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Schallende Ohrfeige von Netflix für deutsche Filmproduktionen

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© Netflix

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Uff, das sitzt – und tut weh.

Der US-Videostreamingdienst Netflix wird ja momentan als das Maß aller Dinge angesehen. Serien wie „Fargo“ oder „The Walking Dead“ sind zu einem vernünftigen Preis auf allen Streaming Devices erhältlich. Und nicht nur das: Netflix setzt auch mit eigenproduzierten Serien wie „House Of Cards“ oder „Orange Is The New Black“ neue Maßstäbe. Das Repertoire lässt sich also wie folgt zusammenfassen: Mutig, kontrovers, Genre-affin und doch was Neues wagend – und noch dazu für alle möglichen technischen Endgeräte wie Computer oder Tablets geeignet, was wiederum neue Publikumsschichten verspricht.

Natürlich wird man als deutschsprachiger Autor, Produzent oder Filmemacher hellhörig, wenn Netflix im Juli diesen Jahres verlautbart, dass es nun auch in Deutschland und Österreich starten möchte. Vielleicht haben dann ja auch deutschsprachige Genreformate, die weder bei hiesigen Öffentlichen noch Privaten Sendern eine Chance haben, eine Chance? All die Geschichten, die in den Schubladen lagern, weil sie hierzulande sowieso nie verwirklicht werden? Und tatsächlich, noch am 31. August verlautbarte Netflix-CEO Reed Hastings gegenüber dem „Spiegel“, dass man deutsche Serien produzieren wolle.

Doch auf den ersten Jubel folgt nun auch schon der Katzenjammer. Nachdem Netflix am Dienstag in Deutschland und am Mittwoch in Österreich gestartet ist, gab es nun von Reed Hastings im Interview mit Blickpunkt:Film eben die im Titel angekündigte schallende Ohrfeige: „Wir haben in Deutschland Ausschau gehalten nach geeigneten Stoffen – aber nichts gefunden.“

Uff, dieses „Danke, aber vorerst lieber doch nicht“ sitzt. Ein Schlag in die Magengrube. Eine Nachricht, die die Filmemacher doch etwas ratlos zurück lässt. Und einer Analyse bedarf, wie sie der deutsche Drehbuchautor Mark Wachholz von der Interessensgemeinschaft Neuer Deutscher Genrefilm in seinem sehr lesenswerten und ausführlichen Essay liefert. Und ich bitte Euch, nehmt Euch die Zeit, den Text durchzulesen.

EDIT 23.09.2014: User Dennis hat mich dankenswerterweise auf ein Interview Hastings mit Serienjunkies.de hingewiesen, in dem das Ganze um einiges milder dargestellt wird. Nachdem Hastings einen Medienmarathon hinter sich hat, kann ich mir durchaus vorstellen, dass er bestimmte Sachen in verschiedenen Interviews unterschiedlich betont hat – was wiederum zu unterschiedlichen Interpretationen führt. Bin gespannt, was sich da ergibt.

EDIT 23.09.2014 In einem „Bericht des Spiegels“ hat sich die renommierte Schauspielerin Corinna Harfouch über die deutsche Produktionslandschaft ausgelassen.

Rodja

INFO: http://genrefilm.net/von-netflix-den-spiegel-vorgehalten/

Written by HomeMovieCorner

19. September 2014 um 14:17

Veröffentlicht in Latest Talk

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11 Antworten

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  1. Hm, was mich ein bisschen stutzig macht. Beim „Spiegel“ steht, dass sie Serien wie „Stromberg“, Til-Schweiger-Filme und „Die Sendung mit der Maus“ (fürs Kinderprogramm) eingekauft haben. Ziel sei ein Programmangebot, dass „den spezifischen Geschmack und die Kultur“ des jeweiligen Landes reflektiert, wird da Ted Sarandos, Programmchef von Netflix, zitiert.

    Aber wenn es ums Produzieren geht: „Voraussetzung für eine lokale Netflix-Serie mit deutschen Schauspielern sei ein Thema von weltweitem Interesse – eine Bedingung, die Produzenten hierzulande mit ihren Serienkonzepten für die Kalifornier bisher nicht erfüllen konnten“, steht es bei Blickpunkt:Film.

    Kommt nur mir das ein bisschen widersprüchlich vor?

    HomeMovieCorner

    19. September 2014 at 16:53

    • Hm, jein.
      Einerseits sehe ich es auch mit einem weinenden Auge, dass Netflix im großen Stil auf deutschsprachige Produktionen verzichtet, die ein wenig Abseits der Norm liegen. Abgesehen von Festival-erprobten Namen wie Fatih Akin und Mainstream-Kino wie die Til Schweiger-Filme, steht man da ein wenig im Regen.

      Andererseits verstehe ich sehr wohl, dass ein kommerzieller Anbieter, sich jetzt mal mit einem eher vorsichtigem Basisprogramm in den eh schon schwierigen Markt in Deutschland (und Österreich und der Schweiz) wagt, und mal abwartet, wie dieses generell angenommen wird.

      Meine Hoffnung bleibt, dass mit steigendem Interesse, auch ein erweitertes Programm zu finden sein wird. Arthouse- oder Independent-Kino wird aber künftig wohl weiter auf mubi zu finden sein, und für österreichische Produktionen muss man auf flimmit hoffen.

      PS: Bin ich blind, oder gibt es die angekündigten „Caché“ und „Whore’s Glory“ auf Netflix noch nicht? Ich finde die einfach nicht.
      PPS: Den Essay muss ich mir erst noch durchlesen.

      Patrick

      19. September 2014 at 17:41

      • Ja, eh. Natürlich versteht man das – aber andererseits… Hätte man sich da nicht von vornherein mit Äußerungen zurückhalten sollen? Hätte ein einfaches „Werden mal sehen“ nicht gereicht, statt „Wir schauen uns bereits aktiv um“?

        Und in Frankreich (wo ich natürlich nicht weiß, wie der Markt ist) wird ja schon eine Serie produziert. Insofern fand ich die Bemerkung von Huan Vu (H.P. Lovecraft-Verfilmung „Die Traumlande“) in dem Essay recht gut, wo Netflix quasi mit dem US-GI als Befreier verglichen wird. Da brauchte sich Netflix nicht so sehr anstrengen, wie in Frankreich, das ja eher stolz auf seine eigene Filmproduktion ist.

        HomeMovieCorner

        20. September 2014 at 00:34

    • Ich finde das nicht widersprüchlich. Die unterschiedlichen Geschmäcker und Kulturen haben doch Schnittmengen. Wenn ich produziere, möchte ich genau dort hinein.

      Henk

      25. September 2014 at 12:23

  2. Der Essay passt finde ich, das ganze Kulturbewegtbildsystem ist absoluter Müll und muss sich verändern. Habe mal gelesen, das der größte Albtraum eines Programmverantwortlichen ein Fehler zu machen ist, also eine Sendung die total floppt. Wenn nur auf bewährtes zurückgegriffen wird und nichts Neues versucht wird, vermeidetet man Fehler. Aber es halt immer der gleiche Müll. Der Artikel passt dazu:
    http://www.zeit.de/2014/37/lebensstil-zivilgesellschaft-generation

    Mich hat auch vor Jahren eine deutsche Produktion begeistert, weiss nicht mehr wie die hiess. HAbe diese über das Internet entdeckt und habe dann folge 2 im tv gesehen. folge 3 wurde dann ins spätprogramm verschoben und 2 Folgen später, war diese abgesetzt. DAs war voll enttäuschend, deswegen schaue ich mir aus Prinzip keine deutschen Sendungen (ausser Dokus) mehr an.

    bertrandolf

    21. September 2014 at 07:53

    • Diese „trau mich nicht“-Haltung ist ein Grundproblem.
      Während es sich auf dem amerikanischen Markt durchgesetzt hat, dass man einfach mal eine ganze Staffel produziert und diese ausstrahlt, wird hierzulande eine Pilotfolge gedreht, nach miesen Quoten irgendwohin verschoben und dann abgesetzt.

      Es funktionieren ja nicht einmal qualitativ höher wertige US-Serien wie „Homeland“ oder „House of Cards“, die auf Sat1 auch ins Spätabendprogramm verschoben wurden. „Mad Men“ sieht man sich besser auch auf Fox an und selbst eher auf Unterhaltung setzende Thrillerserien wie „Hannibal“ findet man nur noch auf Spartensender.
      Der ORF hat vor Jahren „Die Sopranos“ und „Six Feet Under“ im Spätabendprogramm vergraben. Erst Jahre später auf DVD konnte ich die beiden Serien endlich nachholen.

      Die Frage ist ob man sich wirklich an den finanziell stärkeren US- und UK-Produktionen oder eher am recht gut aufstellten skandinavischen Markt orientiert.

      Patrick

      21. September 2014 at 09:23

  3. @Rodja
    Ja, die Aussage von Huan im Essay fasst die Netflix-Strategie ganz gut zusammen. Die Aussagen von Hastings und Co. waren natürlich viel zu „ausladend“ um den Werbeeffekt anzuheizen.
    Dass aber Netflix in Deutschland und Österreich mit Til-Schweiger-Filmen, „Stromberg“ und der „Sendung mit der Maus“ antritt (vor allem weil man die Recht an den ganzen „Tatort“-Filmen nicht bekam) ist schon etwas frech. Dafür bräuchte ich kein Netflix.

    Patrick

    21. September 2014 at 09:26

  4. Im Essay wird auch Peter Koller mit einer Serie namens „Rio Ten“ erwähnt. Da stellt sich mir die Frage: Was wird eigentlich aus den vielen Filmprojekten die Koller geplant hat? Laut seiner kop11-Website befinden sich Projekte wie „East of Evil“ oder die „Untitled Lovestory“ immer noch in der Finanzierungsphase.

    Dabei dachte ich, vor allem bei „East of Evil“, da würde der Drehstart bereits anstehen.

    Patrick

    22. September 2014 at 09:39

    • Uh… gute Frage. Peters Projekte durchlaufen immer lange Entwicklungsphasen – und landen dann in der Schublade. Es ist nicht so wie bei „Auf bösem Boden“, wo er selbst produziert hat und sich selbst das „Go“ gab, hier ist er von anderen Leuten abhängig. Und wie ich seine Drehbücher kenne, gibt es da sehr viele Fragezeichen in den Gesichtern der Produzenten. ;-D Einerseits ist da was, andererseits können sie es sich nicht erklären.

      Und „Rio 10″… da drücke ich ihm die Daumen, schreibe aber nur noch, wenn er da wirklich am Set steht und dreht.

      HomeMovieCorner

      23. September 2014 at 01:42

    • Danke für den Hinweis. Aber inwieweit ist der Bericht Quatsch? Soweit ich „Blickpunkt: Film“ entnehmen kann, wurde noch kein Dementi bzw. Widerruf/Richtigstellung seitens Hastings bei dem Artikel getätigt. Insofern gehe ich mal davon, dass er richtig wiedergegeben wurde.

      Es wirkt eher so, dass Hastings zwei verschiedene Aussagen in zwei Interviews getätigt haben könnte. Was durchaus passieren kann, nachdem er ja anscheinend einen Medien-Marathon hinter sich hat.

      Aber nochmals vielen Dank für den Link. Ich werde den Link mal den Leuten vom Neuen Deutschen Genrefilm weiterleiten.

      HomeMovieCorner

      23. September 2014 at 01:17


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