Zeugen beseitigen inklusive.

„Bell Canto“ ist nicht nur der erste Spielfilm der Gruppe Drop Out Films Graz (D:O:F:G), sondern auch das Regiedebüt von Stefan Rothbart. Ursprünglich hat der 25-Jährige eine HTL für Flugzeugtechnik besucht, doch auf einem Sommerkurs wurde er mit dem Filmemacher-Virus infiziert. Mit einem Freund gründete er den Verein D:O:F:G, in dessen Rahmen Kurzfilme wie „KillaZ“ oder „Das Leben ist ein Traum“ verwirklicht wurden. Vor allem für ihr Erstlingswerk haben sie viel Lehrgeld zahlen müssen: „Wir haben uns einfach ins kalte Wasser geworfen. Anfangs sind wir ziemlich oft auf die Schnauze gefallen, aber wir haben wahnsinnig viel gelernt.“ Mittlerweile arbeitet Rothbart als freischaffender Autor und Filmemacher und ist neben einem Studium auch politisch tätig. Das soll aber nur eine Zwischenstation sein, denn der Grazer hat sich bei einigen Filmakademien im In- und Ausland beworben.

Dass im Independent-Bereich ein Roman verfilmt wird, ist schon mal sehr ungewöhnlich. „Den Autor, Heinz Auernig, lernte ich auf der Buchpräsentation kennen“, erzählt Rothbart im Interview. „Für mich war das eine ideale Geschichte, die mit unseren geringen Mitteln auch umsetzbar war. Heinz war von meiner Idee, sein Buch zu verfilmen, auch sofort angetan. Er ließ uns jegliche Freiheit bei der Umsetzung – er wollte einfach sehen, was andere aus seiner Geschichte machen“, so der Regisseur. Von 2006 bis 2008 saß Rothbart an der Drehbuch-Adaption. Eine gar nicht so einfache Aufgabe, da „Bell Canto“ nicht unbedingt der typische Filmstoff sei, findet Rothbart. Auch ließ er immer wieder Buchautor Auernig über die Drehbuchfassungen drüberlesen: „Für ihn musste die Geschichte immer noch stimmig sein, das war mir sehr wichtig.“

Nach den oben genannten Kurzfilmen, bei denen Rothbart vor allem als Autor und Produzent fungierte, wollte D:O:F:G mit „Bell Canto“ den Schritt in die „Königsklasse“ Spielfilm wagen. Für die Haupt- und wichtigen Nebenrollen konnten auch viele Akteure der Grazer Theaterszene verpflichtet werden. „Für die Hauptrolle des Tony Blauer kam für mich nur Andreas Hierzer in Frage. Ich kenne Andreas von meinem ersten Filmprojekt her. Früher hat er sehr viel Theater in Graz gespielt und war bei kleineren Produktionen dabei, bis wir ihn für uns entdeckt haben.“ Nur Adrian Sadler als Tonys Kumpel Duncan ist der einzige Laie in der Hauptbesetzung. Rothbart: „Er ist eigentlich Dozent an der FH Joanneum in Graz, aber wir brauchten unbedingt einen Engländer für die Rolle. Adrian hat sich dann als absoluter Glücksgriff erwiesen.“

Auch bekannte Gesichter wie der Kabarettist Reinhard Nowak („Muttertag“, „Jenseits“ von Loom) oder der Schauspieler August Schmölzer („Schindlers Liste“, „Tatort“) konnten für die Mitarbeit gewonnen werden. „Dass Reinhard Nowak und August Schmölzer zugesagt haben, war dann eine Überraschung. Eigentlich habe ich beide nur auf gut Glück angeschrieben – doch dass auch beide zusagen würden, damit habe ich nicht gerechnet. Besonders über die Zusage von August Schmölzer haben wir uns gefreut, da er eine wichtige Schlüsselrolle im Film übernahm“, erzählt der Filmemacher.

Den Cast zu finden war relativ einfach im Gegensatz zur Team-Findung. Da Rothbart und Co-Regisseur David Lapuch den Film in einem Stück drehen wollten, musste die Crew auch bezahlt werden: „Gute Leute können es sich nicht leisten, acht Wochen umsonst zu arbeiten. Das stellte uns auch finanzierungstechnisch vor ein Problem.“ Grob gerechnet hatte der Krimi ein Gesamtbudget von ca. 105.000 Euro, wobei 70.000 Euro von Sponsoren in Form von Sachleistungen (Versicherung, Catering, etc.) zur Verfügung gestellt wurden. „Wir mussten unsere zahlreichen Kontakte in der Branche ausnutzen, um auch die Kosten für das Equipment niedrig zu halten. Auch die Stadt Graz ist uns sehr entgegen gekommen – schließlich war es dem Bürgermeister ein persönliches Anliegen, diesen Film zu unterstützen“, erläutert Rothbart. Man darf wohl annehmen, dass die Überlegungen des Bürgermeisters auch tourismusfreundlicher Natur waren, schließlich zieren zahlreiche Grazer Sehenwürdigkeiten den Film. „Graz ist quasi ein eigener Hauptdarsteller“, gibt sich Filmemacher Rothbart überzeugt.

Gruppen wie Loom, DIEMfilm, Dreistil oder eben D:O:F:G machen Graz zum Hotspot für Indie-Filmer. Den Grund für das verstärkte Auftreten der Nachwuchs-Szene vermutet Regisseur Rothbart vor allem im Fehlen einer funktionierenden Filmwirtschaft in der steirischen Hauptstadt. Dem gegenüber stehen einschlägige Ausbildungsstätten wie die HTBLVA Ortwein, die für ständigen Filmernachwuchs sorgen. Für solche Leute ist eben auch D:O:F:G gedacht. „Mittlerweile ist D:O:F:G ein Netzwerk für Jungfilmer geworden. Wir bieten eine Plattform zur Präsentation, und da wir jetzt auch schon recht viel Erfahrung haben, beraten wir auch hin und wieder den Nachwuchs oder bieten Praktika an“, erläutert Rothbart. „Fakt ist aber: Die professionelle Szene ist in Deutschland bzw. auch in Wien. Was in der Steiermark an kommerziellen Filmen gemacht wird, ist im Grunde ‚ORF 2-Kinderkram‘ (Anm. der Redaktion: Auf ORF 2 laufen z.B. die Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen). Alles beschränkt sich auf TV, und TV ist eben nicht Film, sondern Fernsehen.“

Rothbart sieht das gewaltige Potenzial der steirischen Szene, ist aber mit der Gesamtsituation nicht ganz zufrieden: „Die jungen Leute haben einfach begonnen, sich selbst zu organisieren, weil es im Bereich Film ansonsten keine Aussichten gibt. Graz ist zwar ein gutes, kreatives Pflaster für den Nachwuchs, aber die Politik wird einiges tun müssen, um dieses Potenzial zu nutzen. Ansonsten wandern die Leute ab“, sieht der Filmemacher die Lage zwar nicht hoffnungslos, aber auch nicht unbedingt rosig. „Wir hatten ja das Glück, dass in den letzten zwei bis drei Jahren sehr viele TV-Produktionen in der Steiermark waren, was im Grunde gut für die Jobsituation der Filmemacher war, aber auch dazu geführt hat, dass die Fördertöpfe von ausländischen Produzenten abgegrast wurden“, meint der Regisseur.

Aus diesem Grund engagiert er sich auch seit längerer Zeit politisch gegen diesen „Fördertourismus“. „Es gibt eine sehr starke Tendenz hin zu einem steirischen Autorenkino. Graz ist dabei, sich von Wien unabhängig zum zweiten Filmzentrum zu entwickeln“, ist der 25-Jährige überzeugt. „Filme wie ‚Die unabsichtliche Entführung der Elfriede Ott‘ haben da wesentlich dazu beigetragen, dass die Politik auf den Geschmack von steirischen Produktionen gekommen ist“, erläutert Rothbart. „Und auch ‚Bell Canto‘ wird in der Rückbetrachtung wesentlich ernster genommen, weil er in Graz doch recht bekannt wurde.“

Nachdem mit der DVD-Veröffentlichung nun auch das letzte Kapitel der Produktion „Bell Canto“ abgeschlossen ist, kann sich Stefan Rothbart anderen Agenden widmen. Dabei wollen er und sein Team sich vom Nachwuchsfilm Richtung professionelle TV- und Kino-Branche weiterentwickeln. Rothbart: „Wir denken über die Gründung eines neuen Labels nach, das wir mehr kommerzieller ausrichten wollen – sprich: eine Firma. Es ist zwar alles noch sehr vage, aber vermutlich wird D:O:F:G unter anderen Betreibern weiterlaufen.“

Zurzeit sind auch einige Filmprojekte in Vorbereitung. So will Stefan Rothbart einen Kurzfilm, der kurz nach den Napoleonischen Kriegen in der Steiermark spielt, drehen. In diesem wird ein Kriegsveteran von einem Großbauern um Hab und Gut betrogen und sinnt auf Rache. Weiters arbeitet Rothbart gerade an einem historischen Roman über die Belagerung des Grazer Schlossberges durch die Franzosen im Jahre 1809, der als Grundlage für eine Verfilmung dienen soll. „Es gibt inzwischen ein paar interessierte Produzenten, denen die Story gefällt. Aber wie das bei Historienfilmen oft so ist, wird etwas gezögert. Daher soll die Geschichte zuerst als Roman kommen und bei entsprechendem Erfolg für eine Verfilmung herangezogen werden“, hofft Rothbart.

Autor: Rodja Pavlik

INFO: www.dropoutfilms.orgwww.bellcanto.at. Sämtliche Fotos mit freundlicher Genehmigung von D:O:F:G – Drop Out Films Graz.

Written by HomeMovieCorner

27. Juli 2011 um 17:42

Veröffentlicht in Articles

2 Antworten

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  1. Guter Einblick in die Indie-Szene in Graz. Auf jeden Fall kann man noch (und da hab ich sicher einige vergessen) arTrinity mit „Pass auf deine Wünsche auf“ (2009), Blancmange Entertainment mit den Episodenfilmen „Das ABC-Projekt“ (2006) und „Im Auto“ (2009), Schachtel Film / Runtime Error mit „Licht in leeren Häusern“ (2009) oder Murfilm mit der Dokumentation „murtreiben“ (2011) dazuzählen.

    Infos:
    http://www.artrinity.net
    http://www.im-auto-film.com
    http://www.lilh.at
    http://www.murtreiben.at

    Bernhard Lukas

    28. Juli 2011 at 06:43

    • Danke für die Gruppen. Artrinity (den Kurzfilm „Klassentreffen“ finde ich echt böse) und Schachtel Film habe ich vergessen zu erwähnen. Es ging mir auch nicht so sehr um Name dropping (was ich, wie ich anhand Deiner Liste entnehme, vielleicht doch hätte machen sollen), sondern ich wollte anhand einer Gruppe das kreative Biotop von Graz vorstellen, die Rahmenbedingungen, die Graz bietet (bzw. was sich nach Meinung der Kreativen noch ändern sollte). Ich muss zugeben, dass dazu ein Interview nicht ausreichen würde – aber Stefan Rothbart hat die Situation (für mich als Außenstehenden) recht gut erklärt. Siehst Du es eigentlich ähnlich?

      HomeMovieCorner

      28. Juli 2011 at 07:51


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