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„Lass jucken“ – Hard facts zur Softporno-Serie

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© Martin Hentschel

© Martin Hentschel

Es war einmal vor langer, langer Zeit, da suchten die vielen privaten TV-Sender billiges Sendematerial – und wurden ganz nackig dabei. RTL und Sat.1 lieferten sich gegenseitig Nackt-Schlachten, ob mit „Tutti Frutti“, entschärften Pornos, italienischen, französischen und amerikanischen Softerotikfilmen oder mit einem Griff in die Kiste der (damals) jüngeren Geschichte der deutsch Filmhistorie. Jawoll, Filme bzw. Filmserien wie „Liebesgrüße aus der Lederhose“, „Schulmädchen-Report“, Oswalt-Kolle-Filme und „Lass jucken, Kumpel“ feierten ein Comeback und sorgten dafür, dass der Aufklärungsunterricht in der Schule obsolet wurde. Nicht umsonst nannte man die Privaten damals auch Schmuddelsender. Nun ist die Erotik-Sendeschiene längst eingestellt, die Filme aber immer noch Kult.

Der deutsche Schauspieler Martin Hentschel („Tatort Calw: Hexensabbat“, „Die heimlichen Wunden“, demnächst „Herzlos“) hat schon einige Bücher den Filmen und Stars dieser Ära gewidmet – u.a. schrieb er als Co-Autor Portraits über Gloria Guida (Wow!), Laura Gemser (Doppel-Wow!) und über die Filmserie „Flotte Teens in heißen Jeans“. Nun hat Hentschel zusammen mit dem Filmemacher Christian Witte („Die heimlichen Wunden“, „Der unendliche Planet“) in Eigenregie das Buch „Lass jucken! Die Kumpelfilme der 1970er“ herausgebracht. Hentschel, der gerade erst den 30er feierte, stieß schon sehr, sehr früh auf diese Art der Aufklärung. „Zum ersten Mal sah ich 1993 im Nachtprogramm von RTL diese Filme. ‚Das Bullenkloster (Lass jucken, Kumpel 2)‘ mochte ich besonders – das ist heute nicht anders. Für mich sind diese Filme mehr als die übliche Dutzendware jener Zeit. Es sind wichtige Zeitdokumente und Milieustudien, deren Entstehungsgeschichten nicht minder interessant sind“, erzählte Hentschel auf Anfrage dem HomeMovieCorner.

„Mich fasziniert bei der ‚Lass jucken, Kumpel‘-Reihe dieses Gesamtbild: Milieufilm, Klamotte, harter Sexfilm, Drama…“, erläuterte der deutsche Schauspieler. „Damit waren die Filme sehr erfolgreich. ‚Lass jucken, Kumpel 3‘ beispielsweise lockte in nur einem Monat 300.000 Zuschauer in die Kinos, was damals einer Million Mark Einspielergebnis entsprach. Teil 1 sahen insgesamt über vier Millionen Besucher, dafür gab es die ‚Goldene Leinwand‘, Teil 2 hatte über eine Million Kinogänger, usw., usf. Dabei waren die Filme relativ günstig. Der erste Teil wurde zu großen Teilen vom Immobilienunternehmer und Filmemacher H.D. Bornhauser finanziert“, so Hentschel.

Auch einen Konnex zu Österreich gibt es. So drehte Franz Marischka, der Neffe von „Sissi“-Regisseur Ernst Marischka, alle fünf Original-Kumpel-Filme. Und: „Der österreichische Schauspieler und Grünen-Politiker Herbert Fux spielte in ‚Täglich Blasmusik im Hinterhaus – Der Kumpel lässt das Jucken nicht‘ (1975, Franz Marischka) einen fiesen Zuhälter. Aufgrund dieses Filmes folgten in den 1990ern jahrelange Gerichtsprozesse zwischen Fux und der Produktionsfirma, weil Produzent Otto in die Videofassung heimlich nachgedrehte Hardcore-Inserts reingeschnitten haben soll. Auch kostete der Film, der unter dem Alternativtitel ‚Lass jucken, Kumpel 5‘ Fux die Karriere als Politiker in Österreich“, beschreibt Hentschel die mitunter weitreichenden Folgen der Filme. „Die Filme waren auch bei euch Renner. In Österreich lief z.B. der erste Teil im Verleih der Gloria, Wien und wurde 1974 in Vorarlberg sogar verboten.“

„Ich habe viele Zeitzeugen dieser Filme treffen und befragen dürfen. Besonders mein guter Freund, der Berliner Künstler Michel Jacot – Hauptdarsteller in den zwei ersten Kumpelfilmen – oder der Marcus Otto – Sohn des Produzenten Gunter Otto und Chef von Herzog Video (Anm.: die Porno-Schmiede brachte Filme wie „Katharina und ihre wilden Hengste“ oder „Josefine Mutzenbacher“ heraus, die gemeinhin als Klassiker gelten) haben mich dabei stets tatkräftig unterstützt. Es war wie eine Reise in die Vergangenheit und ich bin verdammt stolz auf das Buch“, so Hentschel abschließend.

Rodja

INFO: Das Buch kann man über Amazon beziehen.

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Written by HomeMovieCorner

1. September 2014 um 08:11

Veröffentlicht in Latest Talk

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Eine Antwort

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  1. […] im Eigenverlag das lesenswerte Buch “Lass jucken! Die Kumpelfilme der 1970er” (hier vorgestellt) […]


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