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HMC Classics: Faust – Der Musicalfilm

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Der klassische Faust-Stoff als Musical: Zwar nur auf die Gretchen-Tragödie konzentriert, gelang den Regisseuren Barbara Hofbauer und Simon Meusburger von der Vorarlberger Gruppe Visual Dreams 1999 ein mit viel Fantasie und Opulenz ausgestattetes Husarenstück. Die von Simon Meusburger komponierte Filmmusik wurde teilweise von einem Schülerorchester eingespielt – was dem Ganzen einen sphärischen Klang verleiht. Ein Meisterstück der Gestaltung im Amateurfilmbereich. Erst-Rezension am 15.04.2002. Der Film lief am 22. September 2002 im Rahmen des HomeMovieCorner im renommierten Filmcasino. Und noch eine persönliche Anmerkung: „Faust – Der Musicalfilm“ sowie der demnächst besprochene Sci-Fi-Film „Twinraiders“ sind schuld daran, dass ich damals auf die Indie-Schiene geriet.

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faust2Heaven’s Gate Bar: Während der Herr (Andreas Frick) wohlwollend auf seine Schöpfung blickt, lobpreist ihn ein Engelschor. Doch alles wird still, als ER die Szene betritt: Mephistopheles. Der Teufel (Barbara Hofbauer) verspottet die Menschheit, die sich auf der Erde doch ach so plagen und leiden muss – für nichts und wieder nichts. Gott verweist auf Doktor Faust, der auf verschlungenen irdischen Pfaden doch der guten Sache dient. Das stachelt den Ehrgeiz des Unterirdischen an: Er bietet Gott eine Wette an – Faust soll er noch verlieren. Der Herr nimmt’s gelassen, solange die Menschen noch auf ihren irdischen Wegen gehen, können sie irren. Mephistopheles macht sich sofort auf den Weg. Der Zeitpunkt ist günstig, denn Faust (Aurel Bereuter) steckt gerade in einer Sinneskrise. Egal, wie viel der Doktor auch studiert und zu wissen begehrt, immer wieder stößt er an seine Grenzen. Da bietet sich ihm Mephisto an. Nicht ganz überzeugt, geht Faust auf einen Handel ein: Mephisto soll Faust zu Lebzeiten jeden Wunsch erfüllen. Nach Fausts Tod kehre sich der Pakt einfach um. Doch Faust stellt Bedingungen. Nur wenn es Mephisto gelingt, seinen Wissensdurst zu stillen, so dass Faust sich nur noch den niedrigen Bedürfnissen hingeben will, dann hat der Teufel gewonnen und Faust gehört ihm. Beelzebub willigt ein. Doch schon Fausts nächstes Ziel ist nicht hehres Wissen, sondern ein junges Mädchen namens Gretchen…

Der klassische Faust-Stoff als Musical, basierend auf Texten von Johann Wolfgang Goethe – da hatte sich die Filmgruppe Visual Dreams wahrlich viel vorgenommen. Zugegeben, man sollte Musicals mögen (ich teile diese Leidenschaft nicht unbedingt), dennoch muss man den Hut vor dem Mut, der Improvisation und der Herangehensweise der Vorarlberger ziehen. Die Regisseure und Drehbuchschreiber Barbara Hofbauer und Simon Meusburger konzentrierten sich ganz und gar auf die Gretchen-Tragödie. Meusburger zeichnet übrigens auch für die Musik verantwortlich, die von der Musikschule Mittleres Rheintal unter Markus Pferscher eingespielt wurde. Zwar wurde das Schulorchester von Meusburger am Computer unterstützt, um fehlende Instrumente zu ersetzen, dennoch unterscheidet sich die Musik gewaltig von Amateurfilmen, die nur einen Mann am Synthesizer oder eine Band für den Filmscore zur Verfügung haben. Schon allein die Anfangssequenz – eine am Computer erzeugte Kamerafahrt durch den Himmel – profitiert von der Klangbreite eines echten Orchesters.

faust3Auch die Musical-Sequenzen sind von optischer Schönheit. Akrobatische Dämonen in Ganzkörperbemalung, Feuerspucker, Kirtagsbeleuchtung und übergroße Zuckerstangen als Requisiten; ein großes Lob für Bühnenentwürfe und Kostümdesign an Joachim Rottensteiner. Vor allem Gretchens Zimmer, das sich dann als überdimensionaler Kasten im schwarzen, leeren Raum entpuppt, ist äußerst gelungen. Auch das Gefängnis, das einerseits als reales Gebilde, andererseits als Symbol für Gretchens Wahnsinn fungiert, kommt optisch gut rüber. Schade, dass es kein Making-Of dazu gibt. Bei so viel musikalischer und ausstattungsmäßiger Opulenz muss natürlich auch die Frage nach der Qualität der Schauspieler beantwortet werden. Aurel Bereuter verkörpert zwar einen zweifelnden und später verliebten Faust, seine Stimme kann jedoch gesangsmäßig nicht mit jenen von Angelika Baumgartner und Barbara Hofbauer konkurrieren. Das ist aber auch das einzige Manko. Hervorzuheben ist auch Andreas Frick, der dem Zigarre paffenden und Wein trinkenden Herrn eine fast zynische Note verleiht.

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Die Geschichte der Vorarlberger Filmgruppe Visual Dreams begann bereits 1992, als sich eine Gruppe von Schülern entschloss, mit einfachstem Aufwand eine Satire von Ephraim Kishon zu verfilmen. Nach weiteren Kurzfilmen, Dokumentationen und Live-Aufzeichnungen wurde schließlich der gemeinnützige Verein Visual Dreams – Videoclub Lauterach gegründet. Die Gruppe hatte zu ihrer Glanzzeit eigene Ressorts für Drehbuchentwicklung, Live-Aufzeichnungen und Softwareentwicklung. Selbst ein wasserdichtes Kameragehäuse für Unterwasseraufnahmen sowie ein fünf Meter hoher Kamerakran mit fernsteuerbarem Kopf wurden in einigen dieser Abteilungen konstruiert.

1997 – nach fast zwei Jahren Produktionszeit – wurde der optisch brillante, meiner Meinung nach aber inhaltlich schwache Spielfilm „Angst“ uraufgeführt. Beim Amateurfilmwettbewerb der Bavaria-Filmstudios erreichte der Psychothriller sogar den fünften Platz – von über 200 Einreichungen. Die Jury zeigte sich vor allem von der „außergewöhnlichen Annäherung an professionelles Filmniveau“ begeistert. Nach diesem Erfolg wagte man sich nun an das ehrgeizigste Projekt der Gruppe: „Faust – Der Musicalfilm“.

faust1 Nach „Angst“ ist der 1999 fertig gestellte „Faust – Der Musicalfilm“ der eindrucksvolle Höhepunkt des Schaffens von Visual Dreams. Wieder einmal hatte die straffe Organisation funktioniert – auch das Auftreiben finanzieller Mittel. Wurde anfangs noch mit einem Budget von 200.000,- Schilling (ca. 14.500,- Euro) gerechnet, beliefen sich die Kosten dank Sponsoring am Ende nur auf ATS 20.000,- (1.450,- Euro). Und selbst dieser Betrag wurde in Form einer Subvention des Landes Vorarlberg aufgebracht.

Die Publikumsreaktionen auf den Film selbst waren jedoch unterschiedlich – einige Zuschauer zeigten sich enttäuscht, dass die Gruppe sich an einem Musical versuchte. Das Musical war also ein gewagtes Experiment, das – je nach Betrachtensweise – miss- oder gelungen ist. Nach diesem Projekt wurde es still um Visual Dreams. Dafür diente die Gruppe aber einigen als Sprungbrett ins Berufsleben.

INFO: Visual Dreams: „Faust – Der Musicalfilm“ – A 1999, Musical – 62 min. Regie: Simon Meusburger, Barbara Hofbauer. Drehbuch: Simon Meusburger, Barbara Hofbauer – nach Johann Wolfgang Goethe. Kamera: Thomas Ilg, Andreas Lämmerhirt. Schnitt: Thomas Ilg. Bühnenentwürfe und Kostümdesign: Joachim Rottensteiner. Musik: Simon Meusburger – Orchester der Musikschule Mittleres Rheintal unter Markus Pferscher. Budget: ca. 14.500 Euro.Darsteller: Barbara Hofbauer, Aurel Bereuter, Angelika Baumgartner, Andreas Frick, Joachim Rottensteiner, u.a.

Nachspiel: Nach der Kurzfassung komponierte Regisseur Simon Meusburger den gesamten „Faust“ als Musical. Mittlerweile ist er nach nach Wien gezogen, wo Meusburger das Schubert-Theater (genau, das ehemalige Porno-Schubert Kino) im neunten Bezirk zusammen mit Nikolaus Habjan leitet, das u.a. für seine außergewöhnlichen und eher an ein erwachsenes Publikum gerichtete Puppenspiel-Produktionen (z.B. „Der Herr Karl“, „Becoming Peter Pan – An Epilogue to Michael Jackson“) bekannt ist. 2012 erhielten er und Habjan für ihre Produktion „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ den renommierten Nestroy Preis für die beste Off-Theaterproduktion.

Kameramann Thomas Ilg wechselte vom Amateur- ins Profifach. Er drehte des Öfteren im asiatischen Raum und schnitt zuletzt die Kinofilme „Der Atem des Himmels“ von Reinhold Bilgeri und „Harodim – Nichts als die Wahrheit“ von Paul Finelli.

„Faust“ Aurel Bereuter und „Gretchen“ Angelika Baumgartner sind Schauspieler geworden und spielen u.a. auf deutschen Bühnen.

Was ist HMC-Classics?

Written by HomeMovieCorner

9. Juli 2013 um 16:15

Veröffentlicht in Reviews

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4 Antworten

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  1. […] begründet. So war er eben auch Kameramann und Cutter für den von Simon Meusburger 1999 gedrehten “Faust – Der Musicalfilm” tätig – einem der ersten Filme, die der HomeMovieCorner […]

  2. Hat dies auf kurzfilmnacht rebloggt und kommentierte:
    Lang ist es her, bei Visual Dreams haben viele zum ersten Mal mit dem Medium Film Kontakt gehabt. Und viele sind nicht mehr los gekommen. Auch ich muss gestehen: Ich war dabei!

    lanakufi

    28. Juni 2015 at 09:29

  3. […] das passendere Wort? Ich weiß es nicht, ist momentan auch egal. Die beiden Filme waren „Faust – Der Musicalfilm“ der Vorarlberger Truppe Visual Dreams unter der Regie von Simon Meusburger und […]

  4. […] das passendere Wort? Ich weiß es nicht, ist momentan auch egal. Die beiden Filme waren „Faust – Der Musicalfilm“ der Vorarlberger Truppe Visual Dreams unter der Regie von Simon Meusburger und […]


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