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HMC-Classics: Dunkel – Das erste Kapitel

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© Transcendental Pictures

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Erst-Rezension am 01. Jänner 2006

In einem vom Krieg verwüsteten Land streift der Einzelgänger Lew durch die Wälder. In den wenigen Orten, wo es noch halbwegs so etwas wie Zivilisation gibt, wird er missträuisch beäugt. Nur die junge Riva scheint Gefallen an dem Fremden zu finden. Doch ihre Liebe wird von etwas Dunklem aus dem Wald – aus längst vergessenen Schützengräben – bedroht. „Dunkel – Das erste Kapitel“ ist das 2005 veröffentlichte Prequel zum Horrorfilm „Dunkel“ von 2002 (siehe auch unsere HMC-Classics-Rezension) von Transcendental Pictures und Dark Cloud Productions.

Es herrscht Krieg im Land – ein so lange andauernder, dass man ihn schon fast Normalität nennen könnte. So etwas wie Zivilisation wird nur in kleinen Siedlungen mühsam aufrecht erhalten, in denen die Menschen mehr schlecht als recht dahin vegetieren. Außerhalb der Zeltstädte ist gesetzloses Niemandsland. Obwohl es gefährlich ist, zieht Lew (Robert Koch) die Einsamkeit in den Wäldern vor. Er wandert durchs Land, lässt sich gerade mal in den Siedlungen blicken, wenn er frisch geschossenes Wild gegen Waren eintauschen will.

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An einem dieser Sammlungspunkte gestrandeter Existenzen trifft Lew auf die junge Kräutersammlerin Riva (Katharina Rahn).

Riva lebt hier mit ihrer alkoholabhängigen Mutter. Ihre einzige wirkliche Freundin ist die Kriegswaise Mariska (Katrin Wierstorf), das war’s dann aber auch schon mit den sozialen Kontakten. (Es ist die gleiche Mariska, die im nachfolgenden Film eine so wichtige Rolle spielt.) Riva gefällt der Fremde – und auch der Einzelgänger Lew, der sich mit Gefühlen eher schwer tut, fühlt sich zu der jungen Frau hingezogen. Während sich die beiden behutsam näher kommen, spielt sich im nahe liegenden Wald ein unheilvolles Drama ab.

Während Lew die Einsamkeit liebt, hat Kaman (Timo Wussow) andere Gründe, die Städte zu meiden. Der Wegelagerer überfällt mit seinen Kumpanen Sira (Beate Franke) und Malek (Hannes Graubohm) die wenigen fahrenden Händler, die sich noch durch den Wald wagen. Die Bande geht mit einer besonderen Kaltblütigkeit vor, Überlebende gibt es keine. Nein, Kaman hat keinen Spaß an seinem Tun, aber eine andere Möglichkeit bietet sich ihm nicht. Auch ist der Teil des Waldes, in dem die Banditen auf Beute lauern, Kaman nicht ganz geheuer. Er kann kaum schlafen, wird ständig von Alpträumen geplagt. Jegliches Mitgefühl seiner Leute weist er schroff ab, als Anführer darf er sich keine Blößen erlauben.

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Und dann geschieht es: Sie werden überfallen – ausgerechnet sie, die finstren Gestalten des Waldes, werden von noch dunkleren Wesen attackiert.

Malek stirbt, Sira wird verschleppt – und Kaman selbst wird von einem der Angreifer gebissen. Zwar kann er den Gegner mit einem Herzstich töten, bleibt aber selbst schwer verletzt am Boden liegen. Am nächsten Tag streift Lew durch den Wald und findet den ohnmächtigen Kaman neben einer verkohlten Leiche. Lew bringt den Verletzten in die Zeltstadt. Dort verdächtigt man Kaman gleich als Wegelagerer. Obwohl er sehr viel Blut verloren hat, scheint die Wunde nicht besonders ernsthaft zu sein. Ohne viel Federlesens wird Kaman in eine halb ausgebombte Irrenanstalt in der Nähe der Frontlinie gebracht. Dort soll er für den Rest seiner Tage mit wahnsinnigen Opfern des Krieges verbringen – falls nicht vorher eine Granate einschlägt.

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An einem anderen, ebenfalls trostlosen Ort erwacht die Banditin Sira. Von Munk (Lars Dreyer) wird sie mit einer vollkommen neuen Situation konfrontiert: Sie ist nun ein Vampir im Clan von Irias (Frido Feldbinder) – es gibt für sie kein Zurück mehr.

Auf Irias dürfte auch der Ursprung des Vampirismus’ zurückgehen. Zuvor war er Familienvater, doch dann kam der Krieg und Irias wurde eingezogen. An seinem Frontabschnitt waren die Verluste besonders hoch. Doch weder Kugeln noch Granaten töteten die Männer, sondern sie krepierten qualvoll an Hunger oder durch Krankheiten. Über die wenigen Überlebenden legte sich schließlich ein dunkler Fluch, der sie zu untoten Blutsaugern machte.

Während Sira von den Vampiren in ihr neues Leben eingeführt wird, hat Kaman in der Anstalt nicht so viel Glück: Seine Gelüste und Kräfte werden immer stärker – aber Kaman muss erst auf blutige Art und Weise herausfinden, was mit ihm los ist…

Mit „Dunkel – Das erste Kapitel“ legen die deutschen Filmgruppen Transcendental Pictures und Dark Clouds Productions ein 105-minütiges Prequel zu dem in deutschen Indie-Kreisen viel gelobten Vampirfilm „Dunkel“ (siehe auch Rezension) vor. Zwar hat das Wort „Prequel“ spätestens seit „Star Wars: Episode I“ bei mir einen negativen Beigeschmack, doch Hendrik Röhrs und René Rausch legten ein Werk vor, das meine Vorurteile bald beiseite schob. Obwohl die beiden Teile eine Geschichte ergeben, sind sie doch größtenteils eigenständige Werke.

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Zugegeben, der Film fällt noch immer in die Kategorie „Amateur“.

Die Schauspieler erledigen ihre Aufgaben bravourös – man erkennt sie aber trotzdem als – mal mehr, mal minder – begabte Laien. Der Schnitt ist sauber, aber nicht übermäßig aufregend. Der Score ist eingängig, nervt aber mit der Zeit und passt auch nicht zu jeder Szene. Die Technik ist zwar vorhanden, aber gerade im finalen Showdown in der Nacht hätte man sich doch etwas mehr Licht gewünscht. Den Kostümen und der selbst gebauten Waldsiedlung (mit Wachturm, Sanitätszelt, etc.) hingegen merkt man viel Liebe zum Detail an. Und das bei einem Budget von unter 1.000,- Euro!

Wirklich störend sind manche überlangen Szenen, die den Fluss des Films erheblich beeinflussen. Auch ist der finale Showdown – vielleicht aufgrund der eher dürftigen Ausleuchtung – lange nicht so spannend wie Kamans Ausbruch aus der Irrenanstalt. Die Szenen in der Anstalt gehören mit zu den apokalyptischsten, die ich jemals im Independent-Bereich gesehen habe.

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Schauspielerisch konzentriert sich der Film vor allem auf Robert Koch, der seinen Lew zwar bieder aber mit einer gewissen Zwiespältigkeit spielt.

Man nimmt ihm den „Loner“ und Poeten durchaus ab. Manchmal schrammen die Liebesszenen zwischen ihm und Katharina Rahn am Rande der Lächerlichkeit vorbei. Das liegt aber weniger am Spiel der Akteure, sondern an den nicht immer gelungenen Einfällen der Drehbuchautoren René Rausch und Hendrik Röhrs (Stichwort: Seife!). Die interessanteren Rollen sind jedoch jene der Vampire: Timo Wussow spielt – wie bereits im ersten Teil – Kaman höchst souverän. Als Glücksgriff erweist sich Frido Feldbinder, der seinem Irias einen melancholischen, abgeklärten Touch verleiht. Obwohl Irias erst relativ spät im Film auftaucht, möchte man mehr über diesen Vampir erfahren.

Kommen wir nun zum ganz großen Pluspunkt, der „Dunkel – Das erste Kapitel“ weit über andere Filme vergleichbarer Machart (und auch über viele professionelle Produktionen) hebt: Die Komplexität der Geschichte.

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Mann, was sich Hendrik Röhrs und René Rausch da überlegt haben, schlägt wirklich so einiges (man möge mir den unprofessionellen Jauchzer verzeihen). Jeder der Hauptcharaktere ist voll entwickelt und weist viele Ecken und Kanten auf: So ist die Liebe zwischen dem eingefleischten Einzelgänger Lew und Riva nicht nur eitel Sonnenschein. Als Riva z.B. um eine Freundin trauert, hält Lew ihre Anhänglichkeit nicht aus und sucht das Weite.

Interessant auch, dass einige Vampire ihrer Menschlichkeit nachtrauern, während andere sämtliche moralischen Bedenken über Bord werfen und das Beste daraus machen. Oder Kaman – mit dieser dunklen Gestalt haben Rausch und Röhrs einen äußerst viel versprechenden Charakter eingeführt. Im Prequel ist er als Mensch ein Verräter an den Menschen, im nachfolgenden Teil als Vampir ein Verräter an den Blutsaugern. Dabei verliert Kaman weder an Glaubwürdigkeit, noch wird sein Handeln als reine Willkür aufgefasst. Als Zuschauer entwickelt man sogar so etwas wie ein Verständnis für diesen trotzdem fremd bleibenden Charakter. Generell erzählen Rausch und Röhrs auch nicht wirklich von einem Kampf zwischen Gut und Böse, sondern vom ungleichen Krieg zwischen zwei verschiedenen Lebensformen, die, um überleben zu können, die jeweils andere eliminieren muss.

Fazit: Mit 105 Minuten ist „Dunkel – Das erste Kapitel“ ein recht beachtliches Prequel zum Vampirfilm „Dunkel“, das man durchaus flotter hätte inszenieren können. Dennoch vermag der Film von Transcendental Pictures und Dark Clouds Productions in eine glaubhaft dargestellte fremde Welt zu entführen.

Rodja Pavlik

Was ist HMC-Classics?

INFO: Transcendental Pictures, Dark Clouds Productions: „Dunkel – Das erste Kapitel“ – D 2004 – 2005, Fantasy – 105 min. (exkl. Bonusmaterial). Regie: Hendrik Röhrs. Drehbuch: Hendrik Röhrs, René Rausch. Kamera: René Rausch, Lars Dreyer. Schnitt: René Rausch, Hendrick Röhrs. Special Effects: Timo Wussow, Steffen Röhrs, Lars Dreyer. Design (Kostüm/Set-Bauten): Hendrik Röhrs. Ton: René Rausch, Lars Dreyer. Musik: Steffen Röhrs. Produktion: Timo Wussow, Steffen Röhrs, Hendrik Röhrs. Produktionskosten: unter 1.000,- Euro. Darsteller: Katharina Rahn, Robert Koch, Timo Wussow, Karin Wierstorf, Lars Dreyer, u.a.. Überreste der Filmsite.

Written by HomeMovieCorner

22. November 2014 um 23:45

Eine Antwort

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  1. Liest sich gut und macht neugierig. Danke fürs Teilen. 🙂

    SalvaVenia

    23. November 2014 at 01:09


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