Raiders Of The Lost Movies: Was geschah eigentlich aus „Shuttle Tydirium“?


Shuttle Tydirium – Trailer – Screenshot
Fan-Filme… ah, das war eine wilde Zeit damals in den 2000er-Jahren. Ich habe die gerne geschaut – und Plattformen wie Atomfilms boten eine große Auswahl. Damals habe ich die noch fleißig in der Firma geschaut, weil die Internet-Verbindung einfach besser war. Das wussten auch die Kollegen damals zu schätzen, die en masse Musikfiles herunterluden – natürlich alles „Sicherheitskopien“.

Auslöser für die damals grassierende Welle war der „Star Wars“-Kurzfilm „Troops“ (1997) von Kevin Rubio. George Lucas, der damals sein „Star Wars“-Imperium noch fest in der Hand hatte, war immer gegen Fan-Filme. Das hatte sehr viel mit Copyright zu tun. Lucas sah nicht ein, wieso jemand anderer außer ihm aus dem von ihm geschaffenen Universum Profit machen sollte. Auch bezweifelte Lucas, dass die Fan-Filme auch nur irgendwie qualitätsmäßig an seine hoch budgetierten Filme heranreichen würden. Und dann kam „Troops“ – und Lucas musste anerkennen, dass es mit der damaligen Technologie auch privaten Normalbürgern möglich war, fantastische Bilder zu erschaffen. Computer und Software wurden damals immer billiger und leistungsfähiger. Also schloss Lucas Frieden mit den Fan-Filmern. Er erlaubte ihnen, Filme zu drehen – unter der Bedingung, dass sie damit keinen Gewinn machen durften. Rechtlich sind Fan-Filme noch immer eine Grauzone, und man muss Filmemacher wie Lucas verstehen, dass sie ihr Eigentum schützen.

In der ersten Hälfe der 2000er-Jahre wollte ich nun einen Artikel für die Zeitschrift „celluloid“ über Fan-Filme schreiben. Ich hatte genügend Material: Mit den Machern von „Duality“ hatte ich sogar US-Filmemacher interviewt. Und natürlich gab es auch deutschsprachige „Star Wars“ und „Star Trek“-Projekte, über die ich schreiben wollte. Mit einem Wort: Ich war auf einem gutem Weg.

Und während ich so vor mich hinschrieb, stolperte ich über den Trailer zu „Shuttle Tydirium“.

Als „Star Wars“-Fan weiß man natürlich, dass das imperiale Shuttle in Episode VI „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ von den Rebellen benutzt wurde, um auf dem vom Imperium besetzten Waldmond Endor zu landen, von wo aus der halbfertige (aber voll funktionsfähige) zweite Todesstern mit Energie gespeist wird. In dem – damals noch – Kurzfilm „Shuttle Tydirium“ ging es nun um die Vorgeschichte, wie die Rebellen in den Besitz des imperialen Shuttles kamen.

Nach dem Trailer war ich komplett hin und weg. Das war mit Abstand das beste, was ich je an Fan-Filmen gesehen hatte. Und es war viel weiter fortgeschritten als die ganzen anderen deutschen und österreichischen Projekte, die ich im Artikel vorstellen wollte. Natürlich wollte ich „Shuttle Tydirium“ in den Artikel aufnehmen. Ich kontaktierte die Filmemacher – aber so sehr sie auch aktiv zu sein schienen… Sie reagierten anfangs nicht auf meine Anfragen. Dabei saßen sie in Deutschland! Selbst die US-Filmemacher von „Duality“ hatten innerhalb eines Tages reagiert!

Irgendwann bekam ich dann aber doch eine Mail, mit der Bitte, mich doch an Regisseur Werner Walossek zu wenden. Das tat ich natürlich per E-Mail, aber von ihm bekam ich überhaupt keine Antwort. Und dabei rückte die Deadline für den Fanfilm-Artikel immer näher.

Schließlich hatten wir eine „celluloid“-Redaktionssitzung. Wir hatten damals einen Schwall an neuen Kollegen, die sich einen Platz in der Zeitschrift suchten. Ich erzählte von meinem Artikel. Und plötzlich bemerkte ich, wie mich eine der jungen Kolleginnen regelrecht anstierte. Ich war perplex. Jemand interessierte sich für meine Geschichte? Für Fan-Filme? Eine Frau?!?

Nach der Redaktionssitzung setzte sie sich zu mir. Ihr Name war Liesi – und sie fragte mich tatsächlich über den Artikel aus. Und dann stellte sich heraus, dass Werner Walossek ihr Freund ist – und der deutsche Filmemacher auch in Wien lebt. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie groß meine Augen da wurden.

In meiner Laufbahn als Filmjournalist habe ich ja schon einige seltsame Zufälle erlebt – aber dieses Ereignis gehört für mich unter die Top 5. Da versuche ich verzweifelt einen Filmemacher im nahen Ausland zu kontaktieren – und dann lerne ich seine Freundin hier in Wien kennen.

Kurz darauf lernte ich dann Werner persönlich kennen. Es war ein witziges Treffen und ich hatte viel Spaß, ihm zuzuhören. Er war eigentlich überrascht, warum ich mich nicht an ihn direkt gewendet habe, da er doch eh in Wien wohne. D’oh!

Werner kommt eigentlich aus dem Graffiti-Bereich und arbeitet als Grafik-Designer. Doch seine Liebe gehört dem Film – und er hatte auch schon eine Fantasy-Geschichte als nächstes Projekt parat. Ob als Film oder als Roman, daran kann ich mich jetzt nicht mehr so erinnern.

Auf jeden Fall erzählte mir Werner auch, warum es so lange braucht, um den Film fertig zu stellen. Es würden noch Nachdrehs stattfinden – und weil die Arbeiten zu „Shuttle Tydirium“ so überzeugend waren, wurden die VFX-Künstler auch für ein anderes, kommerzielles Projekt angeheuert – und das war Michael „Bully“ Herbigs „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“. Da wurden natürlich wertvolle Ressourcen abgezogen. Aber wenn die Profis rufen, wer kann da schon „Nein“ sagen?

Auch in der österreichischen Filmlandschaft hinterließ Walosseck seine Spuren. Er war nämlich für das Filmplakat von „In 3 Tagen bist du tot“ verantwortlich, wie man auf einer lange nicht mehr upgedateten und verwaisten Website von Werner sehen kann.

Doch irgendwann war es zwischen Liesi und Werner aus – und Werner zog zurück nach Deutschland. Und auch der Kontakt zwischen uns wurde immer sporadischer.

Den letzten Austausch mit Werner hatte ich 2013. Da war mir aufgefallen, dass die Website zu „Shuttle Tydirium“ still gelegt wurde. „Die Website musste umziehen, weil mein Provider nicht länger mit Websites zu tun haben möchte. Und da auf dem neuen Server das veraltete Redaktionstool nicht mehr funktioniert, ist die Seite erstmal down“, schrieb er mir. „Und ich bin auch ganz froh drum. So wird es immer ruhiger um ‚Tydirium‘ – und wir können uns ganz gemütlich und weiterhin mit Spaß um den Film kümmern.“ Das klang für mich sogar logisch. Aus dem Grund beschloss ich auch, nicht mehr darüber zu schreiben.

Doch natürlich fiel mir das Projekt von Zeit zu Zeit wieder ein. Ende 2017 fragte ich in der Filmerszene herum, ob jemand etwas von „Shuttle Tydirium“ gehört hätte. Und da bekam ich doch glatt einen Link zugeschickt – witzigerweise eben auch von einem Filmemacher, über den ich damals in „celluloid“ schrieb. Der Sender DMAX brachte im Dezember 2017 eine Doku über das Projekt heraus (mit der deutschen Stimme von Luke Skywalker, Hans-Georg Panczak, als Off-Sprecher). Und da sah man Werner noch immer wie verrückt an neuen Szenen drehen. Und noch immer wurde er von einer großen Gruppe von Film-Verrückten (u.a. Fettes Brot-Sänger Schiffmeister) unterstützt. Das macht Hoffnung.

Der DMAX-Beitrag hat mir echt gut gefallen, weil er wirklich einen dramatischen Einblick in diese Produktion gab. Mir kommt auch so vor, als würde der Film um neue Kapitel erweitert werden, die über die reine „Shuttle Tydirium“-Geschichte hinausgehen.

Werner wirkt noch immer so charismatisch wie früher. Ein Geschichtenerzähler, dem man gerne zuhören möchte. Aber er wirkt auch ein bisschen müde und abgeklärter, als ich ihn damals traf. Kein Wunder, arbeitet er doch seit 2001 an diesem Film. Ad hoc fällt mir nur ein Film ein, an dem länger gearbeitet wird (mehr dazu demnächst).

Seit der Doku ist nun auch wieder einige Zeit vergangen. Oh, wie sehr wünsche ich mir für Werner und seine Crew, dass „Shuttle Tydirium“ endlich abheben wird. Natürlich wünsche ich mir das nicht ohne Eigennutz, „Star Wars“-Nerd, der ich bin.

Rodja

INFO: http://www.tydirium-derfilm.de/

PS: Übrigens wurde von all den deutschsprachigen Projekten, über die ich damals schrieb, keines – egal, wie fortgeschritten es war – auch tatsächlich fertiggestellt.

Ein Kommentar

  1. Jedes Mal, wenn ich etwas zu „Rogue One“ sehe, muss ich an dieses Projekt denken. Vielen Dank für die Recherche und den erhellenden Artikel.

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