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Raider Of The Lost Movies: Ainoa

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ainoa2000/2001 war eine besondere Zeit für mich. Ich hatte gerade erst bei der APA als Multimedia-Redakteur angefangen – und, für mich persönlich aufregender, bei der Zeitschrift „celluloid“ als Filmjornalist. Damals war so etwas wie eine fiebrige Aufbruchstimmung beim österreichischen Film zu bemerken. Das war u.a. Barbara Alberts „Nordrand“ zu verdanken, der auf wichtigen internationalen Festivals mehrfach nominiert und sogar ausgezeichnet wurde. (Anm.: Ich selbst habe nie ganz verstanden, warum diese auf Zelluloid gebannte Klischeesammlung so hochgejubelt wurde, aber bitte, das ist mein Problem mit diesem Film).

„celluloid“-Chefredakteur Matthias Greuling wollte mit seiner Zeitschrift eine Lanze für Filme „made in A“ brechen. Etwas, das ganz meinem Gusto entsprach. Auf der Suche nach entsprechenden Filmen, über die wir berichten konnten, stieß ich unter anderem auf ein Sci-Fi-Projekt namens „Thekken“, das ein Student an der Filmakademie realisieren wollte. Das klang ja schon mal gut – und Feuer und Flamme fing ich, als dieser Jemand namens Marco Kalantari mich zu einer Veranstaltung einlud, in der er sich und sein Projekt vorstellte und Interessenten suchte, die bei den Dreharbeiten mitmachen wollten.

Zu sehen bekamen wir einen Mood-Teaser, in dem irrsinnig viele Schläuche von und zu einer Frau führten und Flüssigkeiten in den Körper pumpten. Sehr stylish, sehr Sci-Fi, sehr Cyberpunk. Marco Kalantari und Co-Autorin Nina Munk arbeiteten bereits seit 1998 an dem Drehbuch, in dem im Jahr 2078 ein weiblicher Android (die wundervolle Verena Buratti) an einem streng geheimen Ort verwahrt wird. Der Roboter wurde darauf programmiert, von der Zukunft aus Daten in die Vergangenheit zu senden und so den Dritten Weltkrieg im Jahr 2014 (Himmel, ist das wirklich schon nächstes Jahr?!?) auszulösen und zu steuern. Mit einem Selbstmordkommando gelingt es dem Widerstandskämpfer Yuri (Simon Licht), den Androiden zu entführen. Während die beiden durch eine postnukleare Welt wandern, wird das Androidenmädchen zum ersten Mal sich selbst und ihrer Umgebung bewusst.

Zwar ließ ich mich auf eine Liste mit Freiwilligen eintragen, aber letztendlich war ich dann doch nie am Set. Dennoch blieben Kalantari und ich immer irgendwie in Kontakt, weil ich doch von Zeit zu Zeit mich nach dem Fortgang der Dinge erkundigte. Und es dauerte lange, sehr lange bis zur Fertigstellung. Irgendwann wurde der ursprüngliche Titel wegen der Namensähnlichkeit mit einem Konsolenspiel in „Ainoa“ umgeändert. Zwischendurch vergaß ich immer wieder auf das Projekt, schreckte hoch, telefonierte nach – und bekam immer wieder die Nachricht: „Nein, ist noch nicht fertig.“ Warum das so war, hatte einen einfachen Grund: Marco Kalantari wollte das Projekt independent stemmen. Das heißt, dass er sein Geld reinsteckte. Und wie er in seiner Diplomarbeit „Guerilla-Filmmaking“ schrieb, wollte er sich dabei nicht verschulden. Das bedeutete, dass er einen Drehblock drehte, dann wieder eine Zeit lang arbeitete und Werbefilme drehte, um Geld für das Budget zu bekommen – und dann wieder drehte. Und so weiter, und so fort. Da „Ainoa“ noch auf Filmmaterial und nicht digital gedreht wurde, waren die Kosten entsprechend hoch und Kalantari musste immer öfters arbeiten, um die Teilbudgets aufstellen zu können. Die Pausen zwischen den Drehblöcken waren dementsprechend lang.

Doch dann ging es finanziell wirklich nicht mehr weiter. In der Postproduktionsphase sprang schließlich Buena Vista ein. Als „Ainoa“ endlich vollendet wurde und sogar schon ein Filmstart anstand, hatte ich ein Gespräch mit einem der Hauptverantwortlichen von „Ainoa“ (nicht von Buena Vista). Er dürfte bemerkt haben, dass ich anscheinend mehr Fan als Journalist war – und da sagte er folgenden Satz (so ungefähr, ist schon sehr lange her): „Wenn es damit (Anm.: ‚Ainoa‘) nicht klappt, dann wird der Marco seinen Weg schon machen – vielleicht beim Werbefilm. Da bin ich mir sicher.“ Ich war vollkommen perplex. Da drehte ein junger Regisseur so etwas Fantastisches, und dann soll er eine Zukunft beim Werbefilm haben? Wie bitte? Erst nach der Premiere verstand ich, was mit diesem Satz bezweckt werden sollte. Der Mann wollte nur meine gesteigerte Erwartungshaltung relativieren.

Nun ja, der Film konnte schließlich fertig gestellt und landete im Kino – wo er floppte. Die Kritik verriss ihn – und die Zuschauer strömten auch nicht ins Kino. Selbst ich war einigermaßen ernüchtert, als ich aus der Premiere am 18. Oktober 2006 (die Karte habe ich noch) kam. Wie sehr wollte ich doch diesen Film mögen.

Nach all den Jahren sind mir eigentlich nur zwei Dinge in Erinnerung geblieben. Positiv: Es hat sich endlich jemand mal getraut, in einem österreichischen Film eine epische Geschichte mit entsprechenden Bildern zu erzählen. Ein großer Kosmos, große Gefühle – all das war vorhanden. Bei manchen Szenen war ich verblüfft, dass das hierzulande gedreht wurde. Negativ: Die Löcher in der Geschichte. Wie bereits geschrieben, gab es sehr lange Drehpausen. Schauspieler sprangen ab, weil sie andere Engagements hatten – und so wurde z.B. zwar ein Antagonist eingeführt, der Yuri und Ainoa jagt – aber letzten Endes kommt es nicht einmal zu einer finalen Konfrontation zwischen den Dreien. Im Gegenteil: Es wird so nichtssagend angedeutet, dass aus dem Off das Heranstürmen von Truppen zu hören ist, Yuri sich in Kampfposition bringt und Ainoa irgendwie Kontakt mit ihrem Schöpfer in der Vergangenheit aufnimmt – und man sieht in der ganzen Szene nur zwei Menschen! Auch war das Ende einfach zu esoterisch (mir fällt grad kein besseres Wort ein). Das kann natürlich so gewollt sein – ich kenne viele Sci-Fi- oder Fantasy-Geschichten, die einen zünftigen Finalkampf verweigern. Aber bei „Ainoa“ hatte ich irgendwie das Gefühl, dass es eben wegen niedrigen Budgets zu nichts mehr anderen reichte, als zu dem, was letztendlich rauskam.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob die Involvierung von Buena Vista (nunmehr Disney) für „Ainoa“ eine gute Sache war, oder nicht. Immerhin konnte der Film ins Kino gebracht werden. Auf der anderen Seite: Der Film liegt nun im Safe von Disney, eine Veröffentlichung auf DVD ist aufgrund des Flops in Österreich wohl nicht zu erwarten. Vor einigen Jahren schrieb ich diesbezüglich Buena Vista an – ich bekam nicht mal eine Antwort.

Kalantari lebte einige Jahre in Island, bevor er nach Japan zog, wo er für den asiatischen Raum Werbefilme inszeniert. Nur dort fand „Ainoa“ unter dem Titel „Last Android“ eine Veröffentlichung auf DVD. Und wie ich gehört habe, lief „Ainoa“ vor einigen Tagen im indischen Fernsehen.

Im Juli 2013 kam Kalantari nun wieder nach Österreich, um den Sci-Fi-Kurzfilm „The Shaman“ zu inszenieren.

Rodja

PS: Wer Zeit und Muse hat und Marco Kalantaris Diplomarbeit „Guerilla-Filmmaking“ (2002) lesen will, der kann bei mir ein PDF-File per E-Mail anfordern. Ich darf sie – mit Einverständnis von Kalantari – an interessierte Filmemacher weiterleiten. E-Mail an homemoviecorner(at)hotmail.com, Betreff „Ainoa – Guerilla“. Man sollte aber bedenken, dass damals noch mit Film gedreht wurde, was ein nicht unerheblicher Kostenfaktor war.

PPS: Ja, ich würde mir sofort eine DVD kaufen.

PPPS: Was ist „Raider Of The Lost Movies“ ?

Edit: Musste kurz eine kleine Änderung vornehmen, da mich ein aufmerksamer Leser darauf hingewiesen hat, dass Zelluloid schon seit den 1950ern nicht mehr als Filmmaterial verwendet wird.

Written by HomeMovieCorner

12. November 2013 um 22:37

Veröffentlicht in Raider Of The Lost Movies

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5 Antworten

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  1. Ich habe damals auch auf den Film gespannt gewartet – so hat doch der Trailer hohe Erwartungen geweckt. Die Ernüchterung kam leider bei der Premiere im kleinen Schubertkino in Graz – die Handlung war recht zäh und eigentlich passierte nicht viel, die Kameraarbeit war aber großartig, die Dialoge weniger.
    Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das richtig umzusetzen ist, am Ende ist man froh, wenn das Projekt überhaupt fertiggestellt werden konnte.

    Auf Zelluloid dreht übrigens schon lange keiner mehr (seit Mitte der 50er). Tri-Acetat und Polyester waren der Ersatz bis heute.

    Robert Niessner

    13. November 2013 at 11:47

    • Klugschei… äh, danke. ;-D Habe ich nicht wirklich gewusst, dachte dabei aber eher an Zelluloid als weiteren Begriff für Film. War mein Fehler.

      HomeMovieCorner

      13. November 2013 at 14:00

    • Dem kann ich beinahe uneingeschränkt zustimmen.
      Meine Vorfreude war auch groß und ich hatte auch noch Freude daran beim Interview mit Marco Kalantari und Philipp Weck über die Produktionshintergründe zu sprechen und welche Besucherzahl nötig wäre, damit man von einem Erfolg sprechen kann (10.000+ wurden angepeilt, laut Filminstut waren es 1.423).

      Wirklich schade, denn mir gefiel „AINOA“ als Sci-Fi-Märchen, was allerdings auch wieder zeigt, was nicht ganz funktionierte, denn für eine knallharte Dystopie war die Handlung zu süßlich und mit zu vielen Star Wars-Anspielungen (was ja wieder zum Märchenaspekt gepasst hätte) versehen. Als „Märchen“ hingegen fehlten die fantastischen Elemente. Mal ganz abgesehen davon, dass die Dialoge wirklich nicht die allerbesten waren und die Handlung (soweit ich mich noch zu erinnern vermag) ein paar Löcher hatte.

      Dass ein derart „gut aussehender“ Film in Österreich produziert werden konnte, stimmt mich aber heute noch froh und ich wäre auch einer der glücklichen Käufer einer „AINOA“-DVD.

      Schade drum.

      Patrick

      13. November 2013 at 15:26

      • Genau wegen der Kameraarbeit würde ich mir auch die DVD kaufen – und weil ich weiß, wie schwer es als Indiefilmer ist😉

        Robert Niessner

        13. November 2013 at 16:09

  2. […] Damals schrieb ich in der Kategorie “Raiders Of The Lost Movies” über seinen Film “Ainoa”, einen der wenigen Sci-Fi-Filme Österreichs – der ja jetzt in den Tiefen eines Safes von […]


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