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HMC-Classics: A-Five

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© Medienengel

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Erstrezension am 8. April 2003, der Kurzfilm wurde zusammen mit Timo Landsiedels „Die erste Nacht“ am 20. April 2004 im Rahmen des Themenabends „Fremde Welten“ im renommierten Wiener Votivkino gezeigt.

Als der Bordcomputer eines Raumschiffs eigenmächtig ein unbekanntes Objekt an Bord holt, machen sich der Captain und der Schiffsarzt auf den Weg, den Fund zu untersuchen. Sie stoßen auf einen Überlebenden, der mehr als nur Bauchschmerzen hat. Erinnert der Plot an irgendeinen anderen Sci-Fi-Film? Richtig, Timo Landsiedel und sein Team huldigen in ihrem 1999/2000 fertig gestellten Kurzfilm dem großen Vorbild von Ridley Scott. Das Mini-Budget merkt man dem Film auch an – dennoch wird eine stimmige Atmosphäre erzeugt. Ein Film, bei dem es nicht auf die Handlung, sondern auf das Drumherum (inkl. Abspann, Musik und Making Of) ankommt.

Einsam durchpflügt die U.S.S. Rambaldi das Weltall. An Bord: 32 Mitglieder eines kartographischen Vermessungsteams – zur Zeit im Kälteschlaf. Da entdeckt Bordcomputer „Sister“ ein unbekanntes Objekt. Von nun an laufen im Computer die Befehlsroutinen ab: Das Objekt wird eingeholt, die gesamte Mannschaft geweckt… Die gesamte Mannschaft? Befehl zurück, nur die oberste Kommandoebene soll sich mit dem Fund auseinandersetzen. Und so begeben sich der von der Eigenmächtigkeit von „Sister“ überraschte Captain (Sascha Kreutz) und der übermüdete Schiffsarzt (Timo Krüger) zum Sublevel 20.4.7, wo sie auf einen in künstlichen Tiefschlaf versetzten Fremden (Torsten Landsiedel) stoßen. Da die „Rambaldi“-Crew viele offene Fragen hat, beschließt sie, den Unbekannten zu wecken. Das erweist sich als großer Fehler, denn der Fremde hat einen Gast mitgebracht, mit dem selbst eingefleischte „Alien“-Fans nicht gerechnet haben…

© Medienengel

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Als Rezensent lebt man oft mit einer schweren Bürde: Was darf man verraten, was nicht? Welche Informationen muss man verraten, damit die Leser sich für einen Film interessieren und ihn anschauen, und welche Infos gelten als so genannte „Spoiler“ und verderben jeglichen Spaß?

Doch mit der Zeit wird man als Kritiker abgebrüht (ganz zu schweigen von verbittert, sozial geächtet und alkoholkrank) – und nachdem Regisseur Timo Landsiedel es auch selbst gesteht, kann ich es offen sagen: „A-Five“ ist eine Hommage an Ridley Scotts „Alien“ (der erste – und meiner Meinung nach auch stimmungsvollste – Teil der „Alien“-Saga).

So, jetzt ist es raus: Ja, bei „A-Five“ geht es um ein bauchzerfetzendes Monster, und ja, das ist eben spätestens seit „Alien I – IV“ nicht mehr sehr originell. Aber darum geht es dem deutschen Regisseur und seinem Team auch gar nicht. Das Ziel war es vielmehr, mit dem geringen Budget von 175 Euro und einfachen Mitteln eine stimmige Atmosphäre, ganz nach dem großen Vorbild, zu erzeugen. Man glaubt gar nicht, was F/X-Experte Lars Havemann mit großen Wänden aus Leinen bzw. Plastikplanen alles bewerkstelligt – so mutiert die enge heimische Garage in einen weitläufigen Raumschiffkorridor. Zugegeben, Computer-animierte Raumschiffe habe ich schon wesentlich bessere gesehen, auch geht die schauspielerische Leistung der Akteure hinter den Gesichtsmasken unter. Aber „A-Five“ lebt nicht von der Handlung, sondern vom Drumherum, d.h. von der düsteren und kargen Atmosphäre, von den Special Effects (Kuck mal, was da aus dem Bauch rauskommt!), vom Abspann (mit drei Minuten fast halb so lang wie der eigentliche Spielfilm), von der Musik (Gratulation an Andre Matthias, vor allem der Abschlusstitel „Kann sein (Sci-Fi in Hi-Fi)“ ist hörenswert) und vom anschließenden Making Of (Bastelanleitung). Ein Film, den man nicht unbedingt sehen muss, der aber trotzdem Spaß macht.

© Medienengel

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Einen Blick sollte man auch auf die Oldschool-Filmsite von „A-Five“ werfen. Im „Making Of“ und „Werkstatt“ werden die Lichtsetzung und der „Chestburster-Effekt“ erklärt.

Noch eine kleine Anmerkung: Wenn man Landsiedels Nachfolgewerke „Neulich auf dem Dachboden“ und „Soundcheck“ dazu vergleicht, fällt auf, dass der Regisseur ein Gespür für Atmosphäre und Musik hat.

Apropos Musik: André Matthias hat sein damaliges Hobby zum Beruf gemacht und komponiert Filmmusik, u.a. für „Die Reise des Trommlers“ (2007 – mit Jackie Chans Sohn Jaycee) und „Control“ (2013) von Kenneth Bi.

So, nachdem ich in letzter Zeit schon öfters den Namen Timo Landsiedel hier fallen habe lassen, wird es Zeit, den deutschen Filmemacher ein bisschen näher vorzustellen. (Es könnte nämlich sein, dass in mittlerer Zukunft noch einiges mehr aus dem Dunstkreis HomeMovieCorner/Landsiedel kommt – deswegen).

Timo ist Schauspieler, Drehbuchautor, Filmemacher, Podcast-Produzent, Sachbuchautor, Filmjournalist und war zuletzt auch Chefredakteur des inzwischen eingestellten „Zoom – Magazin für Filmemacher“. Sehr viel davon hat er mit seinem Bruder Torsten und Lars Havemann gemacht, wie eben die Kurzfilme „A-Five“ und „Die erste Nacht“ oder „Wagnisse“, bei dem neun Nachwuchsfilmer einen Episodenspielfilm drehten. Auch die Podcast-Serien „Das Büro des Todes“ und „Das Fenster zum Doof“ gehen auf ihre Kappen. Für die NDR-Comedyshow „Dennis unf Jesko“ schrieben er und Lars Sketche. Und den Oscar-nominierten Kameramann Michael Ballhaus interviewte Timo für sein Sachbuch „Filmen wie Ballhaus. Basics der Bildgestaltung“ Und auf Witzwerk.de schmeißen er und Lars u.a. täglich einen Kalauer raus.

Timo (imdb) kenne ich noch aus der Zeit des HomeMovieCorner 1.0 (2001 – 2006). Erst hat er ein paar Filme geschickt, dann habe ich ein paar Filme gezeigt, dann trafen wir (er, sein Bruder Torsten sowie Lars Havemann) uns in Hamburg, um zum Jugendfilmfestival in Scheersberg in Schleswig Holstein nahe der dänischen Grenze (Ja, so weit bin ich damals gekommen. Wahnsinn!) zu fahren.

Was damals schon irre war, war die Chemie zwischen Lars und Timo. Die beiden warfen sich Wuchteln zu, dass es eine helle Freude war. Wenn die beiden Komiker auf Hochtouren liefen, dann kam ein Gag nach dem anderen, eine Vorlage ergab die nächste. Und irgendwann musste der Zuhörer einfach aufgeben, weil er bei dem Tempo einfach nicht mehr nachkam. Und das Arge: Für Timo und Lars war das ein Training für kommende Sachen wie Podcasts oder Sketche schreiben.

Wenn ich mir das hier so durchlese, bin ich mir sicher, dass ich wieder was ausgelassen habe.

Rodja Pavlik

INFO: Timo Landsiedel: „A-Five“ – D 1999/2000, Sci-Fi, Horror – 9:30 min. Regie: Timo Landsiedel. Drehbuch: Lars Havemann, Timo Landsiedel. Kamera: Lars Havemann. Schnitt: Timo Landsiedel, Lars Havemann. Design: Timo Landsiedel, Lars Havemann. Sounddesign: Andre Matthias, Timo Landsiedel. Special Effects: Lars Havemann. Musik: Andre Matthias. Produktion: Timo Landsiedel. Produktionskosten: ca. 175,- Euro. Darsteller: Timo Krüger, Sascha Kreutz, Torsten Landsiedel. Homepage: www.a-five.de.vu

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27. Januar 2015 at 20:39

Timo reviewt: „Nennt mich Schmetter“ von Felix Harjans

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Zwei Studenten machen sich auf, einen Dokumentarfilm zu produzieren, der sie dabei begleitet, wie sie einen Dokumentarfilm produzieren. Leider verheddern sie sich dabei irgendwie in der Metaebene, was tragische Folgen hat.

Eine weit verbreitete Unsitte unter jungen Filmemachern ist es, das eigene Werk bis zum Bersten mit Intertextualität zu überfrachten. Im Amateur- und Indiefilm geschieht das eher auf der inhaltlichen Ebene, im Studentenfilm eher auf der formalen. Im schlimmsten Fall führt das zur Beliebigkeit – wenn man die tausendste „Hasta la vista“-Variante um die Ohren gehauen bekommt – oder gar zur völligen Unverständlichkeit, weil die Bildsprache russischer Neo-Surrealisten leider noch nicht zum hiesigen Bildungskanon gehört.

Felix Harjans und sein Team spicken ihren Film zwar mit reichlich Zitaten. Die sind aber so herrlich mit Albernheiten unterfüttert oder gar überlagert, dass man nicht das Gefühl hat, hier einer medienwissenschaftlichen Selbstbespiegelung beizuwohnen. Im Gegenteil: Wann immer möglich, nehmen die Mainzer Studenten die gängigen Dokumentarfilmklischees auf die Schippe.

Das fängt schon bei der Entscheidung, den Film im 4:3-Bildformat zu drehen, an. Es werden bedeutungsschwangere Sätze gesagt, nach denen die Kamera noch sekundenlang auf dem Gesicht des Hauptdarstellers Petr Eremin verweilt. Auch der Voice-Over-Kommentar tänzelt zwischen sachlich formuliertem TV-Off-Text und sorgsam gesetzten Brachialpointen hin und her.

In der „Ausraster“-Szene hängt das Werk dann dramaturgisch leider etwas durch. Diese hätte gerne etwas kürzer sein können. Das wäre dem Goutieren des tollen Spiels von Darsteller Freddy Kondak eher dienlich, der hier im Kontrast zum restlichen Film mal aufdrehen darf. Die Länge der Szene schadet dem Gesamteindruck aber eher nicht.

Am meisten Spaß mit dem 14-Minüter werden sicher Zuschauer haben, die täglich mit genau dem Sujet des Films zu tun haben. Wer Schnittprogramme kennt, Erfahrung mit Gruppendynamik an Filmhochschulen hat oder ein Faible für surreale Montagesequenzen besitzt, wird auf seine Kosten kommen. Wer zudem noch Werner-Herzog-Fan ist und sich ein bisschen mit der Geschichte um das Desaster von „Fitzcarraldo“ auskennt, könnte hier ein Kleinod finden.

Fazit: Schön gemachte Mockumentary, die gekonnt eine Balance zwischen albern und schlau findet!

Timo Landsiedel
http://timolandsiedel.de/

nennt mich Schmetter from fh on Vimeo.

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17. Januar 2015 at 07:59

Timo reviewt: „Shit“ von Samuel Buscapé

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Gastartikel hat es hier auf dem Blog schon einige gegeben – aber bis dato waren das immer nur so einmalige Angelegenheiten. Es hat sich einfach niemand gefunden, der sich von mir knechten lässt und regelmäßig hier was schreibt. Doch das hat sich nun geändert: Timo Landsiedel, seines Zeichens Filmemacher, Podcast-Betreiber („Das Büro des Todes“, „Das Fenster zum Doof“), Scherzkeks und Ex-Chefredakteur der ex gegangenen Zeitschrift „zoom – Magazin für Filmemacher“, mit dem ich nun den Vimeo-Kanal „Rodja & Timo zeigen Independent Kurzfilme“ betreibe, hat sich bereit erklärt (zumindest will er es versuchen), hier Kurzfilme zu rezensieren.

Das hat nichts damit zu tun, dass er die Kritik schon vorher auf seinem Blog Timolandsiedel.de veröffentlicht hat. Und nein, das ist keine billige Abzocke (Ihr zahlt ja nix, oder? ODER?!?!)

Also Vorhang auf für die neue Rubrik (hier) „Timo reviewt“ – und diesmal wühlt er tief in der Scheiße. Und anschließend gibt es den Film – quasi zum Direktvergleich.

Rodja

„Shit“ von Samuel Buscapé

Fettiges Essen, Angetrunkene, Schießbudenfiguren. Nein, wir befinden uns nicht auf der Klausurtagung der CSU, sondern auf dem Jahrmarkt. Über dieses Kirmesvergnügen jagt ein junger Mann, sein Blick wechselt hastig zwischen Himmel und Fahrgeschäften hin und her. Endlich findet er, was er sucht: eine Schießbude. Er lädt das Gewehr und hebt den Lauf …

Samuel Buscapé ist ein schneller kleiner Film gelungen, den man als Zierde seines Genres bezeichnen darf. Er ist mit gerade mal 2 Minuten und 34 Sekunden enorm kurz. Jetzt gibt es viele Filme, die eine ähnlich Länge haben. Doch entweder erzählen die zu wenig oder es gelingt ihnen, selbst auf dieser geringen Distanz noch Zeit zu verplempern. Letztere sind dann oft eh nicht der Rede wert, denn was bleibt man hier noch an Story übrig?

All diese Fehler macht Regisseur und Autor Buscapé nicht. Er erzählt seine Geschichte ökonomisch, aber nicht zu knapp. Dafür nutzt er das Mittel der Verrätselung und erzählt seine Story in zwei verschachtelten Rückblenden. Die Kameraarbeit von Markus P. Hammer ist hervorragend und unterstützt stets die Verrätselung. Dabei findet er auch überraschende Perspektiven, wie die Subjektive des Gewehrlaufs an der Schießbude.

Die rasante Action-Musik von Robert Gandy unterstreicht die Hektik des Films und ist gerade so eine Schippe zuviel, dass es noch als Augenzwinkern rüber kommt, was aber zur Atmosphäre des Films passt. Beide Darsteller, Claudia Plöckl und auch Wolfgang Zarnack, machen ihre Sache gut und haben keinerlei Probleme, ihre Aufgabe ohne Dialoge zu lösen.

Fazit: Rasant, toll geschrieben und klasse gefilmt – klasse Kürzestfilm!

Timo Landsiedel
http://timolandsiedel.de/

Shit from Samuel Buscapé on Vimeo.

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14. Januar 2015 at 16:57

HMC-Classics: Dunkel – Das erste Kapitel

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© Transcendental Pictures

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Erst-Rezension am 01. Jänner 2006

In einem vom Krieg verwüsteten Land streift der Einzelgänger Lew durch die Wälder. In den wenigen Orten, wo es noch halbwegs so etwas wie Zivilisation gibt, wird er missträuisch beäugt. Nur die junge Riva scheint Gefallen an dem Fremden zu finden. Doch ihre Liebe wird von etwas Dunklem aus dem Wald – aus längst vergessenen Schützengräben – bedroht. „Dunkel – Das erste Kapitel“ ist das 2005 veröffentlichte Prequel zum Horrorfilm „Dunkel“ von 2002 (siehe auch unsere HMC-Classics-Rezension) von Transcendental Pictures und Dark Cloud Productions.

Es herrscht Krieg im Land – ein so lange andauernder, dass man ihn schon fast Normalität nennen könnte. So etwas wie Zivilisation wird nur in kleinen Siedlungen mühsam aufrecht erhalten, in denen die Menschen mehr schlecht als recht dahin vegetieren. Außerhalb der Zeltstädte ist gesetzloses Niemandsland. Obwohl es gefährlich ist, zieht Lew (Robert Koch) die Einsamkeit in den Wäldern vor. Er wandert durchs Land, lässt sich gerade mal in den Siedlungen blicken, wenn er frisch geschossenes Wild gegen Waren eintauschen will.

© Transcendental Pictures

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An einem dieser Sammlungspunkte gestrandeter Existenzen trifft Lew auf die junge Kräutersammlerin Riva (Katharina Rahn).

Riva lebt hier mit ihrer alkoholabhängigen Mutter. Ihre einzige wirkliche Freundin ist die Kriegswaise Mariska (Katrin Wierstorf), das war’s dann aber auch schon mit den sozialen Kontakten. (Es ist die gleiche Mariska, die im nachfolgenden Film eine so wichtige Rolle spielt.) Riva gefällt der Fremde – und auch der Einzelgänger Lew, der sich mit Gefühlen eher schwer tut, fühlt sich zu der jungen Frau hingezogen. Während sich die beiden behutsam näher kommen, spielt sich im nahe liegenden Wald ein unheilvolles Drama ab.

Während Lew die Einsamkeit liebt, hat Kaman (Timo Wussow) andere Gründe, die Städte zu meiden. Der Wegelagerer überfällt mit seinen Kumpanen Sira (Beate Franke) und Malek (Hannes Graubohm) die wenigen fahrenden Händler, die sich noch durch den Wald wagen. Die Bande geht mit einer besonderen Kaltblütigkeit vor, Überlebende gibt es keine. Nein, Kaman hat keinen Spaß an seinem Tun, aber eine andere Möglichkeit bietet sich ihm nicht. Auch ist der Teil des Waldes, in dem die Banditen auf Beute lauern, Kaman nicht ganz geheuer. Er kann kaum schlafen, wird ständig von Alpträumen geplagt. Jegliches Mitgefühl seiner Leute weist er schroff ab, als Anführer darf er sich keine Blößen erlauben.

© Transcendental Pictures

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Und dann geschieht es: Sie werden überfallen – ausgerechnet sie, die finstren Gestalten des Waldes, werden von noch dunkleren Wesen attackiert.

Malek stirbt, Sira wird verschleppt – und Kaman selbst wird von einem der Angreifer gebissen. Zwar kann er den Gegner mit einem Herzstich töten, bleibt aber selbst schwer verletzt am Boden liegen. Am nächsten Tag streift Lew durch den Wald und findet den ohnmächtigen Kaman neben einer verkohlten Leiche. Lew bringt den Verletzten in die Zeltstadt. Dort verdächtigt man Kaman gleich als Wegelagerer. Obwohl er sehr viel Blut verloren hat, scheint die Wunde nicht besonders ernsthaft zu sein. Ohne viel Federlesens wird Kaman in eine halb ausgebombte Irrenanstalt in der Nähe der Frontlinie gebracht. Dort soll er für den Rest seiner Tage mit wahnsinnigen Opfern des Krieges verbringen – falls nicht vorher eine Granate einschlägt.

© Transcendental Pictures

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An einem anderen, ebenfalls trostlosen Ort erwacht die Banditin Sira. Von Munk (Lars Dreyer) wird sie mit einer vollkommen neuen Situation konfrontiert: Sie ist nun ein Vampir im Clan von Irias (Frido Feldbinder) – es gibt für sie kein Zurück mehr.

Auf Irias dürfte auch der Ursprung des Vampirismus’ zurückgehen. Zuvor war er Familienvater, doch dann kam der Krieg und Irias wurde eingezogen. An seinem Frontabschnitt waren die Verluste besonders hoch. Doch weder Kugeln noch Granaten töteten die Männer, sondern sie krepierten qualvoll an Hunger oder durch Krankheiten. Über die wenigen Überlebenden legte sich schließlich ein dunkler Fluch, der sie zu untoten Blutsaugern machte.

Während Sira von den Vampiren in ihr neues Leben eingeführt wird, hat Kaman in der Anstalt nicht so viel Glück: Seine Gelüste und Kräfte werden immer stärker – aber Kaman muss erst auf blutige Art und Weise herausfinden, was mit ihm los ist…

Mit „Dunkel – Das erste Kapitel“ legen die deutschen Filmgruppen Transcendental Pictures und Dark Clouds Productions ein 105-minütiges Prequel zu dem in deutschen Indie-Kreisen viel gelobten Vampirfilm „Dunkel“ (siehe auch Rezension) vor. Zwar hat das Wort „Prequel“ spätestens seit „Star Wars: Episode I“ bei mir einen negativen Beigeschmack, doch Hendrik Röhrs und René Rausch legten ein Werk vor, das meine Vorurteile bald beiseite schob. Obwohl die beiden Teile eine Geschichte ergeben, sind sie doch größtenteils eigenständige Werke.

© Transcendental Pictures

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Zugegeben, der Film fällt noch immer in die Kategorie „Amateur“.

Die Schauspieler erledigen ihre Aufgaben bravourös – man erkennt sie aber trotzdem als – mal mehr, mal minder – begabte Laien. Der Schnitt ist sauber, aber nicht übermäßig aufregend. Der Score ist eingängig, nervt aber mit der Zeit und passt auch nicht zu jeder Szene. Die Technik ist zwar vorhanden, aber gerade im finalen Showdown in der Nacht hätte man sich doch etwas mehr Licht gewünscht. Den Kostümen und der selbst gebauten Waldsiedlung (mit Wachturm, Sanitätszelt, etc.) hingegen merkt man viel Liebe zum Detail an. Und das bei einem Budget von unter 1.000,- Euro!

Wirklich störend sind manche überlangen Szenen, die den Fluss des Films erheblich beeinflussen. Auch ist der finale Showdown – vielleicht aufgrund der eher dürftigen Ausleuchtung – lange nicht so spannend wie Kamans Ausbruch aus der Irrenanstalt. Die Szenen in der Anstalt gehören mit zu den apokalyptischsten, die ich jemals im Independent-Bereich gesehen habe.

© Transcendental Pictures

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Schauspielerisch konzentriert sich der Film vor allem auf Robert Koch, der seinen Lew zwar bieder aber mit einer gewissen Zwiespältigkeit spielt.

Man nimmt ihm den „Loner“ und Poeten durchaus ab. Manchmal schrammen die Liebesszenen zwischen ihm und Katharina Rahn am Rande der Lächerlichkeit vorbei. Das liegt aber weniger am Spiel der Akteure, sondern an den nicht immer gelungenen Einfällen der Drehbuchautoren René Rausch und Hendrik Röhrs (Stichwort: Seife!). Die interessanteren Rollen sind jedoch jene der Vampire: Timo Wussow spielt – wie bereits im ersten Teil – Kaman höchst souverän. Als Glücksgriff erweist sich Frido Feldbinder, der seinem Irias einen melancholischen, abgeklärten Touch verleiht. Obwohl Irias erst relativ spät im Film auftaucht, möchte man mehr über diesen Vampir erfahren.

Kommen wir nun zum ganz großen Pluspunkt, der „Dunkel – Das erste Kapitel“ weit über andere Filme vergleichbarer Machart (und auch über viele professionelle Produktionen) hebt: Die Komplexität der Geschichte.

© Transcendental Pictures

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Mann, was sich Hendrik Röhrs und René Rausch da überlegt haben, schlägt wirklich so einiges (man möge mir den unprofessionellen Jauchzer verzeihen). Jeder der Hauptcharaktere ist voll entwickelt und weist viele Ecken und Kanten auf: So ist die Liebe zwischen dem eingefleischten Einzelgänger Lew und Riva nicht nur eitel Sonnenschein. Als Riva z.B. um eine Freundin trauert, hält Lew ihre Anhänglichkeit nicht aus und sucht das Weite.

Interessant auch, dass einige Vampire ihrer Menschlichkeit nachtrauern, während andere sämtliche moralischen Bedenken über Bord werfen und das Beste daraus machen. Oder Kaman – mit dieser dunklen Gestalt haben Rausch und Röhrs einen äußerst viel versprechenden Charakter eingeführt. Im Prequel ist er als Mensch ein Verräter an den Menschen, im nachfolgenden Teil als Vampir ein Verräter an den Blutsaugern. Dabei verliert Kaman weder an Glaubwürdigkeit, noch wird sein Handeln als reine Willkür aufgefasst. Als Zuschauer entwickelt man sogar so etwas wie ein Verständnis für diesen trotzdem fremd bleibenden Charakter. Generell erzählen Rausch und Röhrs auch nicht wirklich von einem Kampf zwischen Gut und Böse, sondern vom ungleichen Krieg zwischen zwei verschiedenen Lebensformen, die, um überleben zu können, die jeweils andere eliminieren muss.

Fazit: Mit 105 Minuten ist „Dunkel – Das erste Kapitel“ ein recht beachtliches Prequel zum Vampirfilm „Dunkel“, das man durchaus flotter hätte inszenieren können. Dennoch vermag der Film von Transcendental Pictures und Dark Clouds Productions in eine glaubhaft dargestellte fremde Welt zu entführen.

Rodja Pavlik

Was ist HMC-Classics?

INFO: Transcendental Pictures, Dark Clouds Productions: „Dunkel – Das erste Kapitel“ – D 2004 – 2005, Fantasy – 105 min. (exkl. Bonusmaterial). Regie: Hendrik Röhrs. Drehbuch: Hendrik Röhrs, René Rausch. Kamera: René Rausch, Lars Dreyer. Schnitt: René Rausch, Hendrick Röhrs. Special Effects: Timo Wussow, Steffen Röhrs, Lars Dreyer. Design (Kostüm/Set-Bauten): Hendrik Röhrs. Ton: René Rausch, Lars Dreyer. Musik: Steffen Röhrs. Produktion: Timo Wussow, Steffen Röhrs, Hendrik Röhrs. Produktionskosten: unter 1.000,- Euro. Darsteller: Katharina Rahn, Robert Koch, Timo Wussow, Karin Wierstorf, Lars Dreyer, u.a.. Überreste der Filmsite.

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22. November 2014 at 23:45

Aoeo – Es war einmal in einer Stadt

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© 4030 Crew

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Es war einmal…

So fangen viele Märchen an – und so trägt auch dieses Großstadtmärchen rund um den jungen, gesichtslosen Aoeo diesen wohl bekannten Satz im Titel. Aoeo weiß es zum Anfang noch nicht, aber die Zeit seiner Unschuld wird enden.

Gefühlvolles, surreales Coming-of-age-Drama der beiden Filmemacher David Wagner und Sebastian Wöber und ihrer Gruppe 4030 Crew aus über 30 Jugendlichen, das mit seinen 52 Minuten Spielzeit einen zwiespältigen, insgesamt aber positiven Eindruck hinterlässt. Das Gesamtkunstwerk „Aoeo – Es war einmal in einer Stadt“ aus dem Jahr 2005, das neben dem Film auch die Musik und die Homepage umfasst, war damals seiner Zeit weit voraus – und sucht auch heute noch im österreichischen Film seinesgleichen.

Aoeo (Regisseur David Wagner) ist ein charmanter Taugenichts, der keine besonders großen Ambitionen zu haben scheint – ja, nicht einmal ein eigenes Gesicht hat er. Der junge Mann lebt maskiert in einem Fabriksloft so in den Tag hinein. Zwischen mit dem Stoffhund Gassi gehen und sehr dilettantisch mit einer Band jammen, besorgt sich Aoeo alles was er zum Leben braucht – aber auch nicht mehr.

© 4030 Crew

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Nur das mit dem Besorgen… das hat so seine Tücken.

Aoeo stiehlt nämlich. Auf dem Weg zu den Bandproben nimmt er schon mal ein Fahrrad mit, dessen er sich nach Gebrauch auch gleich wieder entledigt. Beim Obststand mag Aoeo ja noch mit seinem jugendlichen Charme beim Verkäufer durchkommen, aber wenn es um’s Geld geht, wird es schon schwieriger. Da überfällt Aoeo schon mal mit gezogener Waffen drei unterbelichtete Junkies (Andreas Benedikt, Wilhelm Iben, Tom De Roeck), die vom großen Reibach träumen, nur weil sie Boco (Ruben Tossunjan), dem Sohn des örtlichen Mafiapaten Koks verkaufen, das eigentlich keins ist.

Aoeo selbst dürfte auch keiner sein, der einem konkreten Plan nachgeht oder groß über die Konsequenzen seines Handelns nachdenkt. Zwar räumt er bei dem Überfall viel Geld ab, aber nachdem er sich den Teil genommen hat, den er für den Moment braucht, schenkt er den Großteil seiner Beute seinem Mentor (Gregor Hrynasz), einem Sandler, bei dem man nicht so recht weiß, ob er weise oder wirre Worte von sich gibt.

Eines Tages, als Aoeo mit seinem Stoffhund spazieren geht, beobachtet er einen Banküberfall. Und was für einen: Ein Quartett Gangster-Girls flüchtet wild mit Waffen um sich herum gestikulierend in einem Käfer-Cabrio, dass die Geldscheine nur so herumfliegen. Und da geschieht es…

© 4030 Crew

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Aoeo hat einen kurzen, intensiven Blickkontakt mit der Gangsterbraut Pip (Marina Dell’Mour) – und um den jungen Mann ist es geschehen. Er ist verliebt.

Fortan träumt er von diesem Mädchen und sucht es. Was er nicht weiß: Pip und ihre Freundinnen haben die Bank ausgeraubt, um das Land in Richtung wärmere Gefilde zu verlassen. Während die übrigen Girls sich schon darauf freuen, steckt Pip in der Krise. Ihr geht der junge Mann nicht mehr aus dem Kopf. Und das Leben als Bankräuberin hat für sie ohnehin keine Zukunft.

Auf der Suche nach der unbekannten Schönen verrennt sich Aoeo in seine Träume und kollidiert mit der Realität. Dabei verliert er viel und entdeckt zugleich etwas.

2004/05 hatte der ursprüngliche HomeMovieCorner seine Blütezeit. Die Redaktion bestand aus fünf Personen, wir rezensierten wöchentlich Filme aus dem Indie-Bereich, veranstalteten Filmabende und wurden sogar ins Ausland zu Filmfestivals eingeladen. Ich blickte damals sehnsuchtsvoll nach Deutschland, wo Gruppen wie die Mania Pictures aus Calw fast jährlich einen Spielfilm veröffentlichten und Filmerforen (z.B. Hackermovies.com oder Vfx-forum.de) im Internet wuchsen und gediehen. Ich bin ja heute noch der festen Überzeugung, dass diese Foren in Deutschland eine engere Vernetzung der Indie-Szene ermöglichten, während hierzulande eben durch das Fehlen eines derartigen Forums so etwas lange Zeit nicht stattfand (und dieses Manko bis heute spürbar ist). Aber dennoch war ich guter Dinge, irgendwie schien die Szene in Wien so richtig zu brodeln. Und zum Teil trugen die Filmemacher Sebastian Wöber und David Wagner zu meinem Optimismus bei.

© 4030 Crew

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Sebastian Wöber lieferte 2003 mit dem Kurzfilm „No Bullet“ einen philosophischen Fantasy-Martial-Arts-Streifen ab – und damals hatte man in der Wiener Indie-Szene noch überhaupt keine Ahnung, wie man Fantasy geschweige denn Kampfkunst in Szene setzt.

„No Bullet“ lief im Rahmen des HomeMovieCorner am 20. April 2004 im Kurzfilmprogramm „Fremde Welten“ im Votivkino und wurde auch von unserer Redaktion zu den Independent Days in Karlsruhe geschickt. 2003 arbeitete Wöber auch an David Wagners sehenswerter Kurzdoku „Zugfährtab!“ mit, der auch auf der Diagonale lief. Und nun machten sich Wagner und Wöber auf, mit 30 anderen jungen Leuten dieses Großstadtmärchen „Aoeo“ zu verwirklichen.

Und plötzlich hatte ich sie vor mir – diese Gruppe an Kreativen aus allen möglichen Bereichen, die alles daran setzt, einen Film ins Leben zu rufen. Ein Netzwerk. Alles ungeschliffene Diamanten, die noch nicht oder kaum eine kreative Ausbildung hatten, sondern sich das Meiste selbst beigebracht hatten. Das war für mich der Inbegriff von Independent. Und „Aoeo“ ist diesbezüglich wirklich ein Kleinod. Die fantastische Musik von Iva Zabkar, die zuletzt auch den Soundtrack zu „Risse im Beton“ von Umut Dag beisteuerte. Der Look des Films, die Kostüme, das Artwork – ja, auch die Homepage* – das war so erfrischend damals. Und bis dato hat es kein österreichischer Film geschafft, ein derart gelungenes Gesamt-Package zu schnüren.

Auch das Märchenhafte von „Aoeo“ hat seinen ganz eigenen Charme, erinnert etwas an „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Und gleichzeitig strahlt dieser Film diese Wehmut der Teenager-Filme der 80er-Jahre, wie „The Breakfast Club“ oder „Ist sie nicht wunderbar?“ aus. Wenn Aoeo über das Dach rennt und am Abgrund stehen bleibt und in die Ferne blickt. Ja, einen besseren Coming-of-Age-Film aus Österreich gibt es nicht.

„Aoeo – Es war einmal in einer Großstadt“ ist für mich auch eine Art Zeitkapsel, denn das Wien, das in dem Film gezeigt wird, gibt es heute kaum noch. Alte Fabriken, leer stehende, abgewohnte Häuser – das hat in Zeiten der zu Tode renovierten und aufgestockten Althäuser, den hochgezogenen Wolkenkratzern der Donau City oder diesem sterilen Hochglanz-Projekt Seestadt Aspern keinen Platz mehr.

© 4030 Crew

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Aber leider hat der Film auch seine Schwächen, und zwar ganz gravierende.

Das fängt mal damit an, dass „Aoeo“ anfängt, vom Märchenhaften ins Surreale zu kippen – und zwar ziemlich hart. So etwas muss man mögen. Ich tu es nicht. Aber je öfter ich den Film sehe, desto mehr verstehe ich die Notwendigkeit dieses Kunstgriffes: Es geht eben darum, dass Aoeo seine Unschuld verliert, um seinen Weg zu finden. Und dass das eben schmerzhaft ist. Ich hätte zwar eine elegantere, softere Lösung bevorzugt, aber gut. Dieser Kritikpunkt ist auch eher ein von mir empfundenes Manko beim Storytelling. Gut, dass es auf DVD noch drei alternative Enden gibt.

Mutig, dass Aoeo nicht nur kein Gesicht hat, sondern auch kein einziges Wort spricht. Dadurch ist die Palette an Emotionen, die David Wagner als Schauspieler zeigen kann, sehr eingeschränkt. Aoeo bleibt einem dadurch ein bisschen fremd. Auf der anderen Seite wird versucht, den anderen Akteuren mehr Farbe zu geben, wie z.B. dem Junkie-Trio oder Boco. Nur… wofür? Obwohl sie dadurch mehr Screen-Time haben, bleibt das Hauptaugenmerk trotzdem auf Aoeos Geschichte gerichtet. Die Informationen, die man erhält, laufen ins Leere, sind einem egal. Einzig Pip wirkt als Figur interessanter, allerdings ist ihr Auftritt im Film zu kurz.

© 4030 Crew

© 4030 Crew

An der Auswahl der Schauspieler krankt der Film wirklich. Wie generell bei vielen Indie-Filmen damals wurden die Akteure anscheinend aus dem Bekanntenkreis rekrutiert. Und manche können schauspielen, andere agieren aber so hölzern, dass es einfach nur weh tut, wenn die Szenen verhunzt werden.

Letztendlich wurde „Aoeo – Es war einmal in einer Stadt“ nicht das von mir erhoffte Lebenszeichen des Wiener Indie-Films. Im Gegenteil, der Spielfilm schien sogar eine Art Zäsur für die damalige Szene gewesen zu sein. Filmemacher hörten auf, entwickelten andere Interessen oder gingen auf die Hochschule. Nach „Aoeo“ wurde es in Wien für eine Zeit stiller. Es gibt noch die großen Projekte, keine Frage – vor allem heute. Aber die Unbedarftheit, das Fiebrige und das Intuitive der Amateure ist jetzt dem eher professionelleren Herangehen von Filmschulabsolventen gewichen.

Sebastian Wöber und David Wagner drehen heute noch Filme. (Nicht mehr gemeinsam: Wöber hat sich eher auf die technische Seite (Kamera) spezialisiert, während Wagner erst vor kurzem nach Hamburg gezogen ist, um dort Film zu studieren.) Viele der damaligen 4030 Crew sind in kreativen Bereichen tätig. Aber ein so gewaltiges Projekt wie „Aoeo“ hat es danach meines Wissens nach nicht mehr gegeben. Wenn man mich fragt, zählt dieses Werk zu den wichtigsten der Wiener Indie-Filmszene.

Rodja Pavlik

* Allein, dass man bei der Homepage quasi in einem kleinen Mini-Spiel Aoeo über das Dach scheuchen kann, ist eine Erwähnung wert.

INFO: „Aoeo – Es war einmal in einer Stadt“ – Coming of age-Drama , A 2005, 52 min. Regie: David Wagner, Sebastian Wöber. Drehbuch: David Wagner. Kamera: Sebastian Wöber. Ton/Setbauten/Animation: Roland Dell’Mour. Maske/Kostüm: Marina Dell’Mour, Janine Haid. Musik: Iva Zabkar. Budget: ca. 2.500 Euro. Darsteller: David Wagner, Marina Dell’mour, Andreas Benedikt, Gregor Hrynasz, Tom DeRoeck, Wilhelm Iben. Weitere Informationen unter www.aoeo.at

AOEO Trailer from David Wagner on Vimeo.

Written by HomeMovieCorner

1. November 2014 at 13:57

HMC-Classics: Stasis

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© Hickstein/Wichterich

© Hickstein/Wichterich

Erstrezension am 11. September 2002, der Kurzfilm lief am 2. November 2002 im Rahmen eines HomeMovieCorner-Allerseelen-Specials im Filmcasino in Wien.

Ein junger Mann unterhält sich via Web-Camera mit seinem Zwillingsbruder, der seit einiger Zeit aus dem Haus ist. Ein banales Gespräch, doch bald befällt den Zuschauer ein unangenehmes Déjà Vu-Gefühl. Der deutschen Gruppe Firework Pictures rund um Matthias Hickstein und Daniel Wichterich gelang mit wenig Aufwand und einem ausgezeichneten Drehbuch ein psychologisches Drama, das mehr Grusel als so mancher Horrorfilm erzeugt.

„Und? Bei Dir was Neues?“ Ein junger Mann (Thomas Goersch) sitzt vor seinem Computer. Die Web-Camera ist an, er spricht mit seinem Zwillingsbruder. Das Gespräch dreht sich um banale Dinge. Wie geht es Mutter? Was macht das Liebesleben? Der eine hat sich einen blütenweißen Anzug gekauft, der andere hat eine neue Anmache. Seit der Bruder aus dem Haus ist, hat sich einiges verändert. Doch bevor es so langweilig-gemütlich weiter geht, stutzt der Zuschauer. Irgend etwas stimmt an dieser Konversation nicht. Wiederholt der eine nicht, was der andere kurz zuvor gesagt hat? Aber irgendwie ergeben die Sätze einen Sinn, einen Kontext. Das unangenehme Déjà Vu bleibt und wird mit jedem weiteren Satz, jeder Geste, die sich wiederholt, intensiver. Schließlich stockt der namenlose Mann vor dem Computer, denkt nach. Er erinnert sich wehmütig daran, wie es damals war – als sein Zwilling noch da war. Das gemeinsame Frühstück, Schach spielen, gemütlich beisammen sein – dann die letzte, schmerzliche Erinnerung: Der Sarg seines Bruders. „Du bist viel zu früh von uns gegangen.“

„Stasis“ ist ein kleiner, aber äußerst feiner Film der Gruppe Firework Pictures rund um Matthias Hickstein und Daniel Wichterich. Die beiden Deutschen erzählen die Geschichte eines jungen Mannes, der ein Gespräch mit seinem verstorbenen Zwillingsbruder mit Hilfe einer Web-Camera und einer verzögerten Einspielung in den Computer führt – den Verstorbenen quasi wieder „lebendig“ macht. Die Deutungsweisen des knapp 3:40 Minuten langen Films sind verschieden: Theorien von Schizophrenie bis hin zu sentimentalem Experiment eines Trauernden sorgen noch für lange Diskussionen nach dem Film.

„Stasis“ ist ein Beispiel dafür, dass man mit geringen technischen Mitteln und absolut „no Budget“ trotzdem einen guten Film machen kann. Alles, was man dafür benötigt, ist ein gutes Drehbuch und gute Schauspieler. Thomas Goersch überzeugt in seiner Rolle des Melancholikers, der um seinen Bruder auf etwas seltsame Art und Weise trauert. Besonders erwähnenswert ist vor allem der Dialog, der eigentlich ein Monolog ist. Das Bravourstück dürfte Hickstein und Wichterich einiges Kopfzerbrechen bereitet haben. Wie überlegt man sich einen Satz, der sich im Kontext wiederholt und trotzdem einen anderen, logischen Sinn ergibt? Obwohl der Kurzfilm ein Drama ist, steckt soviel psychologische Raffinesse und Spannung drinnen, dass mehr Gänsehaut entsteht als bei den meisten Horrorfilmen, die ich kenne.

Die Gruppe Firework Pictures war zu den Anfangszeiten des HomeMovieCorner in den 2000er-Zeiten immer für eine Überraschung gut. Ich mochte schon die Medien-Satire „Café Guerilla“ (2001) sehr, aber „Stasis“ (2002) war für mich das Nonplusultra eines Amateur-Kurzfilms. Nach den beiden „intellektuelleren“ Filmen folgte mit „Cleaner“ (ebenfalls 2002) ein Horror-Kurzfilm, in dem ein Kammerjäger – von einem Nachrichtenteam begleitet – im Keller seiner Arbeit nachgeht und Mäuse, Ratten und Zombies exterminiert. Doch die Untoten sind nicht die einzige Gefahr da unten. Bei dem eher mainstreamigen Film zeigte Daniel Wichterich erstmals sein CGI-Können und erschuf ein beeindruckendes 3D-Monster. „Cleaner“ war wohl der Höhepunkt von Firework Pictures, denn danach wurde es eher still um die Gruppe. Zwar kamen noch zwei, drei Kurzfilme (u.a. ein Teaser mit einem Samurai-Schwerkampf und ein tragischer Animationsfilm über eine verliebte Schaufensterpuppe), die aber nicht mehr das filmische Level von „Stasis“ oder „Cleaner“ erreichten.

Mittlerweile hat Wichterich sein Studium als Diplomierter Medien Designer an der Fachhochschule Aachen abgeschlossen und arbeitet als VFX-Artist in Berlin. Von einem Matthias Hickstein fand ich diese Filmemacher-Site hier, aber auf eine Anfrage kam keine Antwort.

Thomas Goersch ist Schauspieler und Filmemacher mit Leib und Seele, der vor allem in der Indie-Szene agiert. Er fiel mir u.a. in dem Fantasyfilm „Kriegerherzen“ und der LGBT-Serie „Berlin Bohème“ auf. Aktuell ist er u.a. der Mastermind hinter dem Episodenfilmprojekt „Grimms Kinder“, das die Grimmschen Märchen neu erzählt.

Rodja Pavlik

INFO: Firework Pictures: „Stasis“ – D 2002, Drama – 03:40 min. Regie: Matthias Hickstein. Drehbuch: Matthias Hickstein, Daniel Wichterich – nach einer Idee von Niels Vollrath. Kamera: Matthias Hickstein. Schnitt: Daniel Wichterich, Matthias Hickstein. Ton: Christian Fuhrmann. Darsteller: Thomas Goersch.

Was ist HMC-Classics?

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15. Oktober 2014 at 02:57

Same shit, different title – Recycling of the worst kind

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Vor einiger Zeit hatten die Filmemacher Christian Genzel und Michael Valentin sowie meine Wenigkeit einen ziemlichen Nerd-Spaß, als wir entdeckten, dass die gleiche Frau/Silhouette sechs verschiedene Filmcover zierte. Das Ergebnis unserer langwierigen und keineswegs auf Vollständigkeit pochenden Recherchen hat Christian auf seinem Blog „Wilsons Dachboden“ (<-unbedingt anklicken!) zusammengetragen.

© Laser Paradise/DVD

© Laser Paradise/DVD

Nun war ich vor einiger Zeit bei der Elektrofachkette meines Unvertrauens… und bin wieder auf äußerst sinnfreie Formen des Recyclings gestoßen – und das an einem einzigen Tag!

So entdeckte ich z.B., dass der unsägliche US-Indie-Streifen „Horrors Of War“ (2006 – in Deutschland bei Laser Paradise/DVD erschienen) von Peter John Ross 2013 als „Nazi Zombies“ (Voulez Vous Film/Intergroove) neu herausgebracht wurde. Ich möchte vor diesem Film ausdrücklich warnen – so etwas Lahmarschiges habe ich selten gesehen.

Eine Truppe US-GIs stößt während des Zweiten Weltkriegs bei ihrem Vormarsch durch Frankreich auf Nazi-Zombies. Nachdem schon die lebenden deutschen Soldaten ständig mit Kanonen daneben schießen, sind die ziellos herumwankenden untoten Deutschen auch nicht wirklich eine Gefahr. Man merkt dem Film auch an, dass er eigentlich aus drei Kurzgeschichten (u.a. eine Werwolf-Episode) zusammengeflickt ist. Wie gesagt, das Ganze ist spannungsarm inszeniert, die Schauspieler agieren schablonenhaft und die deutsche Synchronisierung ist unter aller Sau. Bilde ich es mir nur ein, dass die Sprecher ihre Stimmen verstellen mussten, um mehrere Rollen einzusprechen? Und wurde da bei „Nazi Zombies“ nachgebessert? Nicht, dass es das Werk wirklich retten würde…

Das einzig Interessante an dem Film ist ohnehin das Schaulaufen der verschiedenen US-Reenactment-Gruppen, die Regisseur Ross für seinen Film verpflichten konnte. Da fahren reale Panzer auf, dass es eine Freude ist – nicht so CGI-Dingens. Und gedreht wurde übrigens auf 16 mm. Aber das war es dann eigentlich schon, was man beim besten Willen irgendwie noch positiv aufzählen könnte.

„Horrors of War“ war lange Zeit der einzige Indie-Film, den ich aus meiner umfangreichen Sammlung wieder entfernen wollte. Mittlerweile ist er mehr so ein Kuriosum, den man halt auch in der Sammlung hat – als mahnendes Beispiel. Aber falls jemand Interesse hat, ich borge ihn sehr gerne her. Und ich frage auch nicht nach, wenn ich ihn nicht mehr zurückbekommen sollte.

© Mr. Banker Films

© Mr. Banker Films

Recycling-Fallstudie II

Ebenfalls in dem Geschäft gefunden: Der deutsche Kurzfilm „Der Goldene Nazi-Vampir von Absam II – Das Geheimnis von Schloss Kottlitz“ (Mr. Banker Films) von Lasse Nolte aus dem Jahr 2008 wurde – wohl um auf der Erfolgswelle der Nazi-Satire „Iron Sky“ mitzureiten – als „Iron Nazi Vampir“ von Savoy Film/Intergroove 2012 re-released. Ich möchte vor diesem Film ausdrücklich warnen – so etwas Lahmarschiges habe ich selten gesehen (Wenn die recyclen können, dann kann ich das wohl auch!).

Inhaltlich geht es darum, dass der schwächlich wirkende Robert E. Lee, ein Bürohengst beim US-Geheimdienst und Spezialist für Okkultes, hinter den feindlichen Linien Hinweisen nachgehen muss, dass die Nazis mit Vampir-Soldaten herumexperimentieren.

Es gibt viele Arten von Trash: Es gibt Filme, die so schlecht sind, dass sie Trash sind. Und es gibt Werke, die absichtlich trashig gemacht wurden. Gegen beides ist nichts einzuwenden, sie sollten nur eines gemeinsam haben: Sie müssen unterhaltsam sein. Und dann gibt es auch noch jene Werke, bei denen die Produzenten und Filmemacher von vornherein verzweifelt versuchen, dem Zuschauer das Label „Trash“ auf die Augen zu drücken (salopp gesagt: zu blenden). Allerdings fehlt der wesentliche Faktor Unterhaltung – und ein solcher Film ist eben „Der Goldene Nazi-Vampir von Absam II/Iron Nazi Vampir“. Mann, was da alles schief gegangen ist… Gut, dass die Handlung logisch ist, war bei dem Thema/der Story ja nicht zu erwarten. Aber die Gags – ein Rohrkrepierer nach dem anderen. Und der Gastauftritt von Oliver Kalkofe beschränkt sich auf blödes Kichern, Losprusten und Finger zeigen. Ich vermute mal, dass Kalkofe gesondert aufgenommen wurde und dann in die Handlung reingeschnitten wurde. Soweit ich mich erinnern kann, war aber die Ausstattung recht beeindruckend (damit ich auch mal was Positives dazu schreibe).

Bei „Der Goldene Nazi-Vampir von Absam II“ spürt man regelrecht, wie Sand ins Getriebe kommt. Der Film startet einfach nicht durch. Das eigene Gehirn sucht verzweifelt nach Witzen, Bonmots und Kalauern, während es gegen die aufsteigenden Kopfschmerzen anzukämpfen versucht. Die Legende besagt, dass Regisseur Lasse Nolte mit seiner Uni streiten musste, damit der Film als seine Abschlussarbeit anerkannt wird. IMDB besagt, dass er zuletzt Co-Autor von „Kaiserschmarrn“ (mit Antoine Monot Jr.) war. Und da schaut der Trailer auch schon grottig aus.

The fatal connection

Und nun kommen wir zu der Verbindung zwischen den beiden Filmen, die mich noch mehr erheitert hat, als die frechen Re-Releases unter neuen Namen: Das Original-Cover von „Horrors of War“ musste nämlich als Vorlage für „Iron Nazi Vampir“ herhalten. Statt Hitler wurde ein Nazi-Vampir an die Stelle hingepappt, die Flugzeuge, die Ruinen und die stramm marschierende Armee aus Zombies (im Film höchstens eine Handvoll), die in – glaube ich – italienischen Uniformen daher kommt, wurden ebenfalls übernommen – nur die Zombie-Gesichter wurden mit Vampirfratzen retuschiert.

© Laser Paradise/DVD / Savoy Film/Intergroove

© Laser Paradise/DVD / Savoy Film/Intergroove

Und noch eine letzte Recycling-Frage: Was hat das Frontcover der britischen Horrorkomödie „Attack Of The Nazi Herbal“ (Savoy Film/Intergroove) mit dem Backcover von „Iron Nazi Vampir“ gemeinsam? Na, wer weiß es?

Rodja

© Rodja Pavlik

© Rodja Pavlik

Trailer „Horrors of War“

Trailer „Der goldene Nazi-Vampir von Absam II“

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9. September 2014 at 14:41

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HMC-Classics: Dunkel

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© Transcendental Pictures

© Transcendental Pictures

Erst-Rezension am 26. Juli 2003.

In naher Zukunft versucht das Geschwisterpaar Yassa und Tarek in einer von Vampiren beherrschten Welt zu überleben. Regisseur Hendrik Röhrs, Drehbuchautor und Darsteller René Rausch sowie ihr Team Transcendental Pictures zeichnen mit einer interessanten und charakter-orientierten Story in ihrem Amateurfilm „Dunkel“ von 2002 eine düstere Horrorwelt in naher Zukunft. Eine großartige Geschichte, die man sich auch gerne in einer professionellen Produktion anschauen würde.

„Erzähl mir von früher!“

„Früher war es besser. Es gab genügend Nahrung. Die Menschen hatten einen festen Ort an dem sie lebten. Niemand hatte Angst vor der Dunkelheit.“

Für das Geschwisterpaar Yassa (Jana Bösche) und Tarek (René Rausch) schaut die Zukunft nicht gerade rosig aus. Genau genommen schaut auch die Gegenwart nicht viel besser aus: Die Menschheit – oder das, was davon übrig geblieben ist – ist in einen gnadenlosen Kampf mit der Rasse der Vampire verwickelt. Tagsüber können sich die Überlebenden zwar frei bewegen, in der dunklen Nacht sind sie höchstens Freiwild.

© Transcendental Pictures

© Transcendental Pictures

In dieser kleinen Gemeinschaft hat Tarek die Führung übernommen. Illusionslos, von einem Tag in den anderen lebend, fühlt er sich für seine kleine Schwester verantwortlich. Wenn sie ein leer stehendes Haus gefunden haben, bleiben sie eine Zeit lang drinnen, bis die ersten Vampire aufkreuzen. Dann geht die Suche nach einem neuem Quartier auf Zeit wieder los – mit diesem sich ständig wiederholenden Kreislauf hat sich Tarek abgefunden.

Yassa sieht das anders: Die ständige Bedrohung hat dem jungen Mädchen zwar die Kindheit geraubt, doch innerlich ist sie ein Teenager geblieben. Auch sie kann Vampire mit Bravour pfählen, doch in Wahrheit träumt sie von einer „guten, alten Zeit“, die sie nie kennen gelernt hat. Von Städten, in denen Menschen wohnen, von Kinderspielplätzen, die nicht durch Blutflecken entweiht wurden. Von Zeit zu Zeit tauscht sie heimlich ihr Lara-Croft-Outfit gegen ein Sommerkleidchen, spaziert auf einem Steg und träumt von der ersten Liebe, während im See die Schwäne schwimmen.

Eines Tages greifen der Scharfschütze Leu (Steffen A. Röhrs) und Hiskia (Susanne Bährisch) Yassa und Tarek auf. Die Fremden laden das Geschwisterpaar in ihr Versteck ein, wo Mara (Svenja Müller) gerade um das Leben eines Freundes kämpft. Die Camp-Bewohner sind in eine besonders blutige Fehde mit einem Vampirclan verwickelt, nachdem sie dessen Anführer getötet haben. Außerdem gehen die Vorräte zu Ende und die Gemeinschaft muss bald zur nächsten Siedlung.

© Transcendental Pictures

© Transcendental Pictures

Auch die Sippe der Vampire hat Probleme: Nachdem der Anführer gepfählt wurde, übernahm seine Tochter Mariska (Katrin Wierstorf) die Leitung – sehr zum Missfallen von Kaman (Timo Wussow). Dieser versucht, die Gemeinschaft gegen Mariska aufzustacheln, doch noch ist die Obervampirin zu mächtig. Nach einem kurzen Kampf verstößt sie Kaman aus der Gemeinschaft. So einfach gibt Kaman jedoch nicht auf, er schwört fürchterliche Rache. Eine Gelegenheit bietet sich, als der Ausgestoßene auf das Lager der Menschen stößt – er verrät Leu und seinen Freunden den Standort der Vampire…

Ja, so einfach geht das mit Einführungen. Ein paar Sätze aus dem Off, eine unheilvolle Spieluhrmelodie – und schon ist man in die richtige Stimmung versetzt. „Dunkel“ von der deutschen Gruppe Transcendental Pictures ist einer der stimmungsvollsten und ausgefeiltesten Filme, die ich je gesehen habe (und damit schließe ich auch viele professionelle Produktionen ein). Obwohl der Film an die 100 Minuten lang ist, kommt keine Langweile auf – zu sehr ist man von den Charakteren und vom intelligenten Plot gefesselt. Phantasievolle Ausstattung und stimmungsvolle Locations tun ihr Übriges. Untermalt von einem einfachen, aber wirkungsvollen Synthie-Score von Lars Kelich, entfaltet sich vor dem Auge des Zuschauers eine düstere Welt der nahen Zukunft, in der die menschliche Ordnung zusammengebrochen ist. Ein weiterer Pluspunkt ist auch das ziemlich ungewöhnliche und mutige Ende.

Interessant vor allem die vielen Details über die Eigenheiten der Vampire – wohl ein Ergebnis intensiver Recherchen. Ich selbst habe früher sehr viele Romane über die Untoten mit den scharfen Beißerchen gelesen und war echt entzückt, dass einige alte und vergessen geglaubte Mythen, wie z.B. das zwanghafte Zählen, Silbermünze im Mund als Schutz davor, dass der Tote wiederkehrt, etc., berücksichtigt wurden.

© Transcendental Pictures

© Transcendental Pictures

Die Schauspieler bieten eine gute Leistung. Gut, es sind Laiendarsteller, und das merkt man auch. Aber die Qualität ist auf einem gleich bleibenden Niveau und homogen. Dass die Akteure glaubhaft rüberkommen, liegt wohl auch an der ausgefeilten Darstellung der einzelnen Charaktere. Wenn z.B. Mariska nicht so scharfe Zähne hätte, würde man dieser verwöhnten Göre am liebsten den Hintern versohlen. Eine Novität damals (Zur Erinnerung: Der Film kam 2002 heraus – also vor „True Blood“, „Vampire Diaries“ und dem ganzen „Twilight“-Scheiß): Auch die Vampire haben soziale Bindungen und Gefühle (natürlich nur untereinander).

Die Handlungen der Menschen wiederum werden von ihren Erfahrungen geprägt. Besonders stark merkt man das bei Yassa und Tarek, aber auch bei dem jungen Leu. Der Scharfschütze traut niemandem – kein Wunder, schließlich musste er seinen eigenen Vater pfählen. Und dass Leu das Grab seines Vaters besucht, nur um sicher zu gehen, dass der Alte nicht „wiederkehrt“ – einfach genial. Gerade diese „Pre-Stories“ sorgen für logisch nachvollziehbare Konflikte innerhalb der Gruppe, obwohl eigentlich alle am selben Strang (Überleben) ziehen sollten.

Es gibt auch einige Splatterszenen in dem Film, aber erstens sind sie dem niedrigen Budget angepasst und eher unspektakulär, zweitens – und das ist meiner Meinung nach sehr wichtig – ordnen sie sich absolut der Geschichte unter. Blut spritzt nur dann, wenn es der Handlung förderlich ist.

© Transcendental Pictures

© Transcendental Pictures

Zwar hat das Team technisch eine solide Leistung vollbracht, aber vor allem anfangs stören die vielen Achsensprünge (d.h z.B. die Leute gehen nach links, Schnitt – plötzlich kommen sie von rechts). Einziges wirklich penetrantes Manko ist der übersteuerte Ton: Brechendes Gehölz im Wald oder Bauschutt bzw. Glasscherben in einer aufgelassenen Fabrik – da kracht und grammelt es, dass es keine Freude ist.

Es ist fast schade, dass diese Geschichte „nur“ für einen Amateurfilm verwendet wurde. Die Story ist viel zu komplex und überbordend und schreit fast förmlich nach einem „Spin Of“. Wenn man bedenkt, dass „Dunkel“ erst der dritte Film von Transcendental Pictures war, konnte man das Potenzial dieser Gruppe damals bereits erahnen.

Einen Pluspunkt gibt es für das ausführliche Bonusmaterial (zusätzliche 50 Minuten), das nicht nur informativ ist, sondern auch für jede Menge Spaß sorgt. Neben Hoppalas, deleted scenes, Tricks und sonstigen Kuriositäten (z.B. fliegende Kühe) erfährt man auch jede Menge von den Widrigkeiten, die die Dreharbeiten begleiteten. So musste der Holzsteg, auf dem Yassa so verträumt spaziert, erst von Schwanenscheiße radikal gesäubert werden. Und das Camp der Menschen wurde während der Dreharbeiten auch noch vom Hochwasser versenkt.

© Transcendental Pictures

© Transcendental Pictures

Transcendental Pictures waren 2003 eine der viel versprechendsten Amateurfilmgruppen damals. Sie drehten gut durchdachte Spielfilme und hatten auch ein Gespür für Ausstattung und Locations. Nach „Dunkel“ folgte 2003 – diesmal unter der Regie von „Dunkel“-Autor René Rausch – das Horrormärchen „Es war einmal… Der Gruselpeter“ und 2005 –wieder mit Hendrik Röhrs als Regisseur – das Prequel „Dunkel – Das erste Kapitel“ (HMC-Classics dazu folgt demnächst). Mit dem eigenen DVD-Label „Klappe, die Erste“ wurde auch versucht, eine Indie-Marke zu etablieren.

Nach weiteren Kurzfilmen drehten Transcendental Pictures schließlich die Tragikomödie „Things to do!“, bei der sie zum ersten Mal mit professionellen Schauspielern arbeiteten. Allerdings waren die Filmemacher mit dem Ergebnis nie zufrieden, weshalb das Werk offiziell nie veröffentlicht wurde, erzählte René Rausch vor kurzem dem HomeMovieCorner. Danach brach die Filmgruppe langsam auseinander – das Leben in Form von Arbeit bzw. Studium an anderen Orten hatte die meisten Mitglieder ereilt. Hendrik Röhrs und René Rausch studierten zusammen an der HfK Bremen das Fach Digitale Medien, wo sie mit dem Bachelor of Arts abschlossen. Nebenbei wurden kleinere Projekte wie ein Modefilm und diverse Musikvideos realisiert. So ab 2010 trennten sich die künstlerischen Wege der beiden: „Hendrik und ich sind aber nach wie vor gute Freunde und tauschen uns aus. Wir kamen nur auf kreativem Wege nicht mehr zusammen wegen unterschiedlicher Vorstellungen. Hendrik war immer der Ästhetiker und weniger der Geschichtenerzähler, während ich eher ‚unperfekt‘ bin und lieber Sachen mache, die storydriven sind“, erläuterte Rausch. Bei seinen späteren Werken griff René Rausch auch auf ehemalige Transcendental-Pictures-Mitglieder wie Steffen Röhrs oder Lars Dreyer zurück.

Aktuell versucht er über eine Crowdfunding-Aktion auf Startnext.de das Budget für sein neuestes Spielfilmprojekt „Ostzone“ (über das hier berichtet wurde) zu bekommen.

Rodja Pavlik

INFO: Transcendental Pictures: „Dunkel“ – D 2002, Horror – ca. 100 min (+ 50 min. Bonusmaterial). Regie: Hendrik Röhrs. Drehbuch: Timo Wussow, René Rausch – nach einer Idee von René Rausch und Timo Wussow. Kamera: Lars Kelich. Special Effects: Steffen Röhrs, Timo Wussow. Design/Ausstattung/Kostüme: Hendrik Röhrs, Gitta Röhrs, Katrin Wierstorf. Make Up: Katrin Wierstorf, Anna Göhring. Musik: Lars Kelich. Produktion: Lars Kelich, René Rausch, Timo Wussow. Darsteller: Jana Bösche, René Rausch, Katrin Wierstorf, Hendrik A. Röhrs, Svenja Müller, Susanne Bährisch, Timo Wussow, u.v.a.

Was ist HMC-Classics?

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7. September 2014 at 03:13

Biest

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© Loom

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Ein Pärchen in der Krise. Ein Wochenende auf dem Berg soll’s richten. Vielleicht ist es aber keine so gute Idee, ein „Biest“ als Mediator fungieren zu lassen.

Seit dem 1. Mai läuft nun der steirische Indie-Film von Loom-Mastermind Stefan Müller („Jenseits“, „Tartarus“) in den österreichischen Kinos. Eines vorweg: Der Creature Horror-Film mit Peter „Ex-Jedermann“ Simonischek in einer Nebenrolle hat nicht zu Unrecht auf dem Fright Nights Film Festival in Wien die „Silberne Hand“ für den besten Indie-Langfilm erhalten. Toller Creature Horror made in A.

Andi (Paul Hassler) hat von einem Freund ein Haus am Berg gemietet. Sein Plan: Ein romantisches Wochenende mit Lena (Stephanie Lexer). Doch der ist so gar nicht nach Romantik zumute. Im Gegenteil: Für sie ist die Beziehung zu Andi eigentlich vorbei. Was sie da wohl geritten hat, doch noch ein paar Tage gemeinsam und einsam mit ihm zu verbringen, weiß sie wohl selbst nicht. Muss wohl an der guten, alten Zeit liegen, von der Andi mit zunehmender Verzweiflung ständig erzählt. Doch je mehr Andi sich engagiert, desto mehr droht ihm Lena zu entgleiten.

Erst langsam bemerken die beiden, dass ihr Auseinanderdriften nicht ihr einziges Problem in dieser menschenleeren Gegend ist. Etwas tötet Tiere. Große Tiere wie Rehe. Und dann taucht da auch noch dieser Jäger Franz Schenk (Peter Simonischek) auf, der seine Frau sucht. Die beiden hatten sich vor einigen Tagen gestritten – und nun sei sie weg, so Schenk.

© Loom

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Andi und Lena können ihm nicht helfen. Aber etwas in der Sorge des Jägers um seine Frau berührt Lena so sehr, dass sie endlich die Auseinandersetzung mit Andi sucht. Woraufhin der am Abend alleine vor dem Fernseher einschläft. Und nicht mitbekommt, dass jemand… etwas… Lena in ihrem Zimmer einen Besuch abstattet. Und sie mitnimmt. Als Andi am Morgen darauf realisiert, dass Lena verschwunden ist, macht er sich auf die Suche nach ihr. Dabei stößt er auf Spuren, die ihn immer tiefer in eine mysteriöse und finstere Welt des Grauens führen…

Man mag es meiner Rezension von „Tartarus“ nicht anmerken, aber ich bin ein Fan der Gruppe Loom rund um Autodidakt Stefan Müller. Es ist zwar schon besser in der österreichischen Filmlandschaft geworden, aber es gab Zeiten, da wurde ja im heimischen Film der sozialdepressive Blick geradezu zelebriert. Insofern waren die fantastisch angehauchten Werke aus Graz – trotz ihrer Schwächen und Überlängen – eine willkommene Abwechslung. Endlich traute sich jemand, Genre-Kino zu produzieren. Und natürlich konnte so etwas vor ein paar Jahren nur aus dem Indie-Bereich kommen.

Meine Kritik an „Jenseits“ und „Tartarus“ punkto Überlängen bezog sich immer auf die Redundanz des Gezeigten. Es war immer klar, was Regisseur/Autor Stefan Müller erzählen wollte. Allerdings schien er sich immer selbst zu misstrauen und wiederholte ständig die Fakten. Das ist mit „Biest“ wohltuend anders geworden.

© Loom

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„Biest“ selbst ist im Gegensatz zu den oben genannten Werken in erster Linie auch kein Horror-, sondern eher ein Beziehungsfilm. Das Pärchen, das sich auseinandergelebt hat, wird großartig von Paul Hassler und Stephanie Lexer (sie war übrigens auch für die „Silberne Hand“ als beste Darstellerin nominiert) verkörpert. Es gibt zwar längere Dialoge, die aber nie überlang wirken. Jeder Satz enthüllt einen neuen Aspekt der Beziehung. Und, oh Wunder, mit der anfangs eher unsympathisch wirkenden Lena empfindet man Mitleid – und das zu einem Zeitpunkt, wo sie das Biest noch nicht mal angerührt hat. Chapeau, Herr Müller – sowohl zu den Dialogen als auch zur Wahl der Hauptdarsteller.

Selbst das schauspielerische Schwergewicht Peter Simonischek („Gebürtig“, „Jedermann“) übertrumpft Hassler und Lexer nicht, sondern spielt quasi auf Augenhöhe mit den Newcomern. Was aber sicher auch daran liegt, dass Simonischek nur eine kleine Rolle hatte, die nicht viele Nuancen zu zeigen brauchte.

Kommen wir nun zu zwei Minuspunkten. Zum einen wäre da die sehr kurze Laufzeit von 75 Minuten. Wie bereits beschrieben, liegt das Hauptaugenmerk eher auf die Beziehung denn auf dem Biest. Bis Lena entführt wird, vergeht viel Zeit. Doch ab dann – ruck zuck – verwandelt sich Andi zum Helden und dringt ohne wirkliche Widerstände bis in das Heiligste der Bestie vor. Da hätte man sich doch mehr Raffinesse, mehr Twists, mehr Kampf erwartet.

Zum anderen… Man muss sich immer wieder sagen, dass dies mit einem Budget von 30.000 Euro ein Low-Budget-Film ist. Und dass man ein Haus nicht wirklich in die Luft sprengen kann, sondern CGI dafür verwendet, ist nun mal eine Kostenfrage. Aber… es stört halt doch. Auf der einen Seite gelingen Stefan Müller und Kameramann Martin Schneider wahnsinnig cineastische Bilder, auf der anderen Seite… Nun ja. Interessant aber auch, dass Müller, der in „Jenseits“ und „Tartarus“ seine Monster aus dem Computer bezog, diesmal auf ein echtes Monsterkostüm samt Schauspieler setzte. Wie Müller in einem Interview erklärte, wollte er am Drehort wirklich mit der Bestie arbeiten können – und das ist gut gelungen.

© Loom

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Letztendlich betone ich nochmals, dass „Biest“ im Großen und Ganzen ein toller Creature Film made in A ist. Er erzählt zwar nichts Neues. Im Grunde könnte man auch meinen, dass die Geschichte von „Tartarus“ (inklusive einiger Drehorte) Pate gestanden ist. Aber wie Müller es erzählt, ist äußerst spannend.

Bei der Preisverleihung der „Silbernen Hand“ beim Fright Nights Film Festival verglich jemand gegenüber Regisseur Stefan Müller „Biest“ mit „Der Pakt der Wölfe“ von Christophe Gans. (Gut, ich persönlich hätte ja eher auf „The Descent“ getippt, aber was weiß ich schon…) Insofern kann man es als gutes Omen sehen, dass am gleichen Tag wie „Biest“ auch Christophe Gans’ neuer Film „Die Schöne und das Biest“ in den österreichischen Kinos angelaufen ist.

Rodja Pavlik

Interview mit „Biest“-Regisseur Stefan Müller

INFO: Loom/FlyOli: „Biest“ – A 2014, Creature Horror – ca. 75 min. Regie/Drehbuch: Stefan Müller. Kamera: Martin Schneider. Kameraassistenz: Senad Halibasic, Patrick Knapp, Andreas Zankl. Schnitt: Stefan Müller. Sound Design & FX: Steve Furry, FlyOli. Maske/MakeUp FX: Christina Halitzki. Ausstattung/Kostüm: Sandra Derler, Susanne Kirchner. Visuelle Effekte: Simon Wendler, Martin Ernst, Robert Niessner, Georg Marius. Produktion: Oliver Haas, Stefan Müller. Musik: FlyOli. Budget: ca. 30.000 Euro. Darsteller: Paul Hassler, Stephanie Lexer, Peter Simonischek, Marika Halitzki. Weitere Informationen unter www.baldkommtdasbiest.com

BIEST Kinospot from Stefan Müller on Vimeo.

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2. Mai 2014 at 08:00

HMC-Classics: Schützenhilfe

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schuetzenhilfe_1Das Theater des Schauspielers Ralf Silka ist am Ende – genau wie Silka selbst. Der alternde Bühnendarsteller beschließt, Selbstmord zu begehen. Da erscheint ihm Michael Ende, Außendienstmitarbeiter der Firma Tod. Beim Abschluss seiner Lebensbilanz schwankt Silka zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Dem Schweizer Regisseur Dieter Koller ist 2001 mit dem Kurzfilm „Schützenhilfe“ der Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung gelungen – und das ausgerechnet zu dem heiklen Thema Selbstmord. Ein phantastischer Film! Erst-Rezension am 13.06.2002 – der Film lief im Rahmen des HomeMovieCorner am 22. September 2002 im renommierten Wiener Filmcasino.

– – –

Das Stück ist zu Ende. Auf der Bühne verbeugt sich der Schauspieler Ralf Silka (Horst Warning), bevor der Vorhang zum letzten Mal fällt. Das kleine Theater, das Silka so mühsam aufgebaut hat, steht vor dem Ruin. Als Silka sich in seiner Garderobe abschminkt, läutet das Telefon. Es ist seine Frau Tina (Jaqueline Renée) – sie weiß, dass Ralf Probleme hat. Doch Ralf blockt ab, auch der Brief der Stadtverwaltung – wahrscheinlich die Subventionierung seines Theaters betreffend – interessiert ihn nicht. Denn der alternde Schauspieler hat beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Und das ausgerechnet zu Weihnachten. Der Gedanke, mit seiner ihm entfremdeten Familie eine wahrhaft stille Zeit zu verbringen, ist ihm ein Greuel. Silka bereitet sich vor: Eine Platte der Comedian Harmonists wird aufgelegt, die Waffe geladen. Vor seinem Auge schauen ihm seine Frau Tina und sein Schauspielerzögling Nadia Gruber (Martina Schütze) von den Theatersitzen her zu. Voller Wut schickt er sie fort, die Vorstellung ist ja schließlich längst vorbei. Doch da bemerkt er noch einen Zuschauer: Es ist Martin Ende (Walter Sigi Arnold), der jüngere Bruder seines Schulfreundes Klaus. Das Besondere an dem allerletzten Publikumsgast ist das kleine Einschussloch an der Schläfe – Ende hat sich selbst erschossen.

schuetzenhilfe_2Nun arbeitet der Ex-Lehrer und Ex-Mensch als Außendienstmitarbeiter für das äußerst florierende Unternehmen Tod. Doch bevor sein neuer Kunde Silka abdrückt, muss noch der ganze Papierkram erledigt werden, sprich: Es wird Bilanz gezogen. Silka erzählt von seiner Frau, von frühen gemeinsamen Erfolgen und vom Traum, ein eigenes Theater zu eröffnen. Doch da waren auch die so genannten „Freunde“, die vor dem finanziellen Risiko warnten, der Teufelskreis Erfolg-Subvention-Misserfolg-keine Subvention, die Belastung, als Familienerhalter zu versagen und die Entfremdung der Familie. Schließlich glaubt Silka, sich niemandem mehr anvertrauen zu können. Ende drängt zum Absch(l)uss. Doch durch die Bilanz bekommt Silka neue Hoffnung: Vielleicht hält seine Familie doch zu ihm. Vielleicht hat er doch noch Freunde. Vielleicht… Doch Ende ist nicht da, um Silka den Suizid so einfach auszureden.

Nach diversen Produktionen, wie z.B. dem Parkhaus-Thriller „Geschoss E“ oder dem zauberhaften Märchen „una storia della luna“ mit Laien und semiprofessioneller Technik, ist „Schützenhilfe“ der erste professionelle Kurzfilm des Schweizers Dieter Koller und seiner DiKo Production. Das Produktionsbudget von 35.000 sfr (damals rund 23.700 Euro) hat der Regisseur dabei aus eigener Tasche vorgelegt. Das für eine Privatperson beachtliche Budget hat sich aber auch bezahlt gemacht: Professionelles Handling bis in die kleinsten Details – Kamera, Musik, Ton, Schnitt, Bild, etc. Doch was ist mit der Geschichte und ihren Akteuren selbst? Auch hier kann man nur das höchste Kompliment aussprechen. Die Berufsschauspieler – vor allem Horst Warning als lebensmüder Silka und Walter Sigi Arnold als Allegorie des Todes – überzeugen komplett in ihren Rollen.

Gratulation auch an Dieter Koller bezüglich des Drehbuchs: „Schützenhilfe“ ist trotz der problematischen Thematik kein „verkopfter“ Film. Das ist vor allem der phantasievollen Story und den geschliffenen Dialogen zu verdanken, die „Schützenhilfe“ zu einer gelungenen Mischung aus Anspruch und Unterhaltung, Komödie und Tragik verhelfen. Hinzu kommt, dass Koller anscheinend ziemlich intensiv zum heiklen Thema Selbstmord recherchiert und Fachleute hinzugezogen hat. Kurz und gut – „Schützenhilfe“ ist einfach ein phantastischer Film.

Es ist nicht verwunderlich, dass „Schützenhilfe“ einige Preise – darunter Bester Film bei Filmtage Xanten und Interferencia Liechtenstein und Bronze-Medaille IDAF in Duisburg – abgeräumt hat. Neben dem 28-minütigen Film gibt es als zusätzliches Bonusmaterial Trailer, ein Making Of und mehrere Schweizer TV-Beiträge zu „Schützenhilfe“.

Dieter Koller entdeckte im Alter von 16 Jahren dank einer Super8-Kamera die Liebe zum Film. Schon früh bemerkte er, dass er nicht nur Urlaubsfilme drehen, sondern auch Geschichten erzählen wollte. Im Armeefilmdienst lernte er schließlich Andreas Lechleiter und Patrik Busam kennen – zwei Weggefährten, die mit ihm heute noch drehen.

Obwohl sich der HomeMovieCorner sehr auf den deutschsprachigen Raum konzentriert, sind mir nur relativ wenige Schweizer Filmemacher im Indie-Bereich bekannt: Einer davon ist eben Dieter Koller. Filmisch am produktivsten war Koller in den 1990ern, wo er u.a. „Geschoss E“ (1997) und das märchenhafte „una storia della luna“ (1998) drehte, die mir schon sehr gut gefallen haben. Den Höhepunkt lieferte er aber meiner Meinung nach mit „Schützenhilfe“ (2001) ab. Doch danach wurde es sehr, sehr lange still um den Filmemacher, so dass ich mich fragen musste, ob Koller Abschied vom Regiestuhl genommen hat. Um so mehr freute es mich, dass er 2009 mit „3H“ sich wieder zurück auf der Leinwand meldete. Und nun soll 2014 sein neuestes Projekt „Adagio for strings“ herauskommen.

Rodja Pavlik

FOTO: DiKo Production

INFO: DiKo Production/augenblick media gmbh: „Schützenhilfe“ – CH 2001, Drama – 28 min. Regie: Dieter Koller. Drehbuch: Dieter Koller. Kamera: Peter Arnold. Schnitt: Peter Arnold, Dieter Koller. Ton: René Kolb. Maske/Kostüme: Nicole Zingg. Ausstattung/Requisiten: Ueli Graber. Produktion: Dieter Koller. Budget: ca. rund 23.700 Euro. Darsteller: Horst Warning, Walter Sigi Arnold, Jaqueline Renée, Martina Schütze. Homepage: http://www.diko.ch

Was ist HMC-Classics?

Written by HomeMovieCorner

6. Februar 2014 at 10:25