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Der Neue Österreichische Trickfilm

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Tricky Trio: Swiczinsky, Tambour und Schiehsl (Rodja Pavlik)

Über Benjamin Swiczinsky, dem Chefanimator von Philipp Hochhausers „Faust“, habe ich ja schon des öfteren berichtet. Auch darüber, dass er zusammen mit Conrad Tambour und Johannes Schiehsl die Gruppe „Neuer Österreichischer Trickfilm“ gegründet hat, um selbigem neues  Leben einzuhauchen. Die österreichische Zeitschrift „e-media“ hat in Ausgabe 17/11 dem Trio einen Artikel gewidmet und diesen freundlicherweise dem HomeMovieCorner zur Verfügung gestellt.

Animiert in Österreich

Österreich ist nicht gerade das Land der Trickfilme. Benjamin Swiczinsky, Conrad Tambour und Johannes Schiehsl haben sich zur Künstlergruppe „Neuer Österreichischer Trickfilm“zusammengeschlossen, um das zu ändern.

Animationsfilme werden in Österreich nur für eine kleine, sehr speziell kunstinteressierte Szene hergestellt. Abseits der Avantgarde findet der Trickfilm gerade noch mäßige Verwendung in der Werbung – aber auch hier können die Spots an einer Hand abgezählt werden.

Swiczinsky bei den Arbeiten zu "Heldenkanzler" (NÖT)

Problem Förderung

Die Filmförderung ist nicht für Trickfilmer gerüstet. In der diesjährigen dritten Jurysitzung des Österreichischen Filmfonds wurden aus 41 Einreichungen zwölf Filmen Förderungen zugesagt. Sechs Spiel- und sechs Dokumentarfilme – davon ein Animationsfilm. Benjamin Swiczinsky wundert das gar nicht: „Man muss einen riesigen Berg an Formularen ausfüllen, scheitert aber an Fragen nach dem Drehort oder zum Beispiel dem Oberbeleuchter. Füllt man diese Punkte nicht aus, kann man die Unterlagen auch nicht versenden. Und da geht es noch gar nicht um den Film, die Geschichte an sich.“ Hinsichtlich Ausbildung sieht es ähnlich aus – wenig und schlecht (Ausnahme: FH Salzburg). Daher haben sich die Wiener auch nicht an der Angewandten kennen gelernt, sondern am Institut für Animation, Visual Effects und digitale Postproduktion der renommierten Filmakademie Baden-Württemberg. Nach fünfjähriger Ausbildung legten sie dort ihre Abschlussarbeiten vor und organisierten eine Premiere in Wien, bei der sie die drei Kurzfilme einer interessierten Öffentlichkeit präsentierten.

"366 Tage" (Filmakademie Baden-Württemberg)

Niemand organisiert eine Veranstaltung, nur um vor Publikum quasi sein Zeugnis zu zeigen. Der Hintergedanke: mit potenziellen Förderern in Kontakt zu kommen und dafür zu sensibilisieren, dass die Filmlandschaft in Österreich um das Medium narrativer Trickfilm erweitert werden könnte. Netzwerke zu knüpfen und Partner zu finden – also Produktionsfirmen, TV-Sender, die koproduzieren möchten, Studios, Animatoren, Oberflächen-Designer etc. – steht im Moment im Vordergrund für die tricky Gruppe. Regelmäßig führt sie die Reise zurück an ihren Uni-Standort Ludwigsburg – dort finden sie Unterstützung in Form der technischen Infrastruktur und bestens ausgebildete, innovative Filmschaffende. Dass die Premiere auch medial punkten konnte, führen die Künstler ganz realistisch auch auf die Tatsache zurück, prominente Stimmen wie Erwin Steinhauer, Ernie Mangold, Erwin Leder oder Peter Hörmanseder für ihre Filme gewonnen zu haben. „Bekannte Schauspieler zu haben hilft der Verwertung der Filme sehr, erweitert aber auch das Repertoire der Mimen“, so Schiehsl.

Schauspieler – nicht Stimmen

Wobei Stimme eben der falsche Begriff ist – wie Hosea Ratschiller („366 Tage“ von Johannes Schiehsl), die Entstehung schildert: „Narrativer Trickfilm funktioniert ein bisschen wie synchronisiertes Radio. Das Tolle dabei ist, dass die erzählten Bilder sich im Kopf jedes einzelnen Hörers individuell vervollständigen dürfen. Man fühlt sich nicht nur involviert, man ist in hohem Maße aktiver Teil der Inszenierung. Diese gleichzeitig bilderlose und reich bebilderte Situation ist aber auch für den Stimm-Performer überaus reizvoll. Im besten Fall kann man sie nützen, um angstfrei zu Nuancen seiner Performance vorzudringen. Der Trickfilm nützt diese Anordnung sehr schlau. Die Stimmaufnahmen stehen am Anfang der Produktion, dann erst kommt die Animation. Wir Performer modellieren mit unseren Stimmen sozusagen den Charakter, den Bewegungsfluss späterer Figuren. Eine wunderschöne Aufgabe. Besonders unter Anleitung von astreinen Spitzentypen wie den Neuen Trickfilmern.“

Erni Mangold und Erwin Steinhauer leihen ihre Stimmen (NÖT)

Auch für Peter Hörmanseder/maschek. („366 Tage“) war es eine ganz neue Arbeitsweise: „Mir fiel es sehr schwer, weil ich kein Schauspieler bin und normalerweise nur mit bewegten Figuren arbeite. Jetzt musste ich einen Charakter entwickeln, das war nicht leicht, aber das war auch die Herausforderung – finde ich.“ Erwin Leder, der den „Heldenkanzler“ gibt, ist ebenfalls begeistert: „Mit den Jungen ist das ganz toll, weil die sind noch richtig schön innovativ und neu und frisch. Da kann ich als – sozusagen – alter Hase Erfahrung reinbringen, und das kann dann ein schönes, neues Ganzes werden.“ Erwin Steinhauer bekam das Drehbuch im Josefstadt-Theater in die Hand gedrückt und hat sofort zugesagt, den Sohn in Conrad Tambours „Der Besuch“ zu geben. Dass daraus ebenfalls ein schönes, neues Ganzes wurde, beweisen die Preise, die dieser mittlerweile für seine Abschlussarbeit abräumen konnte. Der besondere Höhepunkt, aber nicht das Ende des Preisregens war dabei natürlich die Vorstellung beim „Next Generation Short Tiger 2011“ im Rahmen des Filmfestivals in Cannes.

Das große Ziel

Preisgelder sind zwar eine nette Draufgabe, einen Film kann man damit aber nicht finanzieren. Zwischen 2,4 und 12 Mio. Euro muss man für einen längeren Trickfilm veranschlagen. Das große Ziel der Nachwuchs-Disneys: ein abendfüllender, charakterbasierter Film für Erwachsene, mit einer Geschichte, die den Zuseher mitnimmt. Daher sind die Kontakte, die bei Festivals geknüpft werden, der wahre Nutzen. Um den klassischen, narrativen Trickfilm realisieren zu können, benötigt man viele gute Kooperationspartner in ganz Europa, zwei bis drei Länder sind fördermäßig gefordert und an der eigentlichen Produktion ebenso viele Studios beteiligt. Die Filmer sehen jedoch das Riesenpotenzial, das im Animationsfilm liegt. So ist es möglich, alles, was denkbar ist, auch umzusetzen. „Mit raffinierten Ideen, Andeutungen und Abstraktionen kann man den Zuseher in jegliche Zeit und Situation versetzen“, ist Swiczinsky überzeugt. Dass sie für ihre Diplomfilme kritische Stoffe gewählt haben, liege an der Freiheit des Studentenfilms. Die Zukunft sehen die Trickies im Erzählen animierter Geschichten. Dass vor dem Abendfilm der Weg wahrscheinlich über die Werbung geht, ist ihnen dabei bewusst. Sie sehen hier große Chancen, Unternehmen von der breiten werblichen Masse hervorzuheben. Auch Fernsehsender könnten sich mit einer Trickfilm-Schiene von ihren Mitbewerbern abheben.

"Heldenkanzler" (Filmakademie Baden-Württemberg)

Trickfilm kann jeder, na ja fast … „Ein bisschen zeichnen sollte man können, auch aus dem Leben schöpfen und wissen, wie Bewegung funktioniert“, ist die kleine Einschränkung, wenn man selbst einen Trickfilm machen möchte. Als Ausstattung reichen eine Idee, eine Kamera und je nach Technik dünnes Papier, ein Leuchttisch oder von unten beleuchtetes Glas und ein Computer-Schnittprogramm. Letzteres kann man in recht guter Qualität bereits als Freeware aus dem Internet laden – etwa VideoPad. Für die komplexen 3D-Animationen ist ein Kurs empfehlenswert – Open-Source-Software (3D-Paket Blender) gibt es auf erstaunlich hohem Niveau im Netz.

Quelle: e-media (Nr. 17/11) – mit freundlicher Genehmigung

Bild: Gruppenfoto: Copyright Rodja Pavlik / Screenshots Trickfilme: Copyright Filmakademie Baden-Württemberg / Making Of-Fotos: NÖT – Neuer Österreichischer Trickfilm.

INFO: http://www.neuer-trickfilm.at/

Die Trickfilm Premiere from Neuer Trickfilm Österreich on Vimeo.

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Written by HomeMovieCorner

22. September 2011 um 07:08

Veröffentlicht in Articles

Eine Antwort

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  1. THUMBS UP!!! Aber vergesst mir doch bitte die FH-Hagenberg und den Master für Digital Arts nicht!

    Remo Rauscher

    22. September 2011 at 09:57


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