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Crowdfunding für die älteste Videothek

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Ich muss ein Geständnis ablegen… Ich wurde nicht in Videotheken sozialisiert… Dabei bin ich eigentlich im richtigen Alter, um mich noch an die Glanzzeiten der Videotheken zu erinnern. Aber meine filmische Ausbildungsstätte war das Kino. Filmempfehlungen entnahm ich den Zeitungen und „Cinema“ (damals, als es noch etwas bedeutete, „Cinema“ zu lesen). Und oft ging ich auch allein ins Kino, kaufte mir eine Karte für die erste Reihe. Genickstarre war da noch ein Fremdwort – und wer im Urlaub damals bei griechischen Freiluftkinos hinter der Leinwand saß, weiß, von welchem „Blickwinkel“ ich rede).

Aber das mit den Videotheken hat sich eigentlich nie so wirklich ergeben. Hängt sicher damit zusammen, dass mein Vater erstens Filme lieber selbst aufnehmen und kein Geld für die Mitgliedsgebühr bei Videotheken ausgeben wollte. Wir hatten damals ja erst seit kurzem Kabelfernsehen – und die Auswahl an Filmen durch die vielen Sender war für uns damals unfassbar. Zweitens… mein Vater hatte Video 2000. Die Kassetten waren beidseitig bespielbar – fürs Aufnehmen perfekt. Leider verliehen die meisten Videotheken nur VHS-Kassetten. Und schlimmer noch – auch die Eltern meiner Freunde hatten ebenfalls nur VHS. Also auch hier kein Austausch.

Niemand beherrschte dieses „aufs-falsche-Pferd-setzen“ so gut wie wir. Beispiele gefällig? Während meine Freunde alle den C 64 (später dann den Amiga) hatten, bekam ich den Sinclair ZX Spectrum 16k. Da konnte ich noch die Schuld auf meine Eltern schieben, weil die finanzierten das damals. Aber als ich schon eigenes Geld hatte, setzte sich die Pavlik’sche Tradition fort. Andere hörten Pop, ich Klassik, Metal, Punk und Oldies. Als alle schon von MP3 redeten, kaufte ich mir einen MD-Player. Mittlerweile hat sich das sogar zu einem bewussten Lebensstil entwickelt: Während viele den neuesten Smartphones hinterher hecheln, stehe ich auf Schreibmaschinen und Musikkassetten. Aber das ist ein anderes Thema.

Wo war ich eigentlich? Ach ja… Kino statt Videothek – das war meine filmische Selbsterziehung. Ja, später war ich schon in einigen Videotheken eingetragen – u.a. auch in der Videothek Schopenhauer von Austro-Trash-Director Elmar Weihsmann („Thrill“, „Terror am Strand“, „Silent Bloodnight“, um nur einige zu nennen. Komischerweise habe ich vor kurzem gerade eine MiniDisc mit einem Interview mit ihm gefunden) – aber das waren eher kurze Episoden, in denen ich eigentlich nie wirklich prägende Filme zu sehen bekam.

Doch vor einigen Jahren setzte ein Kino-Sterben ein. Viele Kinos, in die ich früher ging, verschwanden. Das Auge Gottes, das Flotten-Kino, das Kolosseum, das Erika … viele wichen irgendwelchen Supermarktketten. Auf der Mariahilfer Straße weist noch immer eine (ausgeschaltete) Neonreklame geisterhaft auf das Flotten-Kino hin – doch man findet nur eine „Hofer“-Filiale vor.

© Randfilm e.V.

Natürlich erfüllt einen so etwas mit einem gewissen Wehmut. Insofern verstehe ich die Jungs von Randfilm e.V. aus Kassel total, wenn sie mittels einer Crowdfunding-Aktion auf Startnext mit dem Film-Shop Kassel die älteste Videothek Deutschlands (wenn nicht gar der Welt) vor dem Aus retten wollen.

In dem von Eckhard „Ekki“ Baum 1975 gegründeten Geschäft stehen über 20.000 Filme. Nicht nur auf Blu-Ray und DVD, sondern den Informationen nach auch auf VHS, Super-8 und 16 mm. Tipps werden noch persönlich gegeben, nicht von irgendwelchen Amazon-Algorithmen erstellt. Ja, auch das ist ein Kulturort. Und obwohl ich höchstwahrscheinlich nie diese Räume betreten werde, unterstütze ich das Projekt sowohl ideell als auch finanziell.

Bis zum 14. September 2017 will Randfilm e.V. 29.000 Euro via Crowdfunding auftreiben. Damit soll nicht nur der Videotheken-Betrieb aufrecht erhalten werden, sondern der Film-Shop Kassel Zug um Zug um ein Filmcafe, Videothekenmuseum und einen Veranstaltungs- und Screeningraum erweitert werden. Konzerte und Filmabende, Podiumsdiskussionen und Lesungen mit prominenten Gästen sollen stattfinden.

Kein Zweifel, 29.000 Euro sind ein ehrgeiziges Ziel. Ich selbst habe keine so enge Beziehungen zu Videotheken – aber ich verstehe durchaus, wie wichtig diese Geschäfte in ihren Glanzzeiten für viele Filmemacher von heute waren. Und dass so ein Ort der Filmvermittlung abseits elitärer und staatlich geförderter A-Festivals bestehen bleibt… ja, das finde ich persönlich unterstützenswert.

Rodja

INFO: Randfilm e.V.: www.randfilm.de; Crowdfunding-Site: https://www.startnext.com/rettet-den-film-shop

PS: Eine persönliche Anekdote gibt es schon noch. Mitte der 1990er sollten ein Freund und ich für eine Uni-Vorlesung die Grundlage einer TV-Serie in ihr Gegenteil verkehren. Wir nahmen die TV-Serie „ALF“ als Vorbild. Im Original landet der Katzen-fressende Außerirdische Gordon Shumway nach einer Bruchlandung bei den Tanners. Obwohl er der Familie immer wieder Schwierigkeiten bereitet und am liebsten Katze Lucky fressen würde, wird ihm von den Tanners immer alles verziehen – und sie beschützen ihn vor dem Zugriff des US-Militärs.

Bei uns wurde daraus „ALF – Die Mutation“: Gordon Shumway, genannt Alf, ist auch hier bei den Tanners notgelandet. Einige Zeit lang tingelten sie erfolgreich durch Fernsehshows und konnten ordentlich abcashen, doch durch Serien wie „Akte X“ hatten die Zuschauer bald genug von den Außerirdischen am Bildschirm. Also mussten die Tanners wieder selbst arbeiten gehen. Sie gaben natürlich Alf die Schuld daran, der darauf hin als Sklave bei den Tanners diente. Und er bekam nur billiges Katzenfleisch zum essen…

Zwecks Recherche suchten wir eben das Fernsehprogramm rauf und runter nach Original-Folgen von „Alf“. Aber die Serie lief einfach nicht mehr. Aber in einer Videothek… da wurden wir Gottseidank fündig!

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Written by HomeMovieCorner

19. August 2017 at 20:47

Veröffentlicht in Latest Talk

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