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Unter Wölfen

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Firmenchef Stromberg lädt seine Angestellten zu einem Jagdausflug nach Tschechien ein. Als es einen Toten gibt, versuchen die Jagdgäste entweder Beweise für ihre Schuldlosigkeit zu finden oder falsche Spuren zu legen. Mit ihrem Diplomfilm ‘Unter Wölfen’ gelang René Sydow und Daniel Hedfeld ein gelungenes Kammerspiel über die Psyche des Menschen.

Sebastian Sommerfeld (Sebastian Drax) hat scheinbar das große Los gezogen – zusammen mit seiner Verlobten Iris (Kathrin Hildebrandt) ist er zur Jagdgesellschaft seines Bosses Otto Stromberg nach Tschechien eingeladen. Obwohl auf der Jagd prinzipiell das Du-Wort gilt, herrschen auch hier die Firmen-Hierarchien. Da sind Chef Otto, Klaus, der alt eingesessene Ernst, der aufstrebende Sebastian – und auf der anderen Seite Heiner, der zusammen mit Otto die Firma aufgebaut hat, aber irgendwann aus mysteriösen Gründen ausgebootet wurde.

Die Stimmung in der Jagdhütte ist nicht besonders gut – fast feindselig zwischen Otto und Heiner. Am nächsten Tag passiert auch das Unglück: Otto wird erschossen von Ernst, dem einzigen Angler unter all den schießwütigen Jägern, aufgefunden. War es ein Unfall? Oder Mord? Fast jeder könnte die Möglichkeit gehabt haben, den Firmenchef zu töten. Sebastian muss erkennen, dass Otto in seiner Schusslinie stand, Heiner hätte ein Motiv – ebenso wie Juniorchef Klaus, der nun die Firma alleine leiten würde.

Nun fangen die Verdächtigungen an; mögliche Beweise werden vernichtet, falsche Spuren gelegt und Intrigen gesponnen. Jeder wendet sich gegen jeden – und nur der tschechische Förster wird von allen als gemeinsamer Feind akzeptiert. Obwohl… wie man den zum Schweigen bringt, darüber gehen die Meinungen auch schon wieder auseinander.

Mit nur 12.000 Euro Budget gelang den beiden Filmemachern René Sydow und Daniel Hedfeld (beide Drehbuch, Regie, Kamera und Musik) ein beeindruckendes Kammerspiel über die Psyche des Menschen. Aber ein so asoziales Verhalten wie die Menschen im Film an den Tag legen, besitzen Wölfe eigentlich nicht. Den Vergleich versteht man besser, wenn man den englischen Philosophen Thomas Hobbes zitiert: „Der Mensch ist des Menschen Wolf.“

Neben den gelungenen Einstellungen fallen in diesem all zu menschlichen Psychothriller vor allem die wirklich ausgezeichnet agierenden Schauspieler auf: Besonders Jochen Kolenda („Wilsberg“, TV-Soap „Rote Rosen“) als eigensinniger Chef Otto Stromberg und Wolfgang Kraßnitzer als aufs Abstellgleis geschobener Kompagnon Heiner Klebb brillieren. Interessant auch, dass der Wiener Schauspieler Ernst Konarek („Trautmann“, „Ein fast perfekter Seitensprung“), der sonst eher für kauzige Charaktere bekannt ist, hier mal seine rabiate Seite zeigen darf.

Obwohl die Filmemacher Hedfeld und Sydow im Audiokommentar immer wieder auf Tonprobleme und fehlendes Licht-Equipment aufgrund des Mini-Budgets hinweisen, sind diese technischen Mängel relativ leicht zu verschmerzen. Ja, manchmal gelingt es ihnen auch, diese Mankos als Stilmittel einzusetzen: Das Halbdunkle verleiht z.B. jenen Szenen, in denen die Hobbyjäger allein in ihren Zimmern mit ihren Waffen hantieren und sich auf die Jagd vorbereiten, eine fast makabre Intimität.

Die DVD enthält zusätzlich zum Hauptfilm noch folgende Extras: Originaltrailer, ein Interview mit den beiden Filmemachern, Outtakes, einen kurzen Blick hinter den Kulissen – und das wirklich hörenswerte Audiokommentar. Beim Betrachten des Films entstehen aufgrund des miefigen Jagdhauses und diverser Nahrungsmittel wirklich der Eindruck, dass das Ganze in Tschechien gedreht wurde. Nur: Das Haus steht in Deutschland, während die Produkte massenhaft bei einem Shopping-Ausflug im Nachbarland eingekauft wurden. So nette Details erhöhen die Glaubwürdigkeit des Films und sorgen für einen “Aha”-Effekt beim Zuschauer.

Autor: Rodja Pavlik

Bilder: Epix

INFO: „Unter Wölfen“ – Psychothriller, ca. 82 min., D 2005. 1 DVD. Regie/Drehbuch/Schnitt/Musik: Daniel Hedfeld, René Sydow . Kamera: Daniel Hedfeld . Ton: David Radnai . Darsteller: Jochen Kolenda, Sebastian Sommerfeld, Kathrin Hildebrand, Ernst Konarek, Wolfgang Kraßnitzer, u.a. Budget: ca. 12.000,- Euro . Produzenten: Daniel Hedfield, René Sydow, Stefan Michels . Label: Epix. Im Handel erhältlich u.a. bei Amazon.

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Written by HomeMovieCorner

29. August 2011 um 17:48

Veröffentlicht in Reviews

3 Antworten

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  1. Die DVD liegt bei mir schon seit Monaten herum aber erst jetzt bin ich dazu gekommen mir den Film anzusehen. Den Titel find ich nicht wirklich passend aber daran soll man sich nicht stören.

    Wirklich gestört hat mich die schwankende Tonqualität. In manchen Szenen waren die Dialoge schwer zu verstehen. Klar, das ist eine Budgetfrage und es ändert ja auch nichts am guten Gesamteindruck, dennoch war es ein wenig störend. Im Finale auf derart viel Kunstblut zu setzen hat mir auch nicht gefallen. Damit wäre ich aber auch schon am Ende mit meinen Kritikpunkten.

    Das war ansehnlich inszeniert, gut gespielt und interessant anzusehen. Wirklich gut gemacht.

    Patrick

    13. Januar 2012 at 16:15

    • Freut mich, dass der Film – trotz seiner technischen und budgetbedingten Mängel – zu gefallen wusste. Den Titel fand ich wiederum sehr passend, aber beim Ende muss ich dir recht geben. Aber ich habe mir auch gedacht, dass sie da eben eins drauf setzen wollte und das Ganze ein bisschen ins Surreale kippen wollten. Weiß nicht, ob das mit dem Kunstblut beabsichtigt war, dass es eben so künstlich wirkte. Aber bei mir verstärkte sich eben dadurch das Gefühl der Surrealität.

      Für mich ein Kleinod im Indie-Filmbereich – vor allem, weil die Handlung durch die Charaktere und ihre Beziehungen untereinander als durch Einflüsse von außen vorangetrieben wird. Sehr menschlich und sehr genau beobachtet von den Filmemachern, wie ich meine.

      HomeMovieCorner

      14. Januar 2012 at 09:24

  2. […] Unzeiten habe ich zu “Unter Wölfen” von Rene Sydow und Daniel Hedfield eine Rezension abgeliefert. Nun habe ich auf Netzkino.de entdeckt, dass der ganze Film dort gratis und legal zu […]


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