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Stadt Land Fluss

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Drei sind einer zuviel

Eine Frau, zwei Männer, drei Episoden aus ihrem Leben: Jakob liebt Tina, doch die hat grad was mit Peter – und das ist Jakobs ehemals bester Freund. Als sich die Situation in der Stadt zuspitzt, flüchtet Peter aufs Land. „Stadt Land Fluss“ von Stefan Butzmühlen und der Künstlerplattform querform ist eine äußerst vergnügliche No Budget-Indie-Komödie.

Stadt: Seit langer Zeit ist Jakob in seine rassige WG-Mitbewohnerin Tina verliebt. Zu seinem Glück hat sie ihm schon ein paar Mal ihre Gunst geschenkt. Zu seinem Pech tut sie das neuerdings auch bei Peter, seinem – nun mehr – ehemals besten Freund. Es kommt, wie es kommen muss: Jakob und Peter streiten sich und werden handgreiflich. Doch genau das belebt ihre alte Freundschaft wieder und sie kommen zu einer Art Vereinbarung; eine, die irgendwie logisch klingt, aber man weiß ja: In Sachen Liebe kann die Logik nur verlieren. Schließlich reicht es Peter, er flieht aufs…

Auf der Alm, da gibt’s ka Sünd?!?

Land: Peter lebt und liebt jetzt in Südtirol. Mit Fanny scheint er endlich sein Glück gefunden zu haben. Den Lebensunterhalt verdient er sich als Schilehrer; außerdem bauen Fanny und er eine Schi-Pension auf – und heiraten wollen sie außerdem noch (Peter weiß allerdings nicht, dass es einen sehr guten Grund dafür gibt). Eine, die eine Einladung zur Hochzeit bekommen hat, ist Julia. Sofort macht sie sich auf – aber nicht, um Peter und Fanny zu gratulieren. Sie will es noch mal wissen: Liebt Peter sie noch? Würde er wirklich diese Landpomeranze Fanny ihr vorziehen? Und noch jemand macht sich auf den Weg nach Südtirol: Jakob, der eigentlich glaubte, dass zwischen ihm und Tina nun alles bestens sei. Es kommt zur zwischenmenschlichen Katastrophe.

Fluss: Ein Jahr später. Tina hat eine Stelle als Managerin an Bord eines Ausflugsschiffes angenommen. Es gehört ihrem Vater. Als solche fährt sie nun die Donau rauf und runter und ist für das leibliche Wohl der Gäste verantwortlich. Ihr haben es Jakob und Peter zu verdanken, dass ihre Band auf dem Schiff ein Engagement bekommen hat. Fortan singen sie zünftige Hadern, obwohl ihre Herzen doch für den Jazz schlagen. Tina wiederum hofft, dass sie Jakob durch die Anstellung in ihrer Nähe halten kann und sie sich wieder aussöhnen. Doch der Betrogene denkt gar nicht daran, träumt lieber von einem Jazzfestival, bei dem die Band ihren großen Durchbruch feiern könnte. Als sich ihnen die Chance bietet, will Jakob sofort die Anstellung an Bord auflösen. Tina besteht – teils aus persönlichen Gründen – auf die Erfüllung des Vertrags. Und Peter? Der ist im Zwiespalt: Einerseits will auch er die Chance nützen, andererseits braucht er das fixe Einkommen, um seinen Alimentezahlungen an Fanny nachzukommen…

Ein Schiff als eigener Hauptdarsteller

Die Gruppe querform wurde 2003 im Rahmen des Filmprojekts „Kraut und Gurken“ – einer Art Vorarbeit zu „Stadt Land Fluss“ gegründet. Sie versteht sich als Zusammenschluss junger Kunstschaffender, die aus unterschiedlichen Sparten wie Film, Musik und Fotografie kommen. Zugegeben, ich war skeptisch, als ich das erste Mal von „Stadt Land Fluss“ hörte. Mein erster Eindruck aufgrund der Homepage und der Pressetexte: Ein recht improvisierter Episodenfilm von einer mir unbekannten Plattform – und noch dazu so richtig „künstlerisch“. Da schrillen bei einem alten Indie-Fan die Alarmglocke. Doch Hut ab, querform ist da wirklich eine unterhaltsame, teils frivole Tragikomödie gelungen – und das bei einem Mini-Budget von rund 3.200,- Euro.

Technisch sauber gemacht, ohne viel Schnickschnack – und das ist auch gut so, schließlich handelt es sich um eine „normale“ Geschichte“ von „normalen“ Leuten. Spaß machen die mit vielen skurrilen Details ausgestatteten Szenen: Als Fanny z.B. Tina vom Bahnhof abholt, müssen sie wegen einer marschierenden Blaskapelle anhalten. Oder Jakobs vergebliche Suche nach einer Herberge (raffiniert verhindert von Tina). Dabei gelingt es den Filmemachern, das Leben am Land nicht als hinterwäldlerisch darzustellen, sondern eben als… anders. Ein nicht vorverurteilender „clash of cultures“, wenn man das so sagen kann. Neben den ausgezeichnet agierenden Schauspielern (Tobias Fend, Martin Hofstetter, Julia Rani Ottermann, aber auch die Nebendarsteller sind superb besetzt) glänzen vor allem auch die sorgfältig ausgewählten Locations. Gut, Wien ist für mich nicht unbedingt exotisch, aber sowohl Südtirol als auch das Ausflugsschiff (fast ein eigener Hauptdarsteller) lassen ein bisschen Fernweh aufkommen.

Hier spielt die Musi!

Bei der Premiere 2006 im Top Kino erzählten die Filmemacher, dass sie nicht wirklich ein fertiges Drehbuch für den Film hatten, sondern die drei Episoden durch verschiedene Arten der Improvisationen entstanden. Insofern also ein recht interessanter Film, wenn darin nicht auch das störende Manko liegen würde. Sowohl „Stadt“ und „Land“ funktionieren eigenständig. Im ersten Teil wird die Gefühlswelt und das Dilemma der drei Protagonisten vorgestellt. Es geht um Gefühle und Konflikte. In „Land“ wiederum wird eine ausgereifte Geschichte mit ausreichend Irrungen und Wirrungen erzählt. Doch gerade „Fluss“, der Abschluss der Trilogie, wirkt irgendwie halbgar. Es ist ein lästiges Anhängsel, das nach einem starken Ende schreit. Aber nichts geschieht, eine Auflösung wird nur angedeutet – die Dramatik verpufft. Ein bisschen Mut zu einer Entscheidung hätte dem Film da wirklich gut getan. Aber vielleicht muss so viel „künstlerische Freiheit“ sein.

Anmerkung: Die Rezension bezieht sich auf die Vorführung von 2006. Zwar ist die Website der Gruppe querform noch online, aber es hat sich schon lange nichts mehr darauf getan. Insofern kann ich nicht bestätigen, dass die Kunstgruppe noch aktiv ist. Auch eine versuchte Kontaktaufnahme heuer hat nicht gefruchtet.

Autor: Rodja Pavlik
Bilder: http://querform.xray.at

INFO: querform – Plattform für Kunstschaffende: „Stadt Land Fluss“ – A/I 2006, Spielfilm, Trilogie – ca. 65 min. Regie: Stefan „Botho“ Butzmühlen. Bildregie: Stefan Neuberger. Buch: Tobias Fend, Stefan Butzmühlen. Ton: Jonathan Schorr, Philipp Hofmann, Werner Angerer. Musik: Michael Bruckner, Clemens Wenger, Martin Hofstetter, Tobias Fend. Produktionskosten: ca. 3.200,- Euro. Darsteller: Julia Rani Ottermann, Martin Hofstetter, Tobias Fend, Andrea Haller, Justin Mühlenhardt, Theo Rufinatscha. Homepage: http://querform.xray.at

Written by HomeMovieCorner

31. August 2012 um 13:10

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