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HMC-Classics: Schützenhilfe

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schuetzenhilfe_1Das Theater des Schauspielers Ralf Silka ist am Ende – genau wie Silka selbst. Der alternde Bühnendarsteller beschließt, Selbstmord zu begehen. Da erscheint ihm Michael Ende, Außendienstmitarbeiter der Firma Tod. Beim Abschluss seiner Lebensbilanz schwankt Silka zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Dem Schweizer Regisseur Dieter Koller ist 2001 mit dem Kurzfilm „Schützenhilfe“ der Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung gelungen – und das ausgerechnet zu dem heiklen Thema Selbstmord. Ein phantastischer Film! Erst-Rezension am 13.06.2002 – der Film lief im Rahmen des HomeMovieCorner am 22. September 2002 im renommierten Wiener Filmcasino.

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Das Stück ist zu Ende. Auf der Bühne verbeugt sich der Schauspieler Ralf Silka (Horst Warning), bevor der Vorhang zum letzten Mal fällt. Das kleine Theater, das Silka so mühsam aufgebaut hat, steht vor dem Ruin. Als Silka sich in seiner Garderobe abschminkt, läutet das Telefon. Es ist seine Frau Tina (Jaqueline Renée) – sie weiß, dass Ralf Probleme hat. Doch Ralf blockt ab, auch der Brief der Stadtverwaltung – wahrscheinlich die Subventionierung seines Theaters betreffend – interessiert ihn nicht. Denn der alternde Schauspieler hat beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Und das ausgerechnet zu Weihnachten. Der Gedanke, mit seiner ihm entfremdeten Familie eine wahrhaft stille Zeit zu verbringen, ist ihm ein Greuel. Silka bereitet sich vor: Eine Platte der Comedian Harmonists wird aufgelegt, die Waffe geladen. Vor seinem Auge schauen ihm seine Frau Tina und sein Schauspielerzögling Nadia Gruber (Martina Schütze) von den Theatersitzen her zu. Voller Wut schickt er sie fort, die Vorstellung ist ja schließlich längst vorbei. Doch da bemerkt er noch einen Zuschauer: Es ist Martin Ende (Walter Sigi Arnold), der jüngere Bruder seines Schulfreundes Klaus. Das Besondere an dem allerletzten Publikumsgast ist das kleine Einschussloch an der Schläfe – Ende hat sich selbst erschossen.

schuetzenhilfe_2Nun arbeitet der Ex-Lehrer und Ex-Mensch als Außendienstmitarbeiter für das äußerst florierende Unternehmen Tod. Doch bevor sein neuer Kunde Silka abdrückt, muss noch der ganze Papierkram erledigt werden, sprich: Es wird Bilanz gezogen. Silka erzählt von seiner Frau, von frühen gemeinsamen Erfolgen und vom Traum, ein eigenes Theater zu eröffnen. Doch da waren auch die so genannten „Freunde“, die vor dem finanziellen Risiko warnten, der Teufelskreis Erfolg-Subvention-Misserfolg-keine Subvention, die Belastung, als Familienerhalter zu versagen und die Entfremdung der Familie. Schließlich glaubt Silka, sich niemandem mehr anvertrauen zu können. Ende drängt zum Absch(l)uss. Doch durch die Bilanz bekommt Silka neue Hoffnung: Vielleicht hält seine Familie doch zu ihm. Vielleicht hat er doch noch Freunde. Vielleicht… Doch Ende ist nicht da, um Silka den Suizid so einfach auszureden.

Nach diversen Produktionen, wie z.B. dem Parkhaus-Thriller „Geschoss E“ oder dem zauberhaften Märchen „una storia della luna“ mit Laien und semiprofessioneller Technik, ist „Schützenhilfe“ der erste professionelle Kurzfilm des Schweizers Dieter Koller und seiner DiKo Production. Das Produktionsbudget von 35.000 sfr (damals rund 23.700 Euro) hat der Regisseur dabei aus eigener Tasche vorgelegt. Das für eine Privatperson beachtliche Budget hat sich aber auch bezahlt gemacht: Professionelles Handling bis in die kleinsten Details – Kamera, Musik, Ton, Schnitt, Bild, etc. Doch was ist mit der Geschichte und ihren Akteuren selbst? Auch hier kann man nur das höchste Kompliment aussprechen. Die Berufsschauspieler – vor allem Horst Warning als lebensmüder Silka und Walter Sigi Arnold als Allegorie des Todes – überzeugen komplett in ihren Rollen.

Gratulation auch an Dieter Koller bezüglich des Drehbuchs: „Schützenhilfe“ ist trotz der problematischen Thematik kein „verkopfter“ Film. Das ist vor allem der phantasievollen Story und den geschliffenen Dialogen zu verdanken, die „Schützenhilfe“ zu einer gelungenen Mischung aus Anspruch und Unterhaltung, Komödie und Tragik verhelfen. Hinzu kommt, dass Koller anscheinend ziemlich intensiv zum heiklen Thema Selbstmord recherchiert und Fachleute hinzugezogen hat. Kurz und gut – „Schützenhilfe“ ist einfach ein phantastischer Film.

Es ist nicht verwunderlich, dass „Schützenhilfe“ einige Preise – darunter Bester Film bei Filmtage Xanten und Interferencia Liechtenstein und Bronze-Medaille IDAF in Duisburg – abgeräumt hat. Neben dem 28-minütigen Film gibt es als zusätzliches Bonusmaterial Trailer, ein Making Of und mehrere Schweizer TV-Beiträge zu „Schützenhilfe“.

Dieter Koller entdeckte im Alter von 16 Jahren dank einer Super8-Kamera die Liebe zum Film. Schon früh bemerkte er, dass er nicht nur Urlaubsfilme drehen, sondern auch Geschichten erzählen wollte. Im Armeefilmdienst lernte er schließlich Andreas Lechleiter und Patrik Busam kennen – zwei Weggefährten, die mit ihm heute noch drehen.

Obwohl sich der HomeMovieCorner sehr auf den deutschsprachigen Raum konzentriert, sind mir nur relativ wenige Schweizer Filmemacher im Indie-Bereich bekannt: Einer davon ist eben Dieter Koller. Filmisch am produktivsten war Koller in den 1990ern, wo er u.a. „Geschoss E“ (1997) und das märchenhafte „una storia della luna“ (1998) drehte, die mir schon sehr gut gefallen haben. Den Höhepunkt lieferte er aber meiner Meinung nach mit „Schützenhilfe“ (2001) ab. Doch danach wurde es sehr, sehr lange still um den Filmemacher, so dass ich mich fragen musste, ob Koller Abschied vom Regiestuhl genommen hat. Um so mehr freute es mich, dass er 2009 mit „3H“ sich wieder zurück auf der Leinwand meldete. Und nun soll 2014 sein neuestes Projekt „Adagio for strings“ herauskommen.

Rodja Pavlik

FOTO: DiKo Production

INFO: DiKo Production/augenblick media gmbh: „Schützenhilfe“ – CH 2001, Drama – 28 min. Regie: Dieter Koller. Drehbuch: Dieter Koller. Kamera: Peter Arnold. Schnitt: Peter Arnold, Dieter Koller. Ton: René Kolb. Maske/Kostüme: Nicole Zingg. Ausstattung/Requisiten: Ueli Graber. Produktion: Dieter Koller. Budget: ca. rund 23.700 Euro. Darsteller: Horst Warning, Walter Sigi Arnold, Jaqueline Renée, Martina Schütze. Homepage: http://www.diko.ch

Was ist HMC-Classics?

Written by HomeMovieCorner

6. Februar 2014 um 10:25

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