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Reality XL – Realität ist ein Traum

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Profi goes independent… heißt das nicht, ein Pferd von hinten aufzäumen? Der renommierte Regisseur Tom Bohn („Tatort“, „Straight Shooter“) ist das Wagnis eingegangen und hat mit „Reality XL“ sein eigenes Skript um einen größenwahnsinnigen Quantenforscher gleich selbst verfilmt. Ein Experiment, das in der Szene für etwas Aufregung sorgte.

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Der an den Rollstuhl gefesselte und gesundheitlich arg angegriffene Quantenphysiker Konstantin Carus (Heiner Lauterbach) ist im Stress. Er sitzt in seinem Arbeitszimmer vor Formeln und Berechnungen. Die Lösung liegt so nah… so verdammt nah!

Am 13. Jänner treten 24 Wissenschafter im Kontrollraum des Teilchenbeschleunigers LHC am CERN zur Nachtschicht an. In den frühen Morgenstunden kommt jedoch nur ein einziger Forscher aus diesem Hochsicherheitstrakt heraus: Konstantin Carus. Von den übrigen 23 Personen fehlt jede Spur.

Verständlich, dass die Behörden hochgradig nervös sind. Die Schweizer verfrachten Carus an einen geheimen Ort, wo er von der seltsam vertraut wirkenden Ermittlerin Sophie Dekkers (Annika Blendl) und dem leicht hinkenden Staatsanwalt Robin Spector (Max Tidof) in die Zange genommen wird. Als Dritter im Bund ist da auch noch der mysteriöse Schriftführer Antoine, der alles – aber auch wirklich alles – peinlich genau protokolliert.

Staatsanwalt Spector auf Tuchfühlung

Was ist nun in dem Kontrollraum geschehen? Wo sind die 23 Personen, alles Menschen mit Geschichte und Familie? Hat sich ein temporäres Schwarzes Loch gebildet, wie Kritiker des LHC immer befürchteten? Oder wurde gar das „Gottesteilchen“, welches das Wesen der Existenz ein für alle Mal erklärt, entdeckt? Der hochintelligente Carus weiß die Antwort, hält aber die Menschheit generell – und die Ermittler besonders – für geistig noch nicht reif für die Lösung zu den Rätseln der Existenz. Dekkers, Spector und Antoine scheinen dem immer launischer agierenden Carus nicht gewachsen zu sein.

Und dann kommt eine Wendung, die so ziemlich alles verkackt…

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Bevor ich nun zur Kritik komme, möchte ich etwas vorausschicken: Im Großen und Ganzen versuche ich, unparteiisch und unvoreingenommen zu bleiben. Allerdings ist das bei Tom Bohns „Reality XL“ nicht so leicht möglich, da ich einige Zeit lang die Chefredaktion für Bohns Seite Indie-Stars.de schmiss, als diese noch Independent-Filme zeigte. Auch verfolge ich das Projekt von der Drehbuch-Phase an, bin sozusagen ein Insider. In meinem Fall ist so ein Vorwissen aber nicht unbedingt von Vorteil, da ich bei Bekannten meist strenger urteile als bei mir fremden Filmemachern. Obwohl ich also versuche, so objektiv wie möglich zu sein, kann es passieren, dass diese Rezension subjektiver wird, als Kritiken normalerweise eh schon sind.

Das Faszinierende an der Entstehungsgeschichte von „Reality XL“ ist vor allem der Werdegang des Regisseurs. Während normalerweise ein Independent-Film der Versuch eines namenlosen Filmemachers ist, sich bekannt zu machen, ist „Reality XL“ ein interessantes Experiment, denn Bohn ist ein bereits arrivierter Regisseur. Er drehte mehrere „Tatorte“ fürs Fernsehen, den – zu Recht – gelobten Zweiteiler „Das Kommando“ mit Robert Atzorn, sowie mit „Straigth Shooter“ (Heino Ferch, Dennis Hopper) auch einen Actionfilm fürs Kino. Und ausgerechnet so jemand beschließt, einen selbst entwickelten Stoff zu verfilmen – und das ganz ohne Förderungen und nur mit eigenen Mitteln (laut aktuellen Informationen 90.000 Euro Budget). Ui, da blies von so mancher Seite aus dem Indie-Bereich ein harter Wind entgegen: Ein Profi und „unabhängiger Film“ – das geht doch gar nicht. Tja, Pech gehabt, geht wohl, denn: eigenes Geld, eigenes Risiko = Independent. Dass der Filmemacher aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit Zugang zu anderen Ressourcen als ein No Name hat, ändert nichts daran. Und wenn er Heiner Lauterbach („Männer“, „Hindenburg“, „Schutzengel“), Max Tidof („Comedian Harmonists“) und andere Schauspieler sowie Profis hinter der Kamera versammeln kann, so sollte das ja zumindest die Qualität des Produktes heben. Und damit kommen wir zum eigentlichen Problem des Films.

Was weiß Professor Carus?

Die Frage, ob „Reality XL“ ein guter Film ist, muss ich mit einem „Nein“ beantworten. Nicht falsch verstehen, denn der Mysterythriller ist auch kein absolut schlechter Film. Die Schauspieler agieren gut in den doch eher facettenarmen Rollen, alles ist nett und brav inszeniert, die Location ist toll, die Requisiten superb, der Look etwas konservativ und mehr TV als Kino – das ist aber an sich nichts Schlechtes. Allerdings ist da nicht wirklich etwas, das einem den Atem raubt. Selbst im Bereich des Kammerspiels gibt es wesentlich Spannenderes (siehe dazu demnächst die Rezensionen zu „Die Muse“ bzw. „Suicide Club“). Und nur, weil die Quantenphysik ein hochkomplexes Thema ist, heißt es noch lange nicht, dass der Film „intelligent“ ist.

Das Problem ist die Geschichte und der zu viel verheißende Titel: „Reality XL“ – da wird ein Spiel mit der Wirklichkeit versprochen. Etwas, das den Zuschauer an der eigenen Wahrnehmung zweifeln lässt. Was ist wahr und was nicht? Und genau dieses Versprechen löst der Film nicht ein.

Antoine protokolliert alles. ALLES!

Wenn mir nämlich jemand schon die Wirklichkeit in Übergröße verspricht, dann erwarte ich mir bitte schön auch einen Mindfuck allererster Güte. Etwas, das mindestens in Richtung des meiner Meinung nach eher schwachen „Inception“ (der Vergleich wird im Pressetext erwähnt), besser noch aber „Memento“ geht. Herausgekommen ist aber bei „Reality XL“ eher eine Art „Weihnachtsgeschichte“ à la Charles Dickens. Ein harmloser Spaß, der mit einem Tango (sic!) seinen Höhepunkt erreicht. Das hätte Anfang der 1990er für einen schwachen Zweiteiler von „Akte X“ gereicht. Heute kommt das eher antiquiert rüber.

Tom Bohns „Reality XL“ hätte wirklich ein Paukenschlag der deutschen Indie-Szene werden können. Es gibt viele Aspekte, die diesen Film vor allem in punkto Produktion noch immer interessant und zukunftsweisend machen. Ich meine, wann hat es denn das im deutschsprachigen Raum schon gegeben? Eine Low-Budget-Produktion mit Profis besetzt, von den Schauspielern bis hin zur Crew. Da die Budgets im regulären Filmbetrieb immer niedriger werden, glaubt Bohn, dass die Indie-Szene durchaus für arrivierte Regisseure ihre Reize hat. Auch er selbst plant laut seiner Produktions-Site weitere Projekte. Der Ansatz ist ja auch gut und richtig, hoffen wir nur, dass die Skripte dann auch das gewisse Etwas bieten.

Den Film kann man mit Werbeunterbrechungen legal auf MyVideo.at (direkter Link) bzw. MyVideo.de (bitte suchen, von Österreich kann ich leider keinen direkten Link legen).

Rodja Pavlik
FOTO: Indie-Stars

INFO: „Reality XL – Realität ist ein Traum“ – Mystery, D 2012, 83 min. Regie/Drehbuch: Tom Bohn. Kamera: Martin Schlecht. Musik: Hans Franke. Szenenbild: Joachim Schäfer. Requisite: Sabine Bauer. Kostüm. Claudia Unter. Maske: Britta Jost. Produktion: Indie-Stars Filmproduktion, Tom Bohn, Hans Franek. Executive Producer: Wolfgang Illnicki. Darsteller: Heiner Lauterbach, Max Tidof, Annika Blendl, Godehard Giese. Weitere Informationen unter http://www.indie-stars.de bzw. http://www.reality-xl.com

Trailer:

Written by HomeMovieCorner

14. Januar 2013 um 17:51

Veröffentlicht in Reviews

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6 Antworten

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  1. Gute Rezension wenngleich ich bei weitem nicht so hart mit dem Film ins Gericht gehe. Auch wenn ich die Tango-Szene nicht mochte, fand ich das Kammerspiel und seine Auflösung (auf die leider ohnehin viel zu früh hingewiesen wird) schon recht stimmig.

    Die etwas eindimensionalen Rollen fand ich schon ganz passend, vor allem da es am Ende ja ohnehin eine Erklärung dafür gibt. Mir missfiel nur der Titel der, wie du schön ausführst, zu viel verspricht und meiner Meinung nach auch einfach furchtbar klingt. „Reality XL“ hat eher den Klang eines schwachen PC-Spiels.

    Lobend hervor heben möchte ich Godehard Giese. Der hat seine Rolle wirklich sehr gut gespielt.

    Patrick

    16. Januar 2013 at 13:33

    • Ja, vielleicht wäre sie nicht so hart ausgefallen, wenn ich nicht schon das Skript vor Drehbeginn gelesen hätte. Da hatte ich schon dieses „Das ist jetzt aber nicht sein Ernst, oder?“-Gefühl. Eben diese Ebenezer-Scrooge-Sache, die ja in der Filmgeschichte zig Mal gezeigt wurde. Ich habe Bohn darauf hingewiesen, er meinte aber, dass das schon passen würde, so ein Drehbuch sagt ohne Inszenierung nichts aus. Leider hat die Inszenierung nicht wirklich an Spannung dazu beigetragen.

      Patrick, du hast den Film ja auch rezensiert (nur die Site offline gestellt). Hast du nicht Lust, deine Rezension als Kommentar anzufügen?

      Ja, Giese war gut. Ich habe aber auch Tidof gut gefunden.

      HomeMovieCorner

      16. Januar 2013 at 13:54

  2. Ab dem Tago wird der Film zusehends schwächer. Schade.

    Gerhard

    22. Februar 2013 at 03:24

  3. Was die Story sagt, ist ja schon interessant, es kommt dann allerdings ganz schnell ganz anders und der übrig gebliebene Wissenschaftler bildet sich ein das alles Selbst gemacht zu haben, die Fähigkeit zu haben mit Materie rumzuspielen, kurz gesagt. Das wirkt dann schnell alles sehr weit hergeholt aber dennoch irgendwie interessant. Ich will da gar nicht zu viel verraten nur so viel, dass das Ende dann unerwartet anders kommt und beim Ende dann nochmal etwas passiert, was ich eigentlich völlig schwachsinnig empfand und den Film schon so ein wenig kaputt gemacht hat. Das fand ich sehr schade, denn überraschenderweise hat mich der Film bis dahin, auch wenn es so wirr und abgedreht war, von der Story her begeistert.

    Daniel

    24. September 2014 at 09:06

  4. Großer Quark. Die wissenschaftliche Seite wird hier falsch ind wirr wiedergegeben. Da hilft es mir auch nicht, wenn das Mittel zum Zweck sein soll.
    – Die kleinsten Teilchen sind die Quanten? Ganz sicher nicht. Vor allem, da er vorher noch erwähnt, dass nicht klar ist was „ganz unten“ ist. Bei Quanten geht es um die diskreten Einheiten oder auch Niveaus.

    – Doppelspalt-Experiment beweist, dass es sich um Wellen handelt? Das ist ja wohl weniger als zu kurz gegriffen

    Nachdem dann die Beobachterrolle ins Spiel kam, hab ich den Film ausgemacht. Der schwimmt einfach auf der Esowelle die sich aus der Quantenphysik erhoben hat. Nirgendwo in der Physik wird von der Notwendigkeit eines bewussten Beobachters gesprochen. Beobachten heißt einfach nur, interagieren, und das tun Teilchen und Wellen auch untereinander. Die Betrachtungen des Phasenraums ergeben nur lokal und isoliert Sinn.

    Ach Mensch, jetzt hab‘ ich mich verquatscht. Der Film tut sich mit diesem Geschwurbel keinen Gefallen. Vor allem, da die tatsächliche (Quanten-) Physik genug Wunder und Magie beinhaltet, ohne auf dieses Wischi-Waschi aus dem Eso-Katalog ausweichen zu müssen.

    Schade.

    srm

    18. November 2014 at 01:01

    • Natürlich, wenn man es rein wissenschaftlich aufzieht, kann der Film nur verlieren. Aber darum geht es ja gar nicht. Ein Film soll eine Geschichte erzählen – und da kann er je nach Bedarf Theorien und Realitäten biegen und brechen, wie es ihm passt. Das ist dem Großteil der Zuschauer ziemlich wurscht. Ein Problem wird es nur dann, wenn die Geschichte – wie im vorliegenden Fall – ein erzählerisches Problem hat.

      HomeMovieCorner

      18. November 2014 at 03:36


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