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Zach/Bauer – das Autorenduo hinter „Northmen – A Viking Saga“

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© Thimfilm/Ascot Elite

© Thimfilm/Ascot Elite

Noch internationaler wird’s nimmer.

In der deutsch-schweizerischen Produktion „Northmen – A Viking Saga“ unter der Regie des in den USA agierenden Schweizer Regisseurs Claudio Fäh („Coronado“, „Hollow Man II“, „Sniper: Reloaded“) landet am 23. Oktober 2014 in den deutschsprachigen Kinos ein Haufen internationaler Schauspieler wie Ken Duken (D, „Robin Hood“, „Banklady“), Tom Hopper (UK, „Merlin – Die neuen Abenteuer“) und Ryan Kwanten (AUS, „True Blood“) als skandinavische Wikinger in Südafrika, das für Schottland ausgegeben wird – und das Drehbuch dazu stammt von den Österreichern Matthias Bauer und Bastian Zach. Der HomeMovieCorner sprach mit den beiden Autoren, die ursprünglich aus dem Independent-Bereich stammen, über Kurz- und Spielfilme, Romane und den Vorteil Schweizer Produktionsfirmen.

Bastian Zach ist 1973 in Leoben geboren und wuchs in Salzburg auf. Matthias Bauer teilt den gleichen Jahrgang, wurde aber in Lienz/Tirol geboren. Kennen gelernt haben sie sich schließlich beim Grundwehrdienst, den sie gemeinsam in Salzburg 1992 absolvierten. Die beiden stellten schnell fest, dass sie gemeinsame Film- und Buchinteressen hatten und wurden Freunde. Nach dem Bundesheer trennten sich ihre Wege, sie blieben aber ständig in Kontakt. Bastian Zach ging nach Wien und wurde selbstständiger Grafiker, Schnitt- und Synchronregisseur, Matthias Bauer studierte in Innsbruck und ist in der Tiroler Erwachsenenbildung tätig. 2001 beschlossen sie, auf ihre Liebe zum Film auch Taten folgen zu lassen. Mit einem Mini-Budget von 350 Euro drehten sie den Kurzfilm „ausWEG““, der gute Kritiken erhielt.

© Bastian Zach & Matthias Bauer

© Bastian Zach & Matthias Bauer

So etwas macht Mut und 2003 setzten sie dann im Rahmen ihrer (inzwischen aufgelösten) Filmgruppe Open Doors Productions den Lynch-artigen Kurzfilm „[infinite]“ um.

Das Budget betrug 3.500 Euro und wurde teilweise vom Land Tirol und der Stadt Innsbruck gefördert. Die VFX waren für damalige Verhältnisse bemerkenswert, „[infinite]“ wurde 2004 auf der „animago“, einem der führenden Wettbewerbe für visuelle Effekte, mit dem ersten Platz ausgezeichnet. Der Film wurde auch 2003 im Rahmen des HomeMovieCorner-Programms „Crime, drugs & video“ im Votivkino gezeigt. (Womit sich auch ein kleiner Kreis zu „Northmen“-Regisseur Claudio Fäh schließt, dessen Kurzfilm „Hit The Highway, Honey“ in einem HomeMovieCorner-Special „Schweiz“ im gleichen Jahr im Filmcasino lief.)

„Morbus Dei“, der erste Versuch

Nach den ersten erfolgreich absolvierten Versuchen in der Sparte Kurzfilm wollten Zach und Bauer ihr Glück beim Spielfilm zu versuchen. In Zusammenarbeit mit Wega Film bereiteten sie Drehbuch und Regie des historischen Abenteuerfilms „Morbus Dei“ vor. Erzählt wird die Geschichte eines Deserteurs, der vor 300 Jahren im Winter in ein abgelegenes Dorf in Tirol flüchtet. Dort wird der Neuankömmling mit Misstrauen aufgenommen, hat die Gemeinschaft doch ein dunkles Geheimnis zu wahren. „Die Wega Film, Hanekes Hausfirma, war von der Story begeistert“, schildert Zach. Cine Tirol vergab sogar eine Drehbuchförderung, doch das fertige Skript wurde 2004 vom Österreichischen Filminstitut abgelehnt, das Projekt war quasi gestorben. „Zwei Jahre Arbeit im Ofen. Eine österreichische Erfolgsgeschichte“, meint Bauer ironisch.

© Bastian Zach & Matthias Bauer

© Bastian Zach & Matthias Bauer

„Visitenkarten“ selber machen

Natürlich ist so ein Rückschlag frustrierend. Doch die beiden Autoren gaben nicht auf und beschlossen, selbst einen Spielfilm zu drehen. Gemeinsam schrieben sie das Skript „3 Zimmer. Küche. Tod“ über eine Krankenschwester (Erika Kollmann-Till), die Nachtdienste macht und am Tag nicht schlafen kann, weil in ihrem Haus lautstark renoviert wird. Sie sucht eine neue Bleibe, doch für das ideale Objekt gibt es mehrere Interessenten (u.a. Julia „Die Siebtelbauern“ Gschnitzer), die sie – von Erpressung bis hin zum Mord – los werden will. Mit einem Budget von 25.000 Euro realisierten Bauer und Zach den Film selbst. Ein kleiner Filmstart in Österreich sowie eine DVD-Veröffentlichung beim deutschen Label Starmedia (Anm.: Gibt es leider nicht mehr, die hatten einige nette Indie-Filme im Programm) waren die Folge. Doch der Durchbruch blieb noch aus.

„Arbeitstechnisch war ‚3 Zimmer. Küche. Tod‘ ein absoluter Gewinn, weil wir auf die harte Tour lernten, einen Film von der Pike auf selbst zu machen. Finanziell war er ein Fiasko, weil er das Budget, das wir zur Gänze selbst investiert haben, nie einspielte. Und der Plan, den wir mit dem Film verfolgten, ging nicht auf: Er sollte uns als Visitenkarte dienen und zu weiteren Film-Aufträgen führen, und das ist nicht gelungen“, zieht Zach Resümee. „‚3 Zimmer“ war für uns aber vor allem deshalb wichtig, weil wir immer schon einen Film machen wollten. Egal was dann kam, wir konnten uns sagen: „Okay, wir haben es durchgezogen, hat so nicht geklappt, nächster Plan.'“

Der Schritt zum Trip

Kurz nach der bitteren Erfahrung mit „3 Zimmer. Küche. Tod“ wurden Matthias Bauer und Bastian Zach durch einen Artikel auf die Schweizer Produktion HesseGreutert Film aufmerksam. Sie stellten sich mit einem Genreskript vor, welches aber abgelehnt wurde. Trotzdem lachte ihnen diesmal das Glück: „Zufälligerweise wollte diese Firma schon länger ein Genreprojekt machen. Unseres hat ihnen zwar nicht gefallen, aber sie haben sich gesagt: ‚Oha, da kennt sich jemand im Genre aus, mit denen könnten wir doch was machen.‘ Wir haben dann ‚One Way Trip 3D‘ für sie als Auftragsarbeit – sie wollten einen Slasher mit Pilzen – entwickelt“, erzählt Zach.

© Ascot Elite

© Ascot Elite

In dem Film fahren acht junge Leute (u.a. Sabrina „In 3 Tagen bist du tot“ Reiter, Martin „In 3 Tagen bist du tot 2“ Loos und Tanja „Aufschneider“ Raunig) in den Jura, um den Spitzkegeligen Kahlkopf, einen Pilz, der halluzinogene Trips verschafft, zu suchen. Doch irgendjemand scheint sich am Trip der jungen Leute zu stören.

HesseGreutert Film fand in David Schalkos Firma Superfilm („Braunschlag“, „Bösterreich“, „Aufschneider“) einen österreichischen Produktionspartner, mit dem sie gemeinsam um Filmförderungen ansuchen konnten. „Erst als 3D-Projekt wurde ‚One Way Trip‘ von sämtlichen Förderstellen in der Schweiz und Österreich gefördert, es gab dem Projekt damals (2008) noch etwas Besonderes. Heute ist das was anderes, aber damals war ‚Avatar‘-Zeit, 3D also noch sehr im Kommen“, erinnert sich Bauer. „Wir haben natürlich einige typische ‚In your face‘-3D-Szenen hineingeschrieben, aber nicht zu viele – das Ziel war eher, von den billigen 3D-Jahrmarkt-Effekten wegzukommen und dem Ganzen eine wirkliche räumliche Tiefe zu geben‘, beschreibt Zach die Auswirkungen auf das Drehbuch.

Nach dem Abliefern des Drehbuchs war es dann für die beiden Autoren erst einmal getan. Skriptänderungen wurden schließlich von Regie und Produktion selbst vorgenommen. „Nicht immer zum Guten, aber so ist es halt, damit muss man als Autor zurecht kommen. Film ist Teamwork – wer nichts an seinem Werk geändert haben will, muss Gedichte schreiben und die im Selbstverlag rausgeben“, findet Zach. „Wir waren zwei Tage am Set, was sehr cool war – ein millionenteurer 3D-Slasher wird im deutschsprachigen Raum auch nicht alle Tage gedreht“, erzählt Bauer noch von einem Highlight bei „One Way Trip 3D“.

© Bastian Zach & Matthias Bauer

© Bastian Zach & Matthias Bauer

„Morbus Dei“ – das Revival

Nach „One Way Trip 3D“ kam das Autorenduo zu einer Entscheidung. Nachdem anscheinend niemand das Skript zu „Morbus Dei“ verfilmen wollte, entschlossen Zach und Bauer, sich in einem anderen literarischen Feld zu versuchen. Sie nahmen das Grundgerüst von „Morbus Dei“ und entwickelten daraus eine Roman-Trilogie. „Morbus Dei – Die Ankunft“ erschien 2010 beim Haymon-Verlag in Buchform. 2012 und 2013 folgen die Bände „Morbus Dei – Inferno“ und „Morbus Dei – Im Zeichen des Aries“. „Das Drehbuch war nur die Basis für den ersten ‚Morbus Dei‘-Roman. Dramaturgisch hat sich im Roman eine Menge geändert: Der Storybogen blieb der gleiche, aber nachdem ein Roman umfangreicher als ein Drehbuch ist, kamen natürlich sehr viele neue Storyabzweigungen, Charaktere, Atmosphäre etc., dazu“, erläutert Zach den Unterschied zwischen Drehbuch und Roman.

Go North! Go International!

2012 entschloss sich Ralph S. Dietrich, seines Zeichens CEO bei der Schweizer Elite Filmproduktion, einen Wikingerfilm zu drehen. Da „One Way Trip 3D“ über die Mutterfirma Ascot Elite Entertainment Group verliehen wurde, kannte man auch Matthias Bauer und Bastian Zach. Die beiden Österreicher wurden für die Auftragsarbeit an ‚Northmen – A Viking Saga‘ engagiert. Bauer und Zach präsentierten gleich mehrere Ideen. „Für das Setting und das Budget gab es klare Vorgaben“, erinnern sich die Autoren: „Aber bei der Ideen- und Charakterzeichnung hatten wir freie Hand.“ Bauer und Zach überzeugten die Auftraggeber mit ihrem Ansatz, die Wikinger bei einem Sturm an der schottischen Küste stranden zu lassen und ihren dortigen Überlebenskampf zu schildern. Bauer: „Die Herausforderung war wie immer die Story. Nachdem ‚Northmen‘ ohne jegliche Förderung finanziert wurde und ein millionenschwerer Streifen ist, galt es, allein mit dem Drehbuch internationale Verleiher von dem Projekt zu überzeugen, darin zu investieren – und das ist gelungen.“

© Ascot Elite

© Ascot Elite

Südafrika statt Nordirland

Die Geschichte, die in Schottland spielt, sollte ursprünglich in Nordirland verfilmt werden. Doch als das Land den Zuschlag für den Fernsehhit „Game Of Thrones“ bekam, konzentrierten sich sämtliche Fördergelder und filmische Arbeitskräfte auf dieses Projekt. Schottland selbst schied wegen der dortigen hohen Produktionskosten aus. Die nächste europäische Alternative war Island. Die Insel beeindruckte die Produzenten zwar durch seine schroffe Landschaft, doch auf Island sind nur die kleinen Islandpferde vorhanden. „Unsere eigenen Pferde hätten wir nur mit einer Quarantänezeit von vier Monaten mitbringen und hinterher nicht mehr ausführen dürfen“, beschreibt Elite-Produzent Daniel Höltschi im Presseheft die bürokratischen Hürden. Schließlich schlug Frank Kaminski vom deutschen Produktionspartner Jumping Horse Film Südafrika vor. „Als Frank Kaminski Südafrika vorschlug, dachte ich zuerst, er wäre verrückt“, verrät Regisseur Claudio Fäh im Presseheft. „Doch nachdem ich Fotos von möglichen Locations gesehen hatte, war ich total überzeugt, den Film dort und nicht in Bulgarien oder im echten Schottland drehen zu wollen.“ Die vielfältige Landschaft Südafrikas bietet Steilküsten und Highlands, wie man sie in Schottland findet, aber zugleich auch das passende Klima. „Die meisten Leute meinen, in Afrika scheine immer die Sonne, und wissen gar nicht, dass der Winter im südlichen Teil des Landes sehr regnerisch, kalt und stürmisch sein kann“, so Frank Kaminski.

„Für ‚Northmen‘ mussten wir, wie bei unseren ‚Morbus Dei‘-Romanen, beinhart den historischen Hintergrund, in dem unsere Geschichte spielt, recherchieren. Man muss sich in jeder Szene überlegen, ob alles passt – vom Trinkbecher bis zur Streitaxt“, erklärt Bauer eine der Herausforderungen der Geschichte im Interview mit dem HomeMovieCorner. „Northmen – A Viking Saga“ ist im Gegensatz zu den bisherigen Filmprojekten „3 Zimmer. Küche. Tod“ oder „One Way Trip 3D“ wirklich groß und international angelegt. „Natürlich gibt es bei einem so großen Projekt, das weltweit in die Kinos kommt, einiges zu berücksichtigen. Man muss quasi in alle Richtungen ‚bigger, better, louder‘ denken“, so Zach. Die Geschichte ist frei erfunden, die Figuren und Abenteuer basieren aber auf historischen Vorbildern. „Wenn man sein Leben lang liest und Filme schaut, beeinflusst das unbewusst auch das Schreiben eines Drehbuchs“, erklären die beiden selbstkritisch. „Die Kunst ist es dann, keine Kopie von etwas zu machen, sondern aus den Inspirationen etwas Neues zu erschaffen.“ Nach dem Sichten der ersten Muster sind die Autoren mehr als zufrieden: „Das Filmteam hat eine Wahnsinns-Arbeit geleistet – ‚Northmen‘ wird ein Knaller!“

Die Zach/Bauer-Arbeitsmethode

Nachdem Bastian Zach in Wien und Matthias Bauer in Innsbruck leben, ergeben sich natürlich bei der Zusammenarbeit gewisse Schwierigkeiten. Man kann sich nicht ein gemeinsames Büro mieten, ja, sich nicht einmal einfach auf einen Kaffee treffen, um die Arbeit zu besprechen. „Rein organisatorisch ist es nicht immer leicht. Wir haben beide Familie und normale Jobs, schreiben also nebenher“, gibt Zach zu bedenken. Dennoch klappt es: „Das Grundgerüst einer Story entwickeln wir zusammen, dann teilen wir es auf und jeder schreibt seine Abschnitte. Die schicken wir uns gegen, überarbeiten, diskutieren – das Ganze geht schließlich so lange, bis wir beide zufrieden sind“, beschreibt Bauer die Schritte. „Das wird naturgemäß dann und wann richtig stressig. Und doch: Wenn man einen guten Schreibtag hat, wenn einem die Szenen so detailliert vor den Augen stehen und so rasant ablaufen, dass man mit dem Schreiben kaum nachkommt und das Geschriebene richtig GUT wird – das sind dann die Momente, in denen man weiß, warum man es macht“, schwärmt der Tiroler. „Es zählt immer nur das beste Argument, weil wir immer das beste Buch oder Drehbuch haben wollen“, ergänzt Zach.

© Sabine Ranocha

© Sabine Ranocha

Rat und Tat und Auslandserfahrungen

Gibt es zum Abschluss noch einige Tipps für angehende Autoren? „Grundsätzlich können wir nur sagen: Lasst Euch nicht ausnutzen! Kreativität ist eine Leistung, die genau so entlohnt gehört wie jede andere Arbeit“, rät Bauer. Das sei auch ein Grund, warum den beiden Drehbuchschreibern die Schweiz so liegt. „Wir arbeiten sehr gerne mit Schweizer Produzenten, weil sie zu ihrem Wort stehen und nicht zuletzt auch ordnungsgemäß zahlen. In Österreich heißt es, wenn man noch nicht total in der offiziellen Förderschiene etabliert ist, von Produzentenseite her oft: ‚Interessante Idee, schreibt’s mir doch mal ein Drehbuch oder ein Treatment, dann schaun wir weiter“ – und dann wird natürlich NICHT weitergeschaut. In der Schweiz haben wir das anders erfahren“, so Bauer.

Da viele Drehbuchschreiber mit der Auftragssituation in Österreich unzufrieden sind und mit dem Gang ins Ausland liebäugeln, gibt Bastian Zach noch Folgendes zu bedenken: „Ob man im Ausland mehr Erfolg hat als daheim, hängt nicht zuletzt davon ab, was man machen will. Kommerziell angehauchtes Genre – und ich meine jetzt nicht den Kabarettfilm – sind bei uns in Österreich aufgrund der eingefahrenen Förderer- und Produktionsstrukturen fast nicht zu verwirklichen. Da heißt es immer nur: ‚Das können die Amerikaner besser.‘ Was natürlich Blödsinn ist, es wagt nur niemand bei uns. Leichter hat man es aber auch im Ausland nicht unbedingt, denn dort wartet bekanntlich niemand auf einen. Aber die Chance besteht natürlich, wir können daher nur empfehlen, das eigene Projekt so professionell wie möglich vorzubereiten und dann gezielt zu pitchen. Denn eines ist gewiss: Erst wenn man im Ausland Erfolg hat, öffnen sich daheim vielleicht die Türen.“

Die Schweiz ist nicht nur das Land, wo Milch und Honig fließen, finden die beiden Genre-Schreiber. „Die Schweiz hat Top-Filmleute, aber leider eine in vielen Belangen ähnliche Filmstruktur wie Österreich. Das meiste ist auf staatliche Förderung ausgelegt, der ‚anspruchsvolle‘ Film hat Priorität. Das Resultat ist, dass die Schweizer Kinogeher dem eigenen Film nicht all zu aufgeschlossen sind, weil es wie hier in Österreich zu schwere Kost ist. Es ist die alte Crux: Arthouse hat seine absolute Berechtigung, aber es muss halt auch Platz für Kommerz sein“, erklärt Zach. „Hin und wieder gibt es große kommerzielle Schweizer Erfolge, wie letztens ‚Der Verdingbub‘ und ‚Achtung, fertig, WK‘, aber insgesamt sehr wenige – ähnlich wie in Österreich. Projekte, die auf ein breiteres Publikum zielen, wie ‚One Way Trip’ oder ‚Northmen‘ bleiben die Ausnahme“, wirft Bauer ein.

Einen weiteren Rat kann Matthias Bauer auch noch geben: „Man muss Kritik ernst nehmen und versuchen, daraus Potenzial zu schöpfen und nicht das Künstler-Ego in den Vordergrund zu stellen. Aber man sollte auch den feinen Grad zwischen ‚besser machen‘ und ‚einfach nur anders‘ erkennen. Das klingt zwar vielleicht hochtrabend, wir mussten diese Lektionen aber auf die harte Tour lernen.“

Die beiden sind froh, dass sie noch ihre Brotjobs haben, denn vom Drehbuch schreiben alleine können sie noch nicht leben. „Drehbücher sind ein mehr als nettes Zubrot. Die Bücher nicht mal ansatzweise, aber hier zählt das Renommee, da der Roman halt doch die Königsform ist“, erklärt Bauer. „Wir können nur jedem, der nicht mindestens zwei bis drei Drehbuchaufträge parallel laufen hat oder Bestsellerautor ist, einen fixen Job empfehlen“, bestätigt Zach.

To be continued…

Matthias Bauer und Bastian Zach selbst standen seit „3 Zimmer. Küche. Tod“ nicht mehr hinter der Kamera. Für den Kurzfilm „Sophie“ von Vlado Priborsky („Blockbuster“) hat Zach noch einige Visual Effects gemacht – das war’s dann aber auch schon. „Schreiben ist angenehmer – wenn andere am Set frieren, macht man es sich selbst zu Hause im Warmen gemütlich und tippt ein paar Skriptänderungen“, schmunzelt Bauer. „Aber man soll niemals nie sagen. Wenn neue, größere Drehbuchaufträge folgen, könnte irgendwann auch wieder der Schritt zur Regie folgen“, will Zach es letztendlich auch nicht ausschließen. Die „Morbus Dei“-Trilogie, die bis jetzt schon über 100.000 Mal verkauft/als E-Book downgeloadet wurde, wird zur Zeit für den englischsprachigen Markt aufbereitet. „Es gibt Pläne, ‚Morbus Dei‘ zu verfilmen. Und bei Erfolg gibt’s vielleicht auch ein ‚Northmen‘-Sequel. Mal schaun – wir bleiben dran“, so Matthias Bauer abschließend.

Rodja Pavlik

INFO: Site der Autoren: www.zach-bauer.com; Film-Site: www.northmen-themovie.com

Trailer zu „Northmen – A Viking Saga“

Trailer zu „One Way Trip 3D“

Trailer zu „3 Zimmer. Küche. Tod.“

Written by HomeMovieCorner

25. September 2014 at 01:39

„Planet USA“-Regisseur Flo Lackner im Interview

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© Flo Lackner Films

© Flo Lackner Films

Im Jahr 2002 erhielt die damalige HomeMovieCorner-Redaktion mit dem 1999 gedrehten „Birthday“ von Florian Lackner einen schwarzhumorigen und splatterlastigen Kurzfilm aus Kärnten. An und für sich nicht so ganz mein Gusto, hatte der Film doch einige starke Momente, die hängen blieben. Außerdem plante Flo Lackner damals mit „Morning Has Broken“ einen Film über einen US-GI im Zweiten Weltkrieg – und das klang für die damalige Amateurfilm-Ära ziemlich spektakulär. Letztendlich wurde der Spielfilm aber nie fertig gestellt. In den Jahren danach hörte ich aber immer wieder von Flo Lackner und verfolgte seinen Werdegang aufmerksam.

Jetzt meldet sich der 31-jährige Regisseur und Drehbuchautor mit „Planet USA“ als drittem Teil (nach dem Kurzfilm “Red Santa Down” (2006) und dem Spielfilm “Yellow Cape Town” (2007)) rund um den tumben, schießwütigen und ultra-patriotischen US-Major George Conrad zurück. Die Tagline „Der größte Actionfilm aller Zeiten – Das kleinste Action-Budget aller Zeiten“ ist durchaus symptomatisch für österreichische Produktionsverhältnisse. Erstens kann ich mich an keinen österreichischen Film mit einem größeren Action-Anteil erinnern, zweitens wurde das Ganze mit einem Budget bewerkstelligt, mit dem andere Produktionen wahrscheinlich ihr Catering abdecken.

Mit dem HomeMovieCorner sprach der Filmemacher nun über seinen Werdegang, Action made in Austria, prominente Synchronsprecher und eine „bsoffene Gschicht“.

HomeMovieCorner: Kannst du ein bisschen was über dich erzählen? Was machst du beruflich? Was war deine Ausbildung? Wie bist du zum Film gekommen? Was sind deine filmischen Vorbilder?

Flo Lackner: Der Fanatismus zum Filmemachen packte mich schon sehr früh und meinen ersten Film habe ich im Alter von sieben Jahren gedreht. „Das Monster aus der Unterwelt“, in welchem die titelgebende Kreatur von mir selbst verkörpert wurde und den „Limbo Dance“-singenden David Hasselhoff killt.

Ich bin auch ein Kind der Generation, dessen Eltern sich eine Kamera für Familienaufnahmen zugelegt hatten, aber diese konnte ich für meine Zwecke leider nicht verwenden. Technik und Material waren damals sehr teuer und ich zu tollpatschig. Schließlich ging der Traum eines eigenen Camcorders an meinem dreizehnten Geburtstag in Erfüllung. Selbiger wurde wenig später bei Unterwasseraufnahmen, geschützt durch einen Dixan-Megapearls-Plastikbehälter, im Hallenbad versenkt.

Nachdem einige tausende Schillinge einer Art Seebestattung erlagen, meinten meine Eltern, dass es in nächster Zeit erstmals keine neue Kamera gäbe. Die Chance war vertan. Glücklicherweise stand wenig später ein wichtiger Familienanlass ins Haus und dieser musste natürlich für die Nachwelt festgehalten werden. So waren es meine Großeltern, die ich mit diesem Argument schließlich überzeugen konnte.

Ich würde sagen, dass es drei einschlägige Beweggründe zum Filmemachen gab:

1. Schon als Kind liebte ich es, in andere Rollen zu schlüpfen, ein Teil von Geschichten zu sein, Leute zu unterhalten – und dabei wurde ich von meinem Papa fotografiert oder gefilmt. Die Tatsache, dass es da etwas gab, womit man diese Momente immer wieder abrufen, kann faszinierte mich.

2. 1995 fuhr ich mit meiner Schulklasse auf Schikurs und meine Mutter vertraute mir ihren Fotoapparat für diesen Trip an. 24 Bilder standen für die gesamte Woche zur Verfügung. Am Ende gab es aber kaum Bilder vom eigentlichen Ausflug, da ich mich in ein Mädchen verliebt und somit einen anderen Fokus hatte. Fotos reichten nicht länger aus. 24 Bilder sollten das Minimum sein, jedoch pro Sekunde.

3. Als Kind hatte ich die Fantasie, welche mit mir häufig schlagartig durchging, nur selten unter Kontrolle und lebte Stunden und Tage danach noch immer im zuvor gesehenen Film. Dies oft begleitet von Angst. Und um genau diese zu bewältigen, war das Filmemachen eine Art Therapie, um zu verstehen, wie es funktioniert.

Zum Film gekommen bin ich durch einen glücklichen Zufall. Jemand wurde auf mich aufmerksam, als ich als Mitglied eines Filmklubs des Verbands Österreichischer Filmautoren ein paar Kurzfilmprojekte vorstellte und bei Wettbewerben teilnahm. Dieser Jemand verhalf mir schließlich zu meinen ersten Jobs. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar, denn ich habe das große Glück, im schönsten Beruf auf dieser Welt zu arbeiten und auch mein tägliches Brot damit zu verdienen. Als Spielfilm-Regisseur war ich bisher nur bei meinen eigenen Projekten aktiv, aber ich hoffe, dass „Planet USA“, mein Abschlussfilm, vielleicht einen kleinen Stein ins Rollen bringen kann. Ansonsten werden Miete und voller Kühlschrank mit Making ofs, Trailern, Kamera- und Schnittjobs bezahlt.

© SchroederMedia

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HMC: Du bist, so weit ich weiß, einer der wenigen, der die Filmschule Wien (unter Arno Aschauer) abgeschlossen hat. Was hat dir diese gebracht? Und hast du Infos, warum es Schwierigkeiten mit dieser Schule gab?

Flo Lackner: Die Filmschule Wien (FSW) war eine ganz besondere Ausbildungsstätte. Ich bin sehr froh, dass ich diese Zeit miterleben durfte. Eine Filmschule hat die Aufgabe, eine Balance zwischen Autodidaktik und dem Branchenstandard herzustellen, Know How zu erweitern und dabei die Leidenschaft am Filmemachen nie aus den Augen zu verlieren. Und genau das wurde für mich seitens der Filmschule Wien zu 100 Prozent erfüllt. Man hatte eigentlich alle Freiheiten und wurde nicht in ein kastrierendes Korsett gepresst.

Natürlich weiß ich, warum es Schwierigkeiten gab. Es gab da ein paar, möglicherweise sogar mit sich selbst, unzufriedene Studenten, die irgendwann alles daran setzten, die FSW dem Erdboden gleich zu machen. An der Tatsache, dass ich die Vorgehensweise dieser Personen total asozial und beschissen finde, hat sich bis heute nichts geändert.

HMC: Dein wievielter Spielfilm als Regisseur ist das jetzt? Die imdb-Datenbank ist meines Wissens nach ja nicht vollständig, z.B. fehlt da das Terror-Drama „Tag 8 – Vergessen“.

Flo Lackner: Imdb ist eine tolle Erfindung und glücklicherweise finden nicht alle Projekte, die auf diesem Planeten geschaffen werden, dort ihren Platz. „Tag 8 – Vergessen“ hätte ein tolles Filmprojekt werden können, an dem viele kreative, junge und ambitionierte Leute mitgearbeitet haben.

Durch teils bösartige Einflüsse von außen, wie z.B. Boykotten, Vertragsbrüchen, einstweiligen Verfügungen etc. machte alles irgendwann keinen Spaß mehr – und was schlussendlich dabei rausgekommen ist, war leider nicht mehr als eine große Schadensbegrenzung. Meinen ersten Gehversuch in Spielfilmlänge drehte ich 1996. Das war ein Fan-Remake von „Casper“, den mein Cousin und ich mit Hilfe eines Diaprojektors durch den Raum schweben haben lassen.

HMC: „Planet USA“ hieß ursprünglich „Blue Moon Down“ – was ja nach dem Kurzfilm „Red Santa Down“ und dem Spielfilm „Yellow Cape Town“, wo ja Major Conrad auch schon aufgetreten ist, auch phonetisch gepasst hätte. Warum die Titeländerung?

Flo Lackner: „Planet USA“ ist schlussendlich ein Film geworden, der auch ohne seine beiden Vorgänger „Red Santa Down“ und „Yellow Cape Town“ wunderbar funktioniert. Ich darf nicht davon ausgehen, dass man irgendeinen der beiden Vorreiter gesehen hat.

Bis zur Titeländerung von „Blue Moon Down“ in „Planet USA“, war „Red Santa Down“ sicher der stärkste Titel der Reihe. Die ursprüngliche Namensgebung des dritten Films brachte u.a. das Problem mit sich, dass man dem Zuseher einen Film über und auf dem Mond verspricht. So sollte es aber nie sein, darum war es wichtig, einen neuen Titel zu finden, der die Thematik exakt auf den Punkt bringt. Mich wundert es, dass noch niemand zuvor einen Film gemacht hat, der so heißt. „Planet USA“ finde ich genial.

HMC: Ich habe 2012 bereits von „Planet USA“ berichtet. Wann wurde gedreht, wie lange dauerte die Postproduktion – und warum kommt der Film erst jetzt heraus?

Flo Lackner: Die aktive Arbeit an „Planet USA“ begann bereits im Frühjahr 2008 mit dem Ploten. Wir hatten uns nach „Yellow Cape Town“ alle eine Auszeit genommen, um uns auf individuelle Projekte, Studium und Jobs zu konzentrieren. Doch dieser Film stand immer im Raum.

Die erste Klappe fiel schließlich im Sommer 2009. Die Post-Produktion startete ziemlich parallel zu den Dreharbeiten und ich erinnere mich, dass in der vorletzten Nacht, vor der Erstaufführung der Urversion des Films im Juli 2010 noch Einstellungen gedreht wurden. Mit dieser Deadline haben wir uns damals selbst ins Knie geschossen. Wir hatten schlussendlich viel zu wenig Zeit, um den Film so akkurat zu behandeln, wie dieser es benötigte und wir präsentierten eine unfertige Fassung.

So begann ich einige Meinungen und Tage später erneut den Film zu überarbeiten, ein Prozess, der dann noch sehr lange dauern sollte. Nachdrehs, etliche Schnittfassungen, die visuellen Effekte wurde komplett neu gemacht, ein Upgrade des Soundtracks und mindestens zwei neue Farbkorrekturen, was bei einem Film mit über 2.000 Schnitten eine ziemlich aufwändige Angelegenheit ist. Ich hätte es zu diesem Zeitpunkt nicht geglaubt, wenn mir einer gesagt hätte, dass der Film erst drei Jahre später fertig sein würde. Letztendlich kamen wir auf über 100 Drehtage. Manche der Drehtage dauerten 15 – 18 Stunden, andere nur eine halbe.

© SchroederMedia

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HMC: Einige meinen, dass „Planet USA“ eine Parodie auf Michael Bay ist. Von der Farbgebung bis hin zu den Rollenbildern – da passt wirklich vieles. Bilde ich es mir aber ein, dass da auch auf die Kämpfer der 80er hingewiesen wird? Chuck Norris, Sylvester Stallone, Michael Dudikoff? Irre ich mich da vollkommen?

Flo Lackner: Jeder einzelne, der an diesem Film gearbeitet hat, brachte sich mit eigenen Ideen und Erfahrungen ein. Ob Regie, Kamera, Schnitt, Filmmusik … „Planet USA“ hat seine Einflüsse sicher aus allen möglichen Richtungen erhalten. Vor allem natürlich aus dem US-amerikanischen Actionkino. Da gehören Michael Bay und die Urgesteine des Actionfilms selbstverständlich dazu. Dies ist auch unbedingt notwendig, um den Geist dieser Art von Film, der ganz klar nach einem strengen Regelwerk funktioniert, überhaupt umsetzen zu können.

HMC: Ist nun „Planet USA“ eine Parodie oder eine Hommage auf Michael Bay bzw. diese Art von Film? Einerseits kommt es mir schon so vor, dass du diese Filme en masse konsumiert und genossen hast und sie dir immer wieder gerne anschaust – aber andererseits ist da doch eine beinharte Kritik dahinter. Richtet sich diese nun gegen die Machart der Filme, gegen den dargestellten Hurra-Patriotismus der meist US-amerikanischen Produktionen – oder ist es auch eine Kritik an der Politik der USA generell?

Flo Lackner: Die Perfektion der sogenannten Traumfabrik ist absolut beeindruckend und die Art und Weise, wie zum Beispiel Michael Bay Filme auf das Publikum loslässt, schon sensationell. Ja, ich liebe diese Filme, da hier eines der wesentlichsten Dinge überhaupt, nämlich Entertainment, nie aus den Augen verloren wird.

Im Fall von „Planet USA“ kann man ganz klar zwischen Parodie, Hommage und Kritik differenzieren:

– Parodiert werden Thematik und Propaganda dieser Art von Film
– Die Hommage würde ich in der Huldigung von Michael Bay als Filmemacher sehen. Die visuelle Welt des Herrn Bay imponiert mir sehr
– Und die Kritik richtet sich selbstverständlich u.a. an die Politik der Weltmacht.

HMC: Wie hoch war das Budget? Laut imdb betrug es etwa 30.000 Euro. Wie hast du es auf die Beine gestellt? Gab es Förderungen?

Flo Lackner: Ich habe ehrlich keine Ahnung, wie hoch genau das Budget war, da ich einiges an Privatgeld in den Film gesteckt und irgendwann, als es nur noch darum ging, irgendwie fertig zu werden, den Überblick verloren habe. Förderungen gab es. Dies seitens der Kulturabteilung des Landes Kärnten und der Stadt Klagenfurt. In Kärnten gibt es bis heute leider keine Filmförderung. Filmproduzent Klaus Graf kämpft seit Jahren dafür und ich drücke uns allen die Daumen, dass es ihm gelingt, diese wichtige Grundlage für die Verwirklichung von Projekten zu reanimieren. (Anmerkung: Einige Tage nach dem Interview hat sich für Kärnten tatsächlich etwas ergeben – siehe „Kärnten will mit mehr Förderung wieder Filmkulisse werden“ vom 4. Juli 2014)

Größeren Förderstellen bin ich aber bewusst aus dem Weg gegangen, da ich mir von niemandem Steine in den Weg legen lassen wollte. Ich glaube auch nicht, dass man in einem Land wie dem unseren, wo depressive Sozialpornos Programm sind, Mut hätte, so ein Projekt zu fördern. Die Förderbedingungen sind für die Independent Szene der Gnadenstoß.

Crowdfunding war zum Zeitpunkt der Vorbereitung von „Planet USA“ noch nicht populär und so mussten tapfere, private Investoren gefunden werden, die ein bisschen Geld zur Verfügung stellten, damit Posten wie Kostüme, Requisiten, Catering, Unterkünfte, Flüge etc. bezahlt werden konnten.

© Flo Lackner Films

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HMC: Nachdem die Actionszenen für einen österreichischen Film außergewöhnlich sind, stellt sich die Frage, wie sie zustande kamen. Ist das Know-how hier vorhanden? Oder habt Ihr Euch sehr viel Making Ofs angeschaut und alles genau geplant und learning by doing gemacht? Wo ist der Unterschied zu „Red Santa Down“ und „Yellow Cape Town“ (der ja schon ziemlich spektakulär war). Waren Filmprofis am Werk – oder hat z.B. auch die Feuerwehr bei einer Sprengung ausgeholfen?

Flo Lackner: Von Beginn an zählten Makings ofs zu meiner persönlichen Filmschule. In den 90ern war es sehr schwer, an „behind the scenes“ – Material zu gelangen. Das goldene Zeitalter der DVD und auch das für wirklich jedermann zugängliche Internet (das es in der heutigen Form wie Youtube, Vimeo etc. gibt) begann ja erst so um Jahrtausendwende. Ich erinnere mich, dass „Forrest Gump“, „Star Trek – der erste Kontakt“ und „Speed“ die ersten VHS-Kassetten mit Making ofs waren, die ich zuhause in meinem Regal stehen hatte. „Star Trek“ kam sogar in einer 2-VHS-Kassetten-Edition daher. Quasi eine Bonus-VHS. Ein Relikt!

Zusätzlich wurde man auf DSF (deutsches Sportfernsehen) von Hermann Joha (Anmerkung: Mit seiner Firma action concept u.a. für TV-Serien wie „Alarm für Cobra 11“ oder „Lasko – Die Faust Gottes“ verantwortlich) in seiner Serie „Stuntteam“ prima mit Informationen um die Erschaffung von Actionszenen versorgt. Dafür fehlten uns natürlich die Mittel und so hieß der nächste Schritt „learning by doing“ mit dem was zur Verfügung stand. Keller, Wohnzimmer und Balkon meiner Eltern fingen mehrere Male Feuer, da man z.B. das Aufeinandertreffen von Benzin und Feuer etwas unterschätzt hat.

Für die Inszenierung von Kampfszenen, konnten mein Cousin und ich auf unsere Erfahrung als Karateker zurückgreifen. Mit der Zeit konnten wir auch immer mehr Leute aus unserem Freundeskreis von unserer Manie begeistern und die Crew wurde ständig erweitert. Selbstverständlich passierten immer wieder Unfälle und Materialschäden. Ums Leben gekommen ist jedoch niemand, obwohl es manchmal echt knapp war.

Bei den Spezialeffekten stießen wir irgendwann natürlich an Grenzen, da es für uns z.B.: nicht möglich war, an große Mengen von Schwarzpulver zu gelangen. So brauchten wir einen Pyrotechniker, den wir durch Zufall in einem ehemaligen Mitglied einer Spezialeinheit gefunden haben. Mit ihm gemeinsam gibt es vermutlich kaum eine Grenze nach oben.

© Flo Lackner Films

© Flo Lackner Films

„Red Santa Down“ hatte kaum Spezialeffekte. Alles was wir zum damaligen Zeitpunkt an Pyrotechnik benötigten, konnten wir selbst mit Feuerwerkskörpern umsetzen. Bei „Yellow Cape Town“ war das schon wesentlich komplexer, da wir getimte Explosionen benötigten, um u.a. Feuerbälle neben einem Hummer aufsteigen zu lassen. Da war mir das Risiko, es selbst zu machen, doch zu groß. Auch weil wir für sowas natürlich nicht versichert waren.

Und während ich in der Pre-Production von „Planet USA“ nebenbei ein bisschen Geld mit dem Produzieren von Makings ofs verdiente, lernte ich Holger Kriechel von „Stunts Universal“ kennen, die u.a. bei „Königreich der Himmel“, „Troja“ und „München“ für Action gesorgt haben. Holger hab ich dann einmal erzählt, was ich so mache und er hat mir dann seine Hilfe angeboten, die ich natürlich sofort angenommen habe. Gespräche für neue Projekte laufen bereits.

Ich hatte das Glück, bei unseren Dreharbeiten immer Unterstützung von der Feuerwehr zu erhalten. Sicherheit geht zweifelsohne vor, obwohl wir die Situationen immer bis aufs Letzte ausreizen.
Aber es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn das Set nicht mehr brennt, zum Zeitpunkt, wenn man längst zuhause ist.

HMC: Wie habt Ihr die Szene mit dem Hubschrauber gedreht? Bzw. dem Panzer. Habt Ihr Unterstützung vom Bundesheer bekommen?

Flo Lackner: Mit dem Black Hawk hatten wir großes Glück, da wir durch Zufall jemanden kennen lernten, der für das österreichische Bundesheer genau in der richtigen Abteilung arbeitete und uns diesen Dreh ermöglichte. Die Zusammenarbeit mit dem Bundesheer war sensationell und zu meinem Erstaunen sehr unkompliziert. Anders, als ich es von meinem Grundwehrdienst in Erinnerung hatte, war man hier total flexibel und konnte super auf Augenhöhe arbeiten.

Der Panzer stand in einem Museum an der kärntnerisch/ slowenischen Grenze und war seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Wir erweckten ihn quasi wieder zum Leben.

HMC: Wie habt Ihr die Mondszenen realisiert? Gab es Vorbilder? (Ist das der erste österreichische Film mit Mondszenen? Ich kann mich momentan an keinen anderen erinnern)

Flo Lackner: Ich hatte mir das alles wesentlich einfacher vorgestellt. Zu Beginn fanden wir in einer Schottergrube unseren optimalen Drehort. Man konnte dort in einer physischen und optisch dem Mond ähnlichen Umgebung drehen. Doch leider gab es keine Möglichkeit, die Darsteller an Seilen aufzuhängen um Schwerelosigkeit zu simulieren und so mussten sie sich einfach langsamer bewegen. In „Zeitlupe“ zu springen, war da schon eine ordentliche Herausforderung.

Wir hatten auch nur zwei Stück von den Raumanzügen, weil diese verdammt teuer waren. Die Mondszenen wurden demnach so geschrieben, dass sich Major Conrad & Co. in zwei Teams aufteilen. Nachdem wir diese Aufnahmen ausgewertet hatten, wurde ein Storyboard erstellt, um die Dreharbeiten in der Greenbox zu planen. Ursprünglich sollte es eine Menge Action am Mond geben, aber das war dann einfach nicht machbar. So wurde bis auf zwei Einstellungen sämtliches Greenboxmaterial komplett verworfen und es ging ein weiteres Mal in die Schottergrube, wo wir nun unsere Kompromissvariante der Sequenz drehten. Im Anschluss erfüllte das Color Grading seinen Zweck. Lens Flares und digitale Mondlandschaften rundeten alles ab. Das i-Tüpfelchen kam dann aber im Sounddesign. Erst seit der finalen Mischung funktioniert die Szene für mich richtig gut und ich bin sehr zufrieden mit unserer Arbeit.

Ob es der erste österreichische Film mit Mondszenen ist, weiß ich leider nicht. Kann aber durchaus sein.

© Flo Lackner Films

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HMC: Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit dem deutschen Produzenten und Regisseur Mennan Yapo gekommen, der ja u.a. auch den US-Streifen „Premoniton“ (auf deutsch „Die Vorahnung“) mit Sandra Bullock drehte? Und was hat es gebracht?

Flo Lackner: Eines Tages erhielt ich einen Anruf von Tim Seyfi, in „Planet USA“ als Prinz Sayf Al Din zu sehen, und er erzählte mir, dass er den Film, welcher zu diesem Zeitpunkt noch den Titel „Blue Moon Down“ trug, gemeinsam mit seinem besten Freund angesehen hat. Und dieser beste Freund war wohl sehr davon angetan, was wir da gemacht hatten und wenn ich wollte, würde er mir dabei helfen, den Film zu optimieren. Dabei handelte es sich eben um Mennan Yapo, der „Lautlos“ (mit Joachim Krol) und „Die Vorahnung“ gedreht hatte.

Im ersten Moment dachte ich, dass Tim mich verarscht. Warum sollte jemand, der mit Sandra Bullock in Hollywood einen Film gemacht hat, einen Typen vom Wörthersee dabei helfen, seinen Abschlussfilm zu fertigzustellen. Doch spätesten als mir Tim Mennans Kontaktdaten anvertraute, war mir klar, dass es kein Scherz war. Das alles spielte sich Ende 2010 ab, und als ich endlich all meinen Mut gefasst hatte, Mennan zu kontaktieren, ging es auch schon sehr bald mit dieser Reise los, welche am Neujahrstag 2011 mit einer Filmanalyse via Skype startete. Das werde ich nie vergessen! Ich war überglücklich und konnte es sogar während den Besprechungen mit Mennan nicht fassen, dass das gerade wirklich passiert.
Die Tatsache, dass Mr. Yapo nun an Bord war, gab natürlich dem gesamten Team, welches eigentlich im Glauben war, dass der Film längst fertig ist, noch mal einen ordentlich Schub an Motivation.
Es war eine großartige und aufregende Zeit.

Was es gebracht hat? Ich hatte die Ehre, mit einem wahnsinnigen Perfektionisten zu arbeiten, von dem ich über Film so unfassbar viel lernen konnte. Mennan hat diesem Projekt 100 Prozent seiner Aufmerksamkeit geschenkt – und das erfüllt mich mit großem Stolz.

HMC: Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit all den bekannten Synchronsprechern gekommen? Du hast ja u.a. Charles Rettinghaus (Jamie Foxx, Jean-Claude Van Damme), Wolfgang Bahro (Steve Buscemi), Santiago Ziesmer (Spongebob Schwammkopf) dafür begeistern können. Ich habe da eine bestimmte Anekdote im Kopf, dass das eigentlich eine „bsoffene Gschicht“ war.

Flo Lackner: Es war tatsächlich eine „bsoffene Gschicht“, sonst hätte ich mich das sicher niemals getraut, Charles Rettinghaus einfach so anzuschreiben. Im Frühjahr 2006 saßen ein paar Freunde und ich im Studentenheim in Wien zusammen. Wir feierten ausgiebig unsere „interkulturelle Freundschaft“ zwischen fünf Burgenländern und mir als einzigen Kärntner.

Eigentlich war ich zu diesem Zeitpunkt aber überhaupt nicht in Partylaune, denn ein im Sommer 2005 gedrehter Horrorfilm namens „Schattenspringer“, der mich jetzt eigentlich in Form einer sehr umfangreichen Post-Produktion fordern sollte, war Tage zuvor von einem Teamkollegen während einer Zugfahrt von Wien nach Klagenfurt komplett verloren worden und ich hatte keine Ahnung, wie ich das nun an der Filmschule erklären sollte.

Glücklicherweise war parallel zum Auftakt der Nachbearbeitung des Horrorstreifens in den Winterferien 05/06 an nur sechs Drehtagen und mit einem „Budget“ von € 300 das spontane Kurzfilmprojekt „Red Santa Down“ entstanden. Ursprünglich als Möglichkeit etwas Abstand vom Dreh des Horrorfilms zu gewinnen angedacht, war dieses Spaßprojekt nun meine einzige Rettung, nicht mit leeren Händen in der Filmschule da zu stehen. Da „Red Santa Down“ nicht annähernd mit so einem großen Aufwand wie „Schattenspringer“ verwirklicht wurde, musste die Post-Produktion vieles ausbügeln, um die Qualität des Films zu steigern. Ich brauchte etwas Außergewöhnliches und dank meines „Zustandes“ nicht lange, bis mir ein Licht aufging. So taumelte ich aus der Gemeinschaftsküche des Studentenheimes in mein Zimmer und begann im (Freuden)rausch, eine Mail zu schreiben.

Empfänger: Charles Rettinghaus.
Die deutsche Synchronstimme von Jean Claude Van Damme und Jamie Foxx, der zu diesem Zeitpunkt gerade in den Trailern zu „Miami Vice“ zu hören war und ich hatte Glück, großes Glück…
1.) dass ich durch meinen Alkoholpegel den Mut hatte, Charles überhaupt zu kontaktieren… und
2.) dass er geantwortet hat.

Und dann führte eines zum anderen.

HMC: Wer ist Jennifer Rezny (die Co-Autorin)? Wie läuft da die Zusammenarbeit ab? Und was ist ihr Interesse an dieser Art von Filmen?

Flo Lackner: Jennifer Rezny ist eine wahnsinnig liebe, ehrliche und vor allem talentierte Kollegin, die ich an der Filmschule Wien kennen gelernt habe. Die Zusammenarbeit an „Planet USA“ spielte sich in vielen Meetings ab. Damals hauste ich noch in dem bereits genannten Wiener Studentenheim und da sie zu diesem Zeitpunkt auch in der Hauptstadt wohnte, konnten wir direkt zusammen am Buch schreiben.

Um Jennifer zu zitieren (ich habe ihr eure Fragen zugeschickt):
1. pure Leidenschaft am Film
2. die Herausforderung der Komödie
3. Flo Lackner in seinem Größenwahn zugunsten des Plots und der Charakterisierung bremsen
4. aus Spaß an der Sache und weil Flo und ich uns sehr gut ergänzen

© SchroederMedia

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HMC: Wie gestaltest Du Dein Drehbuch. Schreibst du, was du glaubst, dass möglich ist (eben Weltallszenen) – oder schreibst du frei und frank erst die Geschichte und schaust erst dann, was machbar ist?

Flo Lackner: Speziell „Planet USA“ haben wir so geschrieben, als stünde alles Geld der Welt zur Verfügung. Das macht es zumindest beim Schreiben etwas einfacher. Kompromisse müssen schlussendlich sowieso getroffen werden. Im Grunde ist alles machbar, irgendwie, wenn man will.

HMC: Woher holst du deine Inspirationen? Und vor allem für drei Teile mit Major Conrad?

Flo Lackner: Inspirationen laufen uns allen täglich über den Weg. Alleine Nachrichten liefern jeden Tag neuen Zündstoff und Anregungen für einen neuen Film. Träume und Diskussionen mit Kollegen sind auch sehr nützlicher Input. Und bei nem Bierchen wird alles noch fantastischer.

HMC: David Hofer, der Darsteller des US-Majors George Conrad, und du – ihr beide geht schon einen sehr langen Weg gemeinsam. Er wirkte bei vielen deiner Filme (eben u.a. „Birthday“ von 1999) mit – und du bei ihm. Er ist aber sonst eher hinter der Kamera zu finden – ob als Regisseur („Hammer“, „Das weiße Kleid“, „Valossn“), Kameramann („Der alte Fuchs“) oder Cutter. Wie kam es zu seinem schauspielerischen Ausflug? Und was hältst du von ihm generell? Wie versteht/ergänzt Ihr Euch?

Flo Lackner: David und ich wohnten jahrelang in derselben Siedlung, waren quasi Nachbarn und hatten das selbe Hobby – Filmedrehen – liefen uns aber bis zum Sommer 1999 nie wissentlich über den Weg. Im besagten Sommer fiel mir über einen Kumpel eine Videokassette in die Hände, auf der Filme von David Hofer und Michael Kuglitsch drauf waren und ich schwer begeistert. Vor allem, weil es plötzlich Menschen in einem greifbaren Umfeld gab, die derselben Sucht nachgingen wie ich. Dazu sahen die beiden auch noch älter aus, was mir bei einer eventuellen Zusammenarbeit sehr dienlich sein konnte. In meinen Filmen mimten meine Kollegen und ich (zu diesem Zeitpunkt wollte auch ich noch Schauspielen), wir waren alle im Alter von 12 – 15 Jahren, immer Leute zwischen von 30 – 40. Das war natürlich nur bedingt glaubhaft. Ich bat diesen Freund also, mich David vorzustellen und ein paar Tage später war unser erstes gemeinsames Projekt verwirklicht. „Time to die“ – ein 35 minütiger Gangfilm mit David in einer der Hauptrollen.

Ich denke, dass David in einer ähnlichen Situation war wie ich. Wenn wir Filme nicht selbst drehen, wie sollen wir dann selbst vor der Kamera stehen? Oder wer macht sie mit uns? Ein Netzwerk an Independent Filmemachern, vor allem in Klagenfurt, gab es nicht. Seine hervorragende Darbietung als Major George Conrad ist also kein schauspielerischer Ausflug. Er zählt zu den talentiertesten Menschen, die ich kenne, wir ergänzen uns ganz wunderbar und ich habe in ihm einen sehr guten Freund gefunden.

© Flo Lackner Films

© Flo Lackner Films

HMC: Wird es ein neues Abenteuer mit Major Conrad geben? Oder planst du auch mal was anderes? Steht schon konkret etwas an?

Flo Lackner: Ein weiteres Abenteuer mit Major Conrad würde ordentlich Spaß machen. Möglicherweise gibt es irgendwann noch einen Teil. Alleine schon, um aus nostalgischen Motiven und um mit dieser sensationellen Crew zu arbeiten. Diese Filme haben mich quasi mein gesamtes Studium und während meines Berufs sehr lange begleitet.

Ich denke aber, dass es nun an der Zeit ist, etwas Neues zu machen und zwei Projekte sind bereits in Planung. Eines davon liegt quasi als fertiges Kurzfilmdrehbuch vor – und dann gibt es schon sehr konkrete Ideen für einen Actionfilm. Nachdem ich keinen Kurzfilm machen mag, wird es sicher das zweite Projekt werden und darauf freue ich mich sehr, denn es wird wieder krachen und zwar noch mehr als bei „Planet USA“.

Das Interview führte Rodja Pavlik

INFO: www.flolacknerfilms.com

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15. Juli 2014 at 18:20

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„The Dreamlands“ – Crowdinvesting als Plan B zur Filmfinanzierung

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© Huan Vu

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Crowdfunding ist in der Filmbranche in aller Munde. Für viele Filmemacher ist es oft die letzte Möglichkeit, ein Projekt doch noch finanziert zu bekommen. Wenn es allerdings um größere Summen geht, hat CF im deutschsprachigen Raum anscheinend noch nicht die Breitenwirkung, wie man es vom anglosächsischen Raum (siehe z.B. „VGHS“ oder „Wish I Was Here“ von Zach Braff) her kennt. Doch was tun, wenn ein ehrgeiziges Filmprojekt nicht genügend gecrowdundet wird? Einfach aufgeben oder einen Neustart wagen?

Für seinen Blog Socialfilmmarketing.com hat der österreichische Crowdfunding-Experte Wolfgang Gumpelmaier den deutschen Filmemacher Huan Vu interviewt, dessen Projekt „The Dreamlands“ (nach H.P. Lovecraft) vor genau dieser Entscheidung stand. Der Artikel wurde dem HomeMovieCorner freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Im HomeMovieCorner habe ich vor ein paar Monaten das erste Mal über das Film-Projekt “The Dreamlands” gelesen. Kurz darauf habe ich den Film drüben auf gumpelmaier.net zum Crowdfunding-Projekt der Woche erklärt. Leider haben Huan Vu und sein Team bei der damaligen Crowdfunding-Kampagne ihr Ziel nicht erreicht. Kurz darauf gingen sie aber erneut online, mit einen geänderten Plan: einem Mix aus Crowdfunding und Crowdinvesting. Und siehe da, es hilft. Die Story dahinter hat mit Regisseur Huan Vu in einem Interview erzählt:

Wolfgang: Mit “The Dreamlands” möchtest du einen H.P.Lovecraft-Roman verfilmen. Erzähl uns doch bitte kurz, worum es bei dem Projekt geht.

Huan Vu: Der Traumlande-Zyklus ist eine lose Reihe von Geschichten des Kultautors H.P. Lovecraft, welche in einer mystischen Traumdimension spielen. Bisher wurde filmisch bis auf einige Kurzfilme nichts daraus gemacht, ich habe es mir daher als nächstes Projekt nach unserem Erfolg mit der Verfilmung von “The Colour Out of Space” auserkoren, denn es ist sehr reizvoll, hier Neuland zu betreten. Den Zuschauer erwartet eine Mischung aus klassischem Fantasy und Lovecrafts typischem kosmisch-philosophischem Grusel.

© Huan Vu

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Wolfgang: Ihr habt ja vor wenigen Wochen eine Crowdfunding-Kampagne erfolglos beendet, aber gleich darauf eine neue gestartet. Erzähl doch mal bitte…

Huan Vu: Die erste Kampagne war nicht optimal durchgeführt und auch zu hoch angesetzt. Trotz des Einspringens von FFL als Business Angel (Film- und Fernsehlabor, eine Produktionsfirma in Ludwigsburg, u.a. “Der Sandmann” und “Schuld sind immer die anderen”) kamen wir “nur” auf knapp 54.000 EUR, das waren ca. 40% der Zielsumme. Damit wurden wir meines Wissens nach zwar das dritterfolgreichste Independent-Film-Crowdfunding in Deutschland nach “Hotel Desire” (150.000 EUR) und “Adolf” (ca. 121.500 EUR), aber es reichte eben nicht und wir mussten uns überlegen, wie wir darauf reagieren sollten.

Eine Option wäre es gewesen, abzuwarten und sich neu zu sammeln – und auf eine baldige Expansion von Kickstarter nach Deutschland zu hoffen, als zugkräftigere Alternative zu IndieGoGo. Auf Kickstarter lassen sich unzählige Lovecraft-Projekte finden, unsere Zielgruppe ist dort bereits sehr zahlreich vertreten. Zum damaligen Zeitpunkt war es aber noch nicht so ganz absehbar, wann Kickstarter auch für deutsche Projekte geöffnet werden würde und die Prozedur über ausländische Firmengründung und Bankkontoeröffnung war uns zu kompliziert und zu aufwändig.

Daher bevorzugte ich die andere Option, welche dann glücklicherweise auch prompt zu einem großen Erfolg wurde: Wir bieten nun im zweiten Anlauf auch die Möglichkeit des Crowdinvesting an. Mit einer Mindesteinlage von 250 EUR kann man Teil unserer Stillen Gesellschaft werden und damit Anteile an zukünftigen Einnahmen erhalten. Das Geld fließt also langfristig wieder zurück und eventuell springt am Ende Gewinn heraus.
Vielen sagte dieses Modell sehr zu, es passte deutlich besser zu unserem Projekt. Der harte Kern der Lovecraft-Fangemeinde ist nun mal nicht so zahlreich, mehrere Tausend Vorverkäufe an DVDs bzw. Blu-rays wie bei anderen ähnlich groß angelegten Crowdfunding-Filmprojekten erwies sich als nicht zu bewerkstelligen. Doch die Begeisterung und das Vertrauen einiger enthusiastischer Fans zeigte sich auf der anderen Seite als groß genug, was mitunter zu sehr hohen Investitionssummen führte.

Wolfgang: Die “Crowd”, also eure Fans und Freunde bzw. das spätere Film-Publikum, scheinen eine wichtige Rolle in eurem Projekt zu spielen. Welche?

Huan Vu: Wir sind ja selbst Lovecraft-Fans, daher ist es uns sehr wichtig, vom potenziellen Publikum den Initialfunken für dieses Projekt zu erhalten. Viele gehen ja zuerst zur Filmförderung und erst danach wird Crowdfunding bemüht, um etwaige Finanzierungslücken zu schließen oder das Budget vor Drehbeginn noch aufzupäppeln.

Wir haben bewusst den umgekehrten Weg gewählt, wir möchten zuerst sehen, ob der Wunsch nach diesem Film bei den Lovecraft-Fans groß genug ist, bevor wir in die Vollen gehen. Man muss nämlich dazu auch sagen, dass der Traumlande-Zyklus unter vielen Fans eher ein Schattendasein fristet und nicht so bekannt und beliebt ist wie andere Geschichten von H.P. Lovecraft.

Wolfgang: Sobald die Finanzierung also steht, wie soll es weitergehen?

Huan Vu: Dann geht es sofort mit den weiteren Schritten los, wie z.B. Casting, Drehortsuche, Produktionsdesign, Förderanträge usw. Die Crowdfundingkampagne ist ja schon bereits enorm viel Arbeit, das wird dann noch einmal eine Stufe mehr sein. Aber ich freue mich darauf, die kommenden Jahre diesem Projekt widmen zu dürfen, falls es klappt.

Wolfgang: Wann plant ihr mit “The Dreamlands” fertig zu sein? Wann und wo wird der Film zu sehen sein?

Huan Vu: Der Film wird frühestens Ende 2017 fertiggestellt sein, das hängt von vielen Faktoren ab. Danach wird er hoffentlich auf zahlreichen Genrefilmfestivals laufen und vielleicht sogar, wer weiß, in die Kinos kommen. Aber das ist alles Zukunftsmusik, das Wichtigste ist es erstmal den Film überhaupt zu realisieren.
Wolfgang: Ist das nicht eine etwas vage Vorstellung? Vor allem auch den Investoren gegenüber?
Huan Vu: Ich kann nicht versprechen, was ich nachher nicht einhalten kann. Wir sind auf jeden Fall ein “wild horse”, auf das man setzt. Wir können nur versuchen den bestmöglichen Film mit unseren Mitteln zu kreieren und alles daran setzen, dass danach die Auswertung auch möglichst optimal für alle Beteiligten erfolgt. Das Wichtige an unserem Modell ist denke ich, dass wir alle im selben Boot sitzen. Wir treten auch nur als Investor in Höhe unserer eigenen Investitionen auf, ohne Bevorzugung oder Sonderkonditionen. Das heißt wir verdienen und wir verlieren genauso wie alle anderen.

Wolfgang: Hoffen wir also das Beste. Viel Erfolg mit eurem Film-Projekt!

Wolfgang Gumpelmaier
Gumpelmaier.net

INFO: Film-Site: www.the-dreamlands.com; Facebook-Site: www.facebook.com/TheDreamlands; offizieller Produktionsblog: www.700stufen.de; Site für Crowdinvesting: www.the-dreamlands.com/de/home/investing/; Site für Crowdfunding: http://igg.me/at/the-dreamlands

Written by HomeMovieCorner

9. Juli 2014 at 14:55

„Biest“-Regisseur Stefan Müller im Interview

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© Loom

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Die Region in und rund um Graz hat sich so was wie einen Ruf als Hotspot für Indie-Filmemacher erarbeitet.

Allein in den letzten Jahren erschienen hier Filme wie „Bellcanto“ von Stefan Rothbart, „Schlimmer geht’s nimmer“ von David Unger, „Licht in leeren Häusern“ und „Vierter Sommer“ von Martin Kroissenbrunner, oder – wie hier berichtet – zuletzt die mittellange Coming-of-Age-Komödie „Irgendwas mit Liebe“ von Johannes Fröhlich. Alles Filme, von denen der normale Filmkonsument kaum Notiz nimmt – aber sie sind dennoch Zeichen einer äußerst aktiven Filmerszene. Ein weiterer Protagonist ist Stefan Müller – der 29-jährige Autodidakt hat gerade erst seinen aktuellen Spielfilm „Biest“, der auf dem Fright Nights Festival in Wien mit der „Silbernen Hand“ für den besten Independent Langfilm ausgezeichnet wurde, herausgebracht.

Nach dem Comichelden-Film „Legende“ (2003), dem Mysterystreifen „Jenseits“ (2006) und dem Alien-Invasionsfilm „Tartarus“ (2010) ist „Biest“ nun der (offiziell) vierte Spielfilm von Stefan Müller und seiner Grazer Filmtruppe Loom. Ungewöhnlich für einen Indie-Film ist, dass das Creature Feature – mit Peter „Jedermann“ Simonischek in einer Nebenrolle – zurzeit sogar in den österreichischen Kinos läuft. Mit dem HomeMovieCorner sprach der Regisseur über den Film, seinen Werdegang und die Mühen eines Indie-Filmers hierzulande.

HomeMovieCorner: Wie bist du eigentlich zum Film gekommen?

Stefan Müller: Zum Film gekommen, oder besser gesagt, auf den Film gekommen bin ich schon in sehr jungen Jahren. Damals habe ich als kleines Kind meinen Eltern die Kamera weggeschnappt, die eigentlich dafür gedacht war, besondere Momente meiner Kindheit festzuhalten. Ich war jedoch eher daran interessiert, meine eigenen, inszenierten Aufnahmen in Szene zu setzen. Und naja, das hat halt bis heute nicht wirklich aufgehört.

HMC: Graz dürfte – was Film angeht – eine ziemlich kreative Stadt sein. Vor allem im Indie-Bereich tut sich da einiges. Woran liegt das?

Müller: In den letzten Jahren war viel los in der Grazer Indie Szene, das stimmt. Mittlerweile, so kommt es mir zumindest vor, ist es leider ein wenig ruhiger geworden, vor allem im Spielfilm-Bereich. Viele Kollegen können nach einem gescheiterten Erstlingswerk nicht so leicht wieder aufstehen, andere wollen es nicht.

Viele Gründe sind aber auch Dinge wie Finanzierung, Teampower und natürlich Zeit. Filme zu machen, insbesondere im Independent Bereich, beansprucht viel Zeit, Geduld und vor allem Energie und Konsequenz und gut Geld verdienen kann man damit bisher noch nicht.

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HMC: „Biest“ ist dein (offiziell) vierter Spielfilm (Mir wurde zugetragen, dass es da noch einige „Jugendsünden“ in Spielfilm-Länge gibt – aber die lassen wir mal beiseite). Was ist an diesem Film anders als an „Legende“, „Jenseits“ und „Tartarus“? (Du liebst wohl die Ein-Wort-Titel-Filme)

Müller: Da ich Autodidakt bin und mein Handwerk durch das „learning by doing“-Prinzip erlerne, sind meine Filmprojekte sozusagen meine Filmschule. Und wenn man es so betrachtet, dann ist „Biest“ wohl der bisher reifeste in seiner Machart. Einerseits dadurch, dass er technisch wie gestalterisch der bisher ausgereifteste ist, und andererseits weil ich auch erwachsener und erfahrener geworden bin. Bei „Legende“ war ich 18 Jahre alt, bei „Jenseits“ 21 und bei „Tartarus“ 25. Und bei „Biest“ eben 29.

HMC: Bei „Jenseits“ und „Tartarus“ habt Ihr bei den Monstern auf VFX gesetzt. Warum habt Ihr bei „Biest“ gesagt: „Okay, wir setzen auf ein ‚echtes‘ Filmmonster“?

Müller: Bei „Jenseits“ und „Tartarus“ hatten wir abstraktere Creature-Designs. Der Teufel in „Jenseits“ sollte gigantisch groß sein und die Aliens in „Tartarus“ Echsen-artig und extrem schnell in ihren Bewegungen. Bei „Tartarus“ hatten wir sogar kurz das Bestreben, die Aliens in „echt“ umzusetzen, haben allerdings schnell realisiert, dass die Umsetzungshürden hierbei größer sind als in der Computer-generierten Variante. Lediglich für Close-Ups der Krallen und dergleichen haben wir ein Kostüm oder eine Puppe verwendet.

Beim „Biest“ wollte ich von Anfang an ein echtes Monster. Vorrangig aus dem Grund, weil ich mit der Kreatur am Set arbeiten wollte. Das Biest sollte ganz nah bei den Schauspielern sein und mit ihnen interagieren. Außerdem wollte ich viel mit der Ausleuchtung herumspielen und das geht halt nur, wenn man mit Live Action Aufnahmen arbeitet.

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HMC: Du hast ja auch das Drehbuch geschrieben. Wie hat dich die Story gefunden? Wie ist das Drehbuchschreiben bei dir generell? Ziehst du dich zurück für ein Monat? Hast du jemanden, mit dem du dich austauschst?

Müller: Die Geschichte hat mich relativ spontan gefunden. Ich wollte eigentlich einen ganz anderen Film machen, aber ich war mit meiner Freundin zur Weihnachtszeit über ein verlängertes Wochenende auf einer Ferienhütte in einer wunderschön-urigen, verschneiten Landschaft und irgendwie ist mir da der Plot eingefallen. Also von einem Pärchen, wo sie auf einmal spurlos verschwindet und er in dieser menschenleeren Gegend ist und ohne Unterstützung versucht, sie wiederzufinden. Und als mir das eingefallen ist, fand ich das zu dem Zeitpunkt gerade extrem unheimlich, da ich wirklich gerade mitten im Nirgendwo war, in einer relativ unwirtlichen Gegend und keine Ahnung hatte, was ich tun würde.

Und nach und nach kam dann der Rest. Ich stand dann kurz vor dem Moment, wo ich mich entscheiden musste, was meine Protagonistin entführt. Ob ich den menschlichen, den Monster-, oder den übernatürlichen Pfad einschlagen will. Hab dann aber relativ bald für mich entschieden, dass der Monsterpfad für mich der richtige ist. Der macht mir einfach am meisten Spaß. Und dann hab ich mir diese uralte, riesenfledermausartige Kreatur in ihrem Versteck „gebaut“, die sich in dieser kargen Gegend alles Fleischliche holt, was sie finden kann und dabei zur Bedrohung für meine Protagonisten wird.

Die große Herausforderung für mich war dann, aus dem Konzept mehr zu machen als einen klassischen Monsterfilm. Und wenn man schon lediglich zwei Hauptcharaktere hat, dann muss deren Geschichte auch für den Zuschauer interessant sein, um da lange dran zu bleiben. Und so kam ich auf die Idee, meinen beiden Protagonisten die entgegengesetzte Ausgangssituation von meiner zu geben.

Ich bin ja mit meiner Freundin zum Entspannen auf ein romantisches Wochenende zu dieser Hütte gefahren und der Gedanke war, dass mein Filmpärchen alles andere als entspannt dort auf dieser Hütte ankommt. Wir starten den Film sozusagen beim letzten Rettungsversuch ihrer Beziehung, den der Ausflug auf diese Hütte beinhaltet – und das war dann eine enorm spannende und interessante Ausgangssituation für mich.

Als ich diese Komponenten beisammen hatte, ging das Schreiben vom Buch recht schnell. Ich habe, glaube ich, einen Monat für das erste Draft gebraucht und 80 Prozent davon waren bereits der finale Film. Feinschliffe und Ergänzungen gab es dann noch sehr viele, auch während der Drehzeit. Aber das Grundgerüst und das Drama war bereits in der ersten Version drin und hat schon dort gut funktioniert.

Ausgetauscht über das Buch habe ich mich vor allem mit dem Martin Kroissenbrunner, dem Drehbuchautor und Hauptdarsteller von „Tartarus“. Seine Meinung ist mir bei jeder meiner Ideen immer sehr wichtig und er hat ein enorm gutes Gespür für Charaktere und Sprache.

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HMC: Wie bist du auf die herausragend spielenden Schauspieler Stephanie Lexer (Anm: Wurde als beste Darstellerin für die „Silberne Hand“ nominiert) und Paul Hassler gestoßen? Wie habt Ihr das schauspielerische „Schwergewicht Peter Simonischek für den Dreh gewinnen können?

Müller: Ich habe das Drehbuch mitunter dem Moritz Thate geschickt, dem zweiten Hauptdarsteller von „Tartarus“, der seither ein guter Freund und Vertrauter von mir ist. Der Moritz hat mir dann eine Mail mit ein paar Schauspielkolleginnen von ihm geschickt, die ich mir dann durchgeschaut habe – und da stach die Stephi schon irgendwie heraus. Ich habe mich dann bei ihr gemeldet und sie hat mir dann ein paar Clips von Kurzfilmen zukommen lassen, bei denen sie bis dato mitgewirkt hatte. Das waren allgemein sehr arthouseige und nihilistische Filme und es gab kaum Close-Ups von ihr – und dann gab es einen Clip, da kamen dann endlich ein paar Close Ups – und dann wusste ich irgendwie, das passt. Da war ganz viel Ausdrucksstärke in ihren Augen und sie spielte extrem verletzlich – und das war’s dann für mich. Die Stephi hat ein extrem markantes und interessantes Gesicht und ihre Augen sind für mich großes Kino. Ab da hatte ich meine Lena gefunden.

Den Paul hab ich in einem Film vom Martin Kroissenbrunner gesehn und war sofort angetan von seiner filmischen Präsenz. Meiner Meinung nach liebt die Kamera den Paul und wenn man ihn filmt, hat man auf einmal großes Kino. Also hab ich ihn mir sofort gekrallt und hatte meinen Andi.

Peter Simonischek war von vorn herein unser größter Wunsch für die Rolle des Jägers. Nachdem mein Produzent, Oliver Haas, den Kontakt hergestellt hatte, haben wir ihm das Buch geschickt und er hat uns daraufhin zu sich nach Hause eingeladen, um mit uns über das Projekt und die Figur zu sprechen. Da wir zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Szenen des Films gedreht hatten, entschloss ich mich, zwei Szenen zusammenzuschneiden und ihm zu zeigen.

Die eine Szene war ein Moment zwischen Stephi und Paul, damit er sieht wie die beiden Hautcharaktere miteinander harmonieren, und die zweite Szene war aus dem Suspense-Teil des Films, damit er sich ein Bild machen konnte, wie wir den Gruselaspekt des Films handhaben. Und naja, zu meiner Erleichterung haben ihm die beiden Szenen sehr gut gefallen und er hat sofort zugesagt.

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HMC: Frauen spielen in deinen Filmen ja eher die Opfer-Rolle. „Legende“, „Jenseits“, „Tartarus“ und nun auch eben „Biest“. Bei den ersten drei Filmen waren sie – eben bis auf die Opferrolle – kaum vorhanden. Bei „Biest“ ist es dir gelungen, mit Lena trotzdem eine starke Frauenrolle zu schaffen. Die Dialoge zwischen Lena und Andi offenbaren sehr viel über die beiden. Wie hast du das geschafft?

Müller: Bei meinen vorhergehenden Filme ging es nie wirklich um die Frau. In „Legende“ ging es um Richard und seine Wandlung, in „Jenseits“ um den Todesboten und seine Entstehung und in „Tartarus“ ging es um die Freundschaft zwischen Jakob und Veith die auf eine harte Probe gestellt wird. In „Biest“ habe ich erstmals eine ganz klare Liebesgeschichte im Vordergrund und von daher war die Priorität bei beiden Figuren gleich hoch angesetzt.

HMC: Wie waren die Dreharbeiten? Von wann bis wann – und wie lang dauerte die Post.

Müller: Die Dreharbeiten haben Anfang 2011 begonnen und der Hauptblock wurde Ende 2012 beendet. Wir haben noch einige Nachdrehs und Korrekturen 2013 und 14 gemacht. Die Postproduktion hat Anfang 2013 begonnen und der Film wurde Anfang April 2014 fertiggestellt.

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HMC: Hat es auch mal einen Zeitpunkt gegeben, wo das Projekt auf der Kippe stand?

Müller: Das Projekt stand Gott sei Dank nie wirklich auf der Kippe. Es gab Momente, wo die Finanzierung kurz mal schwierig wurde und wir ein paar Monate in der Warteschleife waren, aber das war nur einmal kurz der Fall. Schwieriger sind eher die Momente, in denen man kurz die Hoffnung verliert, ob der Film je fertig wird, weil man so lange dafür braucht. Der Hauptgrund, weshalb wir drei Jahre für einen kleinen Indiefilm brauchen, ist ja wirklich das Geld.

Da wir halt mit sehr geringem Budget arbeiten und die meisten nicht und manche kaum bezahlt werden für ihre Arbeit, ist der einzige Luxus den wir anbieten können, Zeit. Und das sind dann halt die Momente wo ich selbst hart daran arbeiten muss, nicht die Hoffnung zu verlieren, dass der Film irgendwann fertig wird.

HMC: Was muss man als Indie-Filmer bedenken, wenn man so ein Projekt stemmt? Vor allem, was die Verwertung betrifft?

Müller: Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Wir haben das Glück, dass einige Kinos ( UCI; Hollywood Megaplex; Dieselkinos ) aufgesprungen sind, aber es ist jedes Mal ein Pokerspiel und man geht jedes Mal „all in“, weil man halt wirklich nicht weiß, ob so ein kleines Projekt Kinobetreiber anspricht. Und wenn man das Glück hat, in einigen Kinos aufgenommen zu werden, geht es dann ja auch vor allem darum, auch ein Publikum für den Film begeistern zu können, und das ist ja nochmal eine ganz eigene Herausforderung.

Ich glaube, man kann solche Projekte nur stemmen, wenn man seine Geschichte so sehr liebt, dass man jahrelang bereit ist, für ihre Entstehung zu kämpfen. Wenn man – wie ich – auch noch das große Glück hat, ein Team an seiner Seite zu haben, das ebenfalls an die Geschichte und das Projekt glaubt, dann geht’s.

HMC: Wie hoch war das Budget? Wie kam es zustande? Wurde auch eine Förderung erteilt?

Müller: Der Film kostete alles in allem um die 30.000 Euro, wobei hier nochmal an die 15.000 Euro für Dinge anfallen wie eine digitale Präsentationskopie für Kinos, Werbung, Plakate, und und und… Das Budget kam durch staatliche Förderungen, Sponsoring und durch eigene Gelder vom Produzenten Oliver Haas und mir zustande.

HMC: Wie und warum ist es zur Zusammenarbeit mit Oliver „FlyOli“ Haas gekommen?

Müller: Den Oliver habe ich über zwei Kurzfilmprojekte kennengelernt, bei denen er als Produzent fungiert hat und ich war extrem angetan von seiner Arbeit. Nach der „Tartarus“-Premiere hat er mich angesprochen und gemeint, dass er gerne meinen nächsten Film produzieren möchte. So kamen wir dann zusammen und ich bin überglücklich, dass ich ihn habe.

HMC: Wie geht es mit Loom weiter? Irgendwie habe ich bei „Biest“ das Gefühl, dass da Loom als Verein etwas in den Hintergrund getreten ist – und dafür der Fokus stärker auf Stefan Müller liegt. Gibt es den Verein in der Form wie zu Zeiten von „Jenseits“ noch?

Müller: Den Verein gibt es natürlich noch, aber die einzigen, die filmisch noch wirklich aktiv sind, sind der Robert Niessner und ich. Die anderen haben beruflich andere Wege eingeschlagen. Wir sehen uns zwar alle noch regelmäßig und der ganze Verein trifft sich auch immer wieder mal, aber viel Zeit, um bei den Filmen mitzumachen, haben die anderen Jungs halt leider nicht mehr.

© Loom

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HMC: Was sind deine zukünftigen Pläne? Wie geht es mit „Biest“ weiter? (Festival, DVD? Start in D bzw. CH?) Steht schon ein neues Projekt an?

Müller: Wie es mit dem „Biest“ weitergeht, wird sich in den nächsten Wochen weisen, davon hängt viel ab. Wir müssen unsere Kosten wieder einspielen und ein kleiner Gewinn wäre eigentlich auch sehr angenehm. Vom Erfolg in Österreich hängt auch ab, ob wir einen Kinostart in Deutschland anstreben können/sollten. Wir werden den Film auf jeden Fall noch auf einigen Festivals einreichen und ich würde mir einen DVD Release im kommenden Winter wünschen. Mal sehen, ob uns das gelingt.

Was danach kommt, ist auf jeden Fall mal eine Pause. Da ich mich nach der Fertigstellung von „Tartarus“ gleich ins „Biest“ gestürzt habe, werde ich auf jeden Fall mal ein Jahr Pause einlegen, ehe ich mich dem nächsten Projekt widme. Und da ich die letzten sechs Jahre damit verbracht habe, Monsterfilme zur kältesten Jahreszeit in finsteren Höhlen zu drehen, glaube ich auch, dass mal ein Genre- und Locationwechsel angesagt sind.

HMC: Was bedeutet die „Silberne Hand“ für dich? Generell ein Genrefestival wie das „Fright Nights“? Rechnet Ihr Euch Chancen bei der „Diagonale“ aus? (Ich habe gehört, dass Indie-Filme dort eher weniger genommen werden – und dass es darüber etwas Missmut gibt).

Müller: Die „Silberne Hand“ war eine wundervolle Anerkennung an unsere aller Arbeit und somit eine wertgeschätzte Auszeichnung für unseren Film. Das ganze Team hat sich riesig über den Preis gefreut und mich erfüllt es mit großer Freude, diese Bestätigung von einem Genrefilmfestival zu bekommen, dass wir da was Vernünftiges abgeliefert haben.

Bei der Diagonale rechne ich mir keine großen Chancen aus. Ich muss auch gestehen, dass ich mir sehr schwer tue, die Einreichkriterien dieses Festivals abzuschätzen, aber wir werden auf jeden Fall einreichen und ich würde mir wünschen, einmal auf diesem Festival zu laufen.

© Loom

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HMC: Wie siehst du generell die Zukunft der Indie-Szene?

Müller: Ich würde jetzt so gerne große, hoffnungsvolle Worte finden, aber das ist schwer: Ich bin sehr müde von den letzten Jahren und in Österreich werden Filmemachern, die außerhalb des Systems etwas erschaffen wollen, ausschließlich Steine in den Weg gelegt. Wer nichts zum gängigen österreichischen Film beiträgt, sondern etwas anderes macht, etwas Eigenes und Kreatives, wird sehr belächelt und von fast allen Seiten boykottiert.

Ich glaube, die Zukunft der Indie-Szene und des österreichischen Films hängt nicht nur von den Filmemachern ab, sondern vor allem vom Publikum. Wenn Indiefilmer hier alles in ihrer Macht Stehende tun, um dem Publikum zu zeigen, dass es auch österreichisches Kino geben kann – und ich wähle bewusst das Wort Kino, denn es gibt genug österreichischen Film, aber es gibt wenig bis gar kein österreichisches Kino -, dann muss das Publikum auch die Initiative ergreifen und in diese Filme reingehen.

Ich begegne vielen Leuten, die mir sagen, wie interessant sie die Idee von „Tartarus“ finden und dass sie mitbekommen haben, dass er im Kino läuft, aber ihn halt nicht angeschaut haben, weil sie lieber auf die DVD warten. Und die DVD haben sie sich aber auch noch nicht geholt und fragen mich dann, ob er nicht eh irgendwann im Fernsehen läuft.

Wir Indiefilmer erarbeiten keine Spielfilme, wir erkämpfen sie, und wenn niemand unsere Filme im Kino anschaut, dann können wir uns nicht nur keine DVD-Herstellung leisten, sondern dann wird sich auch der österreichische Filmmarkt nie ändern. Und auch wenn Indiefilme ihre Schwächen haben und technisch nicht immer so ausgereift sind, wie die der großen Kollegen, so findet man in ihnen oft weitaus mehr Liebe, Mut und Herzblut, als in den meisten großen Produktionen.

Nur wenn die Zuschauer diesen Filmen eine Chance geben, können neue Generationen von Filmemachern, ausgestattet mit besseren finanziellen Mitteln, der österreichischen Filmindustrie endlich mal etwas Feuer unterm Arsch machen und dafür sorgen, dass mal endlich großes Kino made in Austria frischen Wind in unsere Lichtspielhäuser bringt.

Das Interview führte Rodja Pavlik

Rezensionen: „Legende“, „Tartarus“ , „Biest“

INFO: www.loom.at; www.baldkommtdasbiest.com; www.flyoli.net

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14. Mai 2014 at 15:40

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Homesick – Die Crowd im Prozess des Filmschaffens

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Wolfgang Gumpelmaier ist so was wie der Guru des Crowdfunding in Österreich. Für seinen Blog Socialfilmmarketing.com interviewte er den Filmemacher Jakob M. Erwa über die Finanzierung seines Thrillers „Homesick“ (über den hier auch schon mal berichtet wurde) durch Crowdfunding. Dabei ging es nicht nur um die Erreichung des finanziellen Zieles, sondern auch um weitere nützliche Aspekte der Crowd im kreativen Prozess des Filmeschaffens an sich. Der Artikel wurde freundlicherweise dem HomeMovieCorner zur Verfügung gestellt.

Der Grazer Regisseur und Autor Jakob M. Erwa erhielt für sein Drama “Heile Welt” 2007 den Großen Diagonale-Preis und ist unter anderem auch durch die ORF-Serie “tschuschen:power” bekannt. Aktuell arbeitet er am Thriller “Homesick“, der zum Teil via Crowdfunding finanziert wurde. Dazu habe ich ihn bereits vor einigen Wochen im Crowdfunding-Talk auf ununi.TV interviewt. Generell spielt die Crowd im Prozess des Schaffens bei Jakob aber eine sehr große Rolle, daher habe ich ihn noch einmal zum Interview gebeten:

Wolfgang: Hallo Jakob, du arbeitest aktuell an deinem Spielfilm “Homesick“. Worum geht’s darin?

Jakob: HOMESICK erzählt die Geschichte der ehrgeizigen Cello-Studentin Jessica, die gerade mit ihrem Freund Lorenz zusammen in ihre erste gemeinsame Wohnung zieht. Als sie die ehrenvolle Einladung erhält, Deutschland bei einem internationalen Klassik-Wettbewerb zu vertreten, ist dies ihre große Chance – gleichzeitig bedeutet es aber auch enormen Druck. Zusehends beginnt sich ihre Anspannung in den Alltag zu nagen und schon bald scheinen Realität und Einbildung zu verschwimmen.

Wolfgang: Im Rahmen der Arbeit zu diesem Thriller kommuniziert ihr viel mit der Crowd, also eurem späteren Publikum. Wie sieht diese Kommunikation aus?

Jakob: In erster Linie nutzen wir Facebook, weil da einfach die meisten User online sind. Schon in der Castingphase habe ich die Facebook-Seite gestartet und die Leute konnten sich zunächst über’s Casting erkundigen und bewerben. Später haben wir sie umgemodelt und jetzt dient sie als offizielle Film-FB-Seite. Hier poste ich immer wieder neue Schritte, manchmal auch Artikel zum Thema, den Stand der Dinge oder einfach Gedanken zum Projekt. Das Publikum ist also ziemlich nah dran, was so passiert bei uns. Ob positiv oder negativ 😉 Außerdem versuchen wir auch unsere Startnext-Seite (Crowdfunding) aktuell zuhalten, was zugegebenermaßen eher mittelmäßig gut funktioniert. Und seit dem Dreh twittern wir auch.

Wolfgang: Mich interessiert vor allem das Dialogische an dieser Kommunikation. Welchen Mehrwert schafft die Crowd innerhalb des Filmschaffens-Prozesses?

Jakob: Speziell in der Vorbereitungszeit habe ich versucht, die “Crowd” miteinzubeziehen und immer wieder Fragen gestellt, was bei Requisiten begann und bis zur Mitabstimmung einer Nebenrolle über Casting-Video-Vergleich ging. Das war sehr spannend… Auch im Schnitt haben wir zu einem Testcreening eingeladen oder die ersten Poster-Entwürfe gepostet und die Leute abstimmen lassen. Das hilft sehr, weil man einen ersten Eindruck bekommt, was ankommt, und was weniger.

Wolfgang: Als Crowdfunding-Prämie gab’s auch die Teilnahme am Testscreening. Inwiefern half euch das Feedback den Film zu optimieren?

Jakob: Das Testscreening hat uns sehr geholfen, zumal wir durch einen anonymen Fragebogen und eine anschließende Diskussionsrunde ein sehr detailliertes Feedback bekommen haben und speziell auf Punkte und Stellen im Film eingehen konnten, wo wir selbst noch nicht ganz sicher waren. Speziell was Verständnis und Wirkung betrifft. Diese aller erste mehr oder weniger öffentliche Vorstellung vor einem Publikum war sehr aufregend, aber auch sehr hilfreich und hat uns geholfen, nochmals viel aus dem Film rauszuholen und den finalen Schnitt zu erstellen.

Wolfgang: Ist das die Zukunft des Filmemachens? Also eine direkte und ganz enge Zusammenarbeit mit der Crowd?

Jakob: Ich glaube, das ist ein Weg, wie man künstlerisch arbeiten kann. Aber ich würde nicht sagen, dass dieser Weg für alle Filmemacher und für jedes Projekt stimmen muss. Hier hat’s mich sehr interessiert. Vielleicht weil ich einfach auch selbst ein Marketing-Fan bin und gerne neue Wege ausprobiere. Mal sehen, welchen Weg mein nächstes Projekt einschlagen wird…

Wolfgang: Apropos nächstes Projekt? Wann startet Homesick und was kommt danach?

Jakob: Die Postproduktion und Fertigstellung von “HomeSick” wird noch bis etwa Juli dauern. Dann ist erstmal eine Festivalauswertung geplant. Ob und wann es dann einen regulären Kinostart gibt (oder ob wir auch in der Auswertung alternative Wege einschlagen wollen ;-)), steht noch in den Sternen. Jedenfalls erfahren wir jetzt schon gesteigertes Interesse. Irgendwie muss sich das Projekt wohl bereits ein wenig herumgesprochen haben, denn schon jetzt schreiben uns Filmfestivals an und wollen einen Screener sehen. Das freut mich, dann haben wir wohl zumindest im Social Media Marketing etwas richtig gemacht… 😉

Zu neuen Projekten kann ich bislang nur sagen, dass ich an drei weiteren Büchern arbeite. Eines ist die Verfilmung des Erfolgsromans “DIE MITTE DER WELT” von Andreas Steinhöfel. Dass ich da nach langem Kampf die Verfilmungsrechte bekommen habe, freut mich sehr, denn es ist eines meiner pesrsönlichen Lieblingsbücher. Und ich bekomme Zuschriften aus aller Welt, weil viele Menschen auf eine Verfilmung warten…

Wolfgang: Vielen Dank, Jakob, klingt spannend. Ich denke, wir hören/lesen hier an dieser Stelle nicht das letzte Mal von dir und freue mich auf den fertigen Film!

Wolfgang Gumpelmaier
Gumpelmaier.net

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5. Mai 2014 at 09:12

„Das letzte Land“-Regisseur Marcel Barion im Interview

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© Lichtzeitwerke

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Vor kurzem wurde hier über Marcel Barions Sci-Fi-Projekt „Das letzte Land“ und seine geplanten handgemachten Effekte berichtet. Andreas Winterer hat für die Netzzeitschrift evolver.at den deutschen Filmemacher interviewt und detailliertere Informationen erhalten. Der Artikel wurde freundlicherweise dem HomeMovieCorner zur Verfügung gestellt.

„Irgendwo zwischen Finden und Erfinden“

Für 8.500 Euro (Anm.: Letztendlich wurde die Crowdfunding-Summe von 13.175 Euro erreicht) machen ein paar Leute 90 Minuten Science-Fiction-Film. Grund genug, mit einem davon ein viel zu langes Interview zu führen: über „Alien“, Philosophie und Filmemachen.

In meinem Regal steht ein Buch mit dem schönen Titel „Feature Filmmaking at Used-Car Prices“. Ich bin nur leider nie über zwei Minuten Video hinausgekommen, in denen allerlei Gegenstände – UFOs, Mandarinen, bemalte Festplatten – durch ein (im Rückblick gar nicht so übles) Sternenmeer flogen. Umso großartiger finde ich, dass eine Gruppe Filmfans aus Nordrhein-Westfalen zum Gebrauchtwagenpreis von 8.500 Euro (per Crowdfunding gesammelt) einen abendfüllenden Science-Fiction-Film drehen will und wird.

Ich unterhielt mich mit Marcel Barion, der bei „Das letzte Land“ unter anderem für Regie, Buch und Musik zuständig ist (und sich bestimmt über noch ein paar weitere „crowdgefundete“ EU-Dollars freut).

EVOLVER: Welche SF-Filme haben dich geprägt?

Marcel Barion: „Krieg der Sterne“ (1977), „Explorers“ (von Joe Dante; 1985), „Alien“ (1979) und „2001“ (1969). Auch „Solaris“ (1972) und „Blade Runner“ (1982) und insbesondere der erste „Star Trek“-Film (1979). Ich hab auch einiges übrig für „Barbarella“ (1968), „Forbidden Planet“ (1956), „Dune“ (1984) und auch „Spaceballs“ (1987). Aber das sind natürlich alles keine großen Geheimtips. Ein wenig geheimer wäre da schon „Star Crash“ (1978), und noch etwas geheimer „Mutant – das Grauen im All“ (1982) oder „Star Crystal“ aka „Die Todesgalaxie“ (1986) …

Fast hätte ich „Dark Star“ (1974) vergessen: Die Situation in „Das letzte Land“ ist ja gut mit der in „Dark Star“ vergleichbar. Allerdings soll unser Film komplett anders aussehen, eine ganz andere Atmosphäre haben und ganz andere Gefühle auslösen als „Dark Star“ – und nachher übrigens auch in eine ganz andere Richtung gehen …

In diesem Punkt könnte man viel eher „Alien“ als Vorbild nennen.

© Lichtzeitwerke

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EVOLVER: Wir lieben „Alien“! Was macht diesen Film nur so besonders?

Marcel Barion: Für mich ist das Besondere an „Alien“ nicht das Alien. Das ist natürlich toll, aber vor allem mag ich die Sets und die Ausstattung, also die Nostromo und den Planeten, auf dem sie die Eier finden, das ganze Design von Armaturen, Computern, Wänden, Gängen, Landschaften und Kostümen. Und all das in diesem unglaublich guten Licht. Das Licht in „Alien“ formt die Gegenstände und Gesichter ganz entscheidend mit, und darüber hinaus pulsiert es oder blitzt oder ändert die Farbe oder macht ganz wirre Sachen. Manchmal bleibt es auch extra weg, damit irgendwas ins Dunkle verschwinden kann. Und dann sind da diese vielen, ganz exakt gesetzten Atmo-Effekte, wie Dunst, Funken, ausströmendes Gas … dazu diese ganze Oberflächenbearbeitung von Sets und Requisiten, der Schmutz, der Staub, das Kondenswasser. Sehr ähnlich hat es Ridley Scott auch in „Blade Runner“ gemacht, den ich für die gleichen Dinge besonders mag.

In „Alien“ wird außerdem ein ganz bestimmtes Universum gezeichnet. Man kann hier nicht schnell von einem Planeten auf den nächsten reisen wie in so mancher „Star Wars“-Situation. Dort wohnt nicht immer wieder ein neues, interessantes Volk von Außerirdischen wie in „Star Trek“, mit denen man sich wieder neu prügeln kann. In „Alien“ neigt der Weltraum dazu, gefährlich und tief und unerforscht und auf eine bestimmte Weise öde zu sein. Aber „stylisch öde“, sodass es schön ist. So wie eine schöne Wüste. Allerdings gewinnt man diesen Eindruck in „Alien“ vorwiegend auf einem einzigen Planeten und durch den Fund, den man dort macht.

Wir würden mit unserem Film gern einen ganz ähnlichen Eindruck erzeugen, dabei aber ganz verschiedene Ecken des Weltraums zeigen – das wäre dann ein Unterschied zu „Alien“.

EVOLVER: Was noch?

Marcel Barion: Die Raum- und Zeiterfahrungen, die man in „Alien“ machen kann. Es gibt viele Filme, die den Weltraum entschleunigen – „2001“ hat das ja ganz exzessiv gemacht, der erste „Star Trek“-Film auch noch. Doch „Alien“ hat genau das Timing, das mir gefällt. Und das zusammen mit der Erfahrung von Räumlichkeit, durch Bewegungen der Kamera durch den Raum hindurch, immer im richtigen Moment, um dann wieder ein ganz statisches Bild zu liefern.

Das ist schwierig in Worte zu fassen. Man muss sich einfach nur den Anfang anschauen, wenn die Kamera das menschenleere Schiff durchfährt. Jede Kameraeinstellung ist exakt, und jede Bildkomposition stimmt und bleibt auch stimmig, selbst wenn die Kamera fährt oder wackelt. Ich mag es, wenn die Kamera so genau ist.

Die Nostromo wurde so gebaut, wie wir auch unser Raumschiff bauen – im Prinzip. Der Unterschied ist, dass sich die Leute von „Alien“ auf Flugzeugschrottplätzen bedienen konnten und wir bisher vorwiegend alte Computer und Elektrogeräte ausgeschlachtet haben. Aber große Teile auseinanderzunehmen, um viele kleine Teile zu bekommen, diese dann neu anzuordnen und miteinander zu kombinieren – das ist das verbindende Prinzip. Sogar diese komischen, äußeren Organe des Facehuggers sollen laut Ridley Scott ja Meeresfrüchte vom Laden um die Ecke gewesen sein, nur eben in einen bestimmten, neuen Zusammenhang gebracht …

Übrigens ist diese andere Seite an „Alien“ nicht weniger interessant. Nämlich, dass H.R. Giger viele Gegenstände, Räume usw. entworfen hat und die genau nach seinen Designs entstanden. Hier greift das beschriebene Prinzip nicht, nichts wurde gepuzzlet und neu zusammengesetzt, sondern eher aus dem Nichts heraus gestaltet. Das ist eine Methode, die ein ganz anderes Arbeiten erfordert und die wir z. B. eher bei unseren Miniatur-Landschaften anwenden würden, nicht aber beim Setdesign.

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EVOLVER: Wenn ich moderne SF-Filme sehe, habe ich manchmal das Gefühl, immer den gleichen Film zu sehen …

Marcel Barion: Ich kenne dieses Gefühl – oder jedenfalls kenne ich eines, das man ähnlich beschreiben könnte. Ob das wohl eher an den Filmen liegt oder eher an den Zuschauern oder an beiden Seiten in ähnlicher Gewichtung?

Zumindest wären da ganz verschiedene Faktoren zu beachten. Was ist zum Beispiel mit der Nostalgie? Was ist mit dem Retro-Gefühl? Und wie steht es mit dieser Aura der Authentizität? Wie wirken sich solche Gefühle auf die Filmrezeption aus und die Wertschätzung, die man einem Film entgegenbringt? Was ist mit der Erinnerung an eine Filmerfahrung aus der Kindheit? Wie wirkt sich die auf denselben Film aus, wenn man ihn als Erwachsener wiedersieht? Wie steht es mit Fortschrittspessimismus? Gibt es Leute, die einen Film nur deshalb nicht mögen, weil er einfach neu ist? Gibt es vielleicht einen Filmkanon in unserem Köpfen – und wenn der voll ist, dann ist er voll?

Ein anderes großes Thema ist der Stellenwert von CGI. Was treibt uns bei unserem Projekt eigentlich dazu, auf CGI zu verzichten? Ich würde ganz polemisch sagen, weil es CGI nicht immer bringt. Weil es allzuoft falsch aussieht. Weil Modelle und optische Tricks vielleicht immer schon irgendwie „besser“ waren. Aber das wäre dann wohl nur eine Geschmacksaussage. Oder gar Handwerksromantik? Ist das vielleicht alles eine Reaktion auf die Digitalisierung der Welt? Ich wüsste das jedenfalls auch gern.

EVOLVER: Was macht einen SF-Film zum Flop?

Marcel Barion: „After Earth“ (2013) gilt ja z. B. als Flop. Aber man könnte sich natürlich auch mal genauer anschauen, wie so eine Zuschreibung überhaupt zustandekommt. Der Film ist jetzt ein Flop, weil er an seinem Eröffnungswochenende 27 Millionen Dollar eingespielt hat, und da er 130 Mio. gekostet hat, klingt das dann nicht so toll. Wenn unser Film Das letzte Land an einem Wochenende 27 Mio. Dollar einspielen würde, würden wir womöglich als die größten Helden gefeiert, aber einzig und allein deshalb, weil wir den Film für weniger als 15.000 Euro gemacht haben würden. Trotzdem hätten beide Filme ja sozusagen dieselbe Aufmerksamkeit erhalten. Es gäbe diesbezüglich überhaupt keinen Unterschied.

Doch irgendwie scheint es eine Rolle zu spielen, wie viel man ausgegeben hat, um den Film zu machen. Es ist also ein vorwiegend ökonomisches Denken, das darüber entscheidet, welcher Film nun Top oder Flop ist. Das ist zwar keine besonders neue Erkenntnis, aber es ist immer gut, sich klar zu machen, wie bekloppt dieses Denken zuweilen sein kann. Dasselbe gilt übrigens für die Zahl, ja, wirklich die Zahl (!) der Oscars, die ein Film erhält. Der Film mit den meisten Oscars hat gewonnen … ziemlich bekloppt, oder?

Die richtigen Tops sind vielleicht die Filme, die in Erinnerung bleiben. Und es ist schade, dass erinnerungswürdige Filme manchmal aus ganz blöden Gründen in Vergessenheit geraten. Zum Beispiel wäre der „Drachentöter“ von 1981 heute sicherlich viel mehr im Gespräch, wenn er nicht zufällig im selben Jahr wie „Jäger des verlorenen Schatzes“ herausgekommen wäre. Indiana Jones in allen Ehren, aber den „Drachentöter“ kennen heute nur noch wenige, obwohl er einen ziemlich guten Go-Motion-Drachen hat. Natürlich hat er noch mehr als den, aber dieser Drache war nun mal ein Meilenstein der Trickgeschichte – besser als Smaug, will ich meinen.

EVOLVER: Magst du denn Fantasy? Da gibt es ja noch weniger gute Filme als in der SF.

Marcel Barion: Ja. Ich hab was übrig für „Willow“, für „Legende“, besonders für „Der Herr der Ringe“; auch „Conan“, „Der Drachentöter“ und solche Dinger. Also wirklich Sword and Sorcery. Da gibt es ja auch einige Perlen. Ich habe gesehen, dass du unlängst „Einer gegen das Imperium“ besprochen hast. Das ist ja sogar ein oller Hybrid aus Fantasy und SF.

Ich hab´ ja auch einen Fantasy-Film gemacht: „Aloryon“. Der ist allerdings eher im Amateurbereich anzusiedeln und als Freizeitprojekt zu betrachten. Es hat daher auch zehn Jahre gedauert, bis er fertig war.

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EVOLVER: Gehören Philosophie und SF zusammen?

Marcel Barion: Diese Frage kann man am besten philosophietheoretisch beantworten. Haha, das hört sich gut an! Man kann sagen, Philosophie entspringt dem Vermögen, gleichermaßen staunen und zweifeln zu können. Philosophie beginnt da, wo man sich nicht so recht entscheiden kann, ob man einfach baff und geplättet bleiben will oder vielleicht doch besser mal nachforschen sollte. In diesen Zustand kann man entweder dann geraten, wenn man sein eigenes Alltagserleben so weit relativiert, dass man plötzlich schon über scheinbar simple Dinge in Staunen und Zweifeln gerät, wie etwa darüber, dass es keine gleichen Gesichter gibt oder dass alle Menschen aus allen Zeiten denselben Mond gesehen haben … Oder man wird mit ein wenig Gewalt von außen in diesen Zustand versetzt, zum Beispiel, indem man sich der Aussicht von einem Berggipfel aussetzt oder indem man eben einen Film sieht, der dann irgendwas mit einem anstellt.

Filme können einen philosophieren lassen, indem sie wie große Rätsel erzählt oder bildgewaltig sind oder Dinge zeigen, die man noch nie gesehen hat, oder Figuren zeichnen, die ganz widersprüchliche Dinge tun. Eben, indem sie einen staunen und gleichzeitig zweifeln lassen. Und das Genre der Science Fiction eignet sich ganz besonders dazu, sowas auszulösen, auch dann, wenn man sonst kein allzu großer Philosoph ist.

Science Fiction kann diese Haltung auch in einem Menschen auslösen, der sie aus freien Stücken eher selten einnimmt. Natürlich können das auch andere Genres leisten – aber das Weltall oder die Zukunft, das sind schon staunens- und zweifelnswerte Dinge per se. Man könnte sogar darüber nachdenken, ob der Nachthimmel nicht vielleicht immer schon ein gewisses Staunens- und Zweifelnspotential gehabt haben könnte und darum einen bestimmten Beitrag zum Entstehen des Philosophierens geleistet hat …

EVOLVER: Das Thema des einsamen Raumschiffs ist ja nicht sooo neu …

Marcel Barion: Ja, da gibt es zum Beispiel „Explorers“ von Joe Dante sowie „Spaceballs“ von Mel Brooks. In beiden Filmen gibt es ein kleines Raumschiff, und aus irgendwelchen Gründen mochte ich das.

Aber beide Filme verhielten sich zu der Raumschiffsache nicht ganz so, wie es mir uneingeschränkt gefallen hätte. Ich hatte dann lange ein ganz einfaches Bild von zwei oder drei Leuten in einem kleinen Raumschiff im Kopf, in einem bestimmten, verdreckten Stil, und sinnierte auch schon mal gern mit dem Kai Naumann darüber. Als mein alter Freund Massimo Müller dann irgendwann mal Schreiner war und ich den Johannes Bade kennenlernte, der unter anderem eine leere Halle zur Verfügung hatte (in der ein Schreiner ein Raumschiff bauen könnte), war alles nur noch eine Frage der Zeit …

EVOLVER: Anders als unsere Ahnen haben wir die Möglichkeit, bereit in jungen Jahren praktisch alles schon gesehen zu haben, während Grandpa ja noch ins (Untergrund-)Kino mußte, um „El Topo“ oder „Tetsuo“ zu sehen. Verändert das das Filmemachen?

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Marcel Barion: Es gibt für den Film keine Gegenwart, anders als beim Theater. Das Theater existiert immer nur im Moment der Aufführung, doch Filme müssen sich speichern lassen, um überhaupt Film zu sein. Wir können unsere Gegenwart daher ausfüllen mit medialer Vergangenheit, das macht unsere Fernseher oft zu Zurücksehern. Ich kann gleichzeitig „Nosferatu“, „Casablanca“, „Persona“, „Rambo 2“, „Die Blechtrommel“, „Pulp Fiction“ und „Gravity“ laufen lassen. Ich bekomme verschiedenste Ansätze mit, die Welt zu betrachten, kann verschiedenste Wertvorstellungen, Kulturspezifika, Perspektiven, Stile, Geschwindigkeiten, Intensitäten usw. wahrnehmen und verstehen lernen.

Kann sein, dass man dadurch tolerant wird gegenüber Widersprüchen. Dass man nicht unbedingt alles mit ja oder nein beantwortet haben muß, sondern lernt, etwas zunächst neutral zu beobachten und dann für die aktuelle Situation einzuschätzen. Das ist eher gut. Es gibt Leute, die nennen das Bildung. Aber es kann sicherlich auch passieren, dass man gleichgültig wird, indifferent, dass einem egal ist, wie etwas ist. Alles scheint irgendwie gut. Das ist eher schlecht.

Ich glaube, ein Filmemacher befindet sich immer irgendwo zwischen Finden und Erfinden, oder zwischen Formulieren und Umformulieren, oder zwischen Machen und Andersmachen. Werner Herzog hat in der Doku, wo er seinen Schuh isst, das Filmemachen mit dem Kochen verglichen. Das finde ich ziemlich interessant. Ich weiß nicht, ob er es so gemeint hat, aber es bringt einen auf den Gedanken, dass man es beim Filmemachen vielleicht immer mit Zutaten zu tun hat, für die man nicht selbst verantwortlich ist – und nur die Mischung, die Garzeit, die Gewürze, die Geräte und überhaupt das ganze Handwerk … all das macht dann einen neuen Film draus.

Tarantinos Filme werden immer schnell als Paradebeispiele herangezogen für eine gewisse Praxis des Zitierens, der Hommage, der Bricolage und so weiter – was man gern als postmodernes Kino bezeichnet. Aber das muss gar nicht dermaßen offensichtlich betrieben werden. Vielleicht gilt das ja für sehr viele Filmemacher: Man sieht etwas und denkt sich: So muss ich das auch machen, aber nur fast so … ja, das muss schon noch komplett anders sein! Damit kann man Bildkompositionen meinen, Atmosphären, Handlungsabläufe, Ausstattungsstile, Charaktere … Man interessiert sich dafür, wie es die anderen gemacht haben, und oftmals auch, wie es gerade die „Großen“ gemacht haben. Man hat vielleicht sogar Vorbilder.

Obwohl ich viele Regisseure sehr mag, auch sehr unterschiedliche, schaue ich mir doch immer gerne an, wie es Spielberg gemacht hat. Aber auch Spielberg hat sich damals schon angeschaut, wie es beispielsweise Frank Capra gemacht hat. Man denke etwa auch an Truffaut und wie er Hitchcock in einer langen Interview-Reihe quasi immer wieder fragte: Wie haben Sie das gemacht?

Vielleicht sind Filmemacher immer erstmal Filmfans. Zwar gibt es sicherlich auch einige, die das so nicht sagen würden, aber dann meinen die damit ganz bestimmt nicht, dass sie den Film an sich, also das Kino nicht mögen würden. Filmemacher sind mit Sicherheit immer Menschen, die grundsätzlich mögen, was sie tun. Und dann liegt es nahe, dass sie einander nacheifern, sich hier und da vielleicht gegenseitig zitieren, manchmal sogar voneinander abkupfern. ich habe mal einige Szenen aus „Trappola Diabolica“ von Bruno Mattei analysiert, die bis ins kleinste Spielberg und seinen Indiana Jones kopiert haben. Was war das? Plagiat? Oder Ehrerbietung? Das kann man gar nicht so einfach sagen. Selbst bei so jemandem wie Mattei nicht, der zum Exploitationfilm gezählt wird, das ist die nettere Bezeichnung für Ausbeutungsfilm …

Die Grundhaltung, die du meinst, gibt es also mit Sicherheit schon lange. Schon viele Jahre vor VHS, DVD und Blu-ray. Aber natürlich machen es einem diese neuen Medien und natürlich auch das Internet leichter, mehr zu sehen und mehr zu kennen und damit auch seine Zutatenliste immer mehr zu erweitern. Kochen aber muss man letztlich immer noch selber. Und ganz bestimmt können auch immer mal wieder komplett neue Rezepte erfunden werden.

Andreas Winterer

INFO: www.dasletzteland.de – Crowdfunding-Site: www.startnext.de/dasletzteland – Facebook-Site: www.facebook.com/DasLetzteLand

Teaser

Crowdfunding-Video

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29. April 2014 at 05:24

Proll Out – Vom Hörspiel auf die Leinwand

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(copyright Thomas Zeug)

(copyright Thomas Zeug)

Für das deutsche Filmemacher-Magazin „zoom“ (Ausg. 5/2013) habe ich voriges Jahr den Animationsfilmemacher und Autodidakten Thomas Zeug über seinen 3D-Film „Quiqueck & Hämat: Proll Out“ interviewt. Den Artikel darf ich nun mit Genehmigung von „zoom“ hier veröffentlichen.

Zeugs „Quiqueck & Hämat: Proll Out“ wird übrigens am 21. März 2014 im Rahmen eines Sci-Fi-Double-Features zusammen mit „Cut Character von Stephan Lenzen und Thomas Manglitz im Wiener Tonkino Saalbau gezeigt. Weitere Infos folgen noch.

– – –

Die Frage, ob es irgendwo da draußen im Weltall intelligentes Leben gibt, kann Thomas Zeug ganz klar beantworten: Nein! Der 26-jährige Regensburger hat in seiner Freizeit mit der Sci-Fi-Komödie „Quiqueck & Hämat: Proll Out“den wohl aufwändigsten Independent-Animationsfilm Deutschlands gedreht.

Der Weltraum, unendliche Blödheiten. Wir schreiben das Jahr 2013. Dies sind die Abenteuer von Quiqueck und Hämat, die mit ihrem Raumschiff, der QSS Bulldock, unterwegs sind, um die Erde und das Leben ihrer Bewohner zu erforschen. Viele Lichtjahre von ihrem Heimatplaneten entfernt dringen die beiden schusseligen Raumfahrer in Sphären vor, die nie ein Quiquillaner zuvor gesehen hat – erst recht nicht in 3D. Doch ihre Forschungsmission wird von fiesen Prollianern sabotiert, die nur eines im Sinn haben: Gigantische Raumschlachten mit ohrenbetäubenden Explosionen, unterlegt mit einem fantastischen Musikscore – und das im Weltall, wo es eigentlich keinen Schall gibt.

(copyright Thomas Zeug)

(copyright Thomas Zeug)

Schnitt auf: Thomas Zeug, seines Zeichens Erdling. Der 26-jährige Bayer ist der geistige Vater von Quiqueck und Hämat und entwirft hauptberuflich als Creative Motion Artist 2D- und 3D-Grafiken. In seiner Freizeit allerdings hat er schon in Teenie-Jahren mit dem Filmen angefangen, wobei sich der autodidaktische Schwerpunkt von Real- zunehmend auf Animationsfilme fokussierte. Haupthelden seiner auch mit Preisen ausgezeichneten Geschichten damals waren animierte Lego-Männchen („Zurück in die Zukunft I + II“, 2003 und 2005 ) bzw. ein Kreis mit zwei Augen, Nase, Mund und zwei Händen und Füßen, genannt Rolly („Rolly im Waffenmuseum“, 2005). Und genau diese „Kindergartenzeichnung“ sollte der bis dato größte Erfolg des Regensburger werden. 2007 versuchte nämlich Rolly in „Rollygeddon“ – eine Persiflage auf den Katastrophenthriller „Armageddon“ (1998) von Michael Bay – die Erde in einer Laufzeit von knapp über 30 Minuten vor einem Asteroiden zu retten. Der Film wurde mehrfach preisgekrönt, unter anderem erhielt Zeug im Beisein des Comedian und Regisseurs Michael „Bully“ Herbig den mit 10.000 Euro dotierten Rookie-Award bei der Jupiter Verleihung 2008.

Noch lange nicht genug

Seit „Rollygeddon“ hat sich viel getan: Zeug hat sein Hobby zum Beruf machen können und arbeitet nach einer Ausbildung als Mediengestalter Bild und Ton nun bei der Sendergruppe ProSiebenSat.1. Ganz ausgelastet dürfte er dabei nicht sein, denn seit 2008 tüftelte er an seinem wohl ehrgeizigstem Projekt, dem 3D-Animationsfilm „Quiqueck & Hämat: Proll Out“, der 2013 seine Premiere feierte.

(copyright Thomas Zeug)

(copyright Thomas Zeug)

Die 53-minütige Komödie basiert auf einem von Thomas Zeug entworfenen Hörspiel-Podcast mit 36 Folgen, die er großteils 2006 für ein Web-Radio aufgenommen hat. Darin geht es um Quiqueck und Hämat, zwei Abgesandte des Nebulanischen Bundes, die die Menschen beobachten sollen. Durch ein Missgeschick werden ihre Berichte aber nicht zu ihrem Heimatplaneten geschickt, sondern auf die Erde ausgestrahlt. Schon beim Schreiben hatte Autor Zeug so starke visuelle Eindrücke in sich, dass er unbedingt mit den beiden Außerirdischen einen Film machen wollte: „Der Vorteil der filmischen Inszenierung liegt vor allem darin, dass man komplexere Geschichten erzählen kann, da sich die Charaktere nicht lange damit aufhalten müssen, die Umgebung zu beschreiben oder dem Zuhörer klar zu machen, wo sie gerade sind. Beim Film sieht man das einfach“, erzählt Zeug. „Bei ‚Proll Out‘ habe ich schon bei der Storyentwicklung darauf geachtet, möglichst bildbezogene Handlungsstränge zu entwickeln. Eben das, was in den Hörspielen nicht möglich war. Verfolgungsjagden und große Actionszenen bieten sich für so was natürlich an.“

Durch die große Anzahl an Hörspiel-Folgen konnten sich die Figuren und ihr Umfeld sehr stark entwickeln und festigen. „Quiqueck und Hämat haben mit der Zeit ihren jeweils eigenen unverwechselbaren Charakter entwickelt. Auch durch die Möglichkeit, Sachen einfach ausprobieren zu können, habe ich viel gelernt. Ein Hörspiel ist im Vergleich zum Film relativ unaufwändig zu produzieren. So kann man einiges viel leichter austesten und üben. Gerade das Schreiben von lebendigen Dialogen und umgangssprachlichen Unterhaltungen konnte ich beim Film besser anwenden, da ich mit der Zeit gemerkt habe, was funktioniert und was nicht“, erklärt Zeug, warum die Hörspiel-Serie die perfekte Vorbereitung für den Animationsfilm war.

(copyright Thomas Zeug)

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Bis an die Grenzen des Machbaren – und darüber hinaus

Mit „Rollygeddon“ war Thomas Zeug an die Grenzen seines bisherigen Animationsprogramms angelangt. Er brauchte neue Software. Zwar standen 2008 schon Open Source Programme wie Blender zur Verfügung, doch der Trickfilmer fand sie damals noch zu wenig intuitiv. Er hörte sich erst einmal bei Bekannten aus der Branche um und setzte schließlich auf Profi-Software wie Maxon Cinema 4D für die 3D-Animationen und Adobe After Effects fürs Compositing. „Als zahlender Kunde kann man einfach gewisse Ansprüche stellen. Ein Vorteil dieser Kombination ist auch, dass diese Programme stark zusammenarbeiten, obwohl sie von unterschiedlichen Herstellern sind“, meint Zeug.

Am Anfang entwickelte Zeug zuerst die Figuren, Schauplätze und Gegenstände. „Bei einem Animationsfilm muss ja alles aus dem Nichts erschaffen und virtuell neu gebaut werden. Orientierungshilfe ist da das Drehbuch“, erklärt Zeug. Danach erfolgt der zeitintensivste Schritt: Die Animation. „Hier muss jede kleine Bewegung von Figuren und Gegenständen händisch erstellt und bearbeitet werden.“ Zeichnerisches Talent sei hier nicht zwingend, gibt Zeug zu bedenken. „Wichtiger ist, dass man Details und Abläufe im Kopf hat, dann braucht man sie quasi am Rechner nur noch nachzubauen.“ Auch hier macht Übung den Meister. Brauchte Zeug am Anfang der Produktion für eine Sequenz einen halben Tag, schaffte er Gleichartiges gegen Ende in einer Stunde. „Zum Ende hin habe ich teilweise 30 bis 40 Sekunden Animation an einem Tag geschafft.“ Die aufwändigste Szene spielt sich auf Quiquill, dem Heimatplaneten der beiden Chaoten, ab: Die knapp einminütige Szene, an der drei Wochen lang gearbeitet wurde, beinhaltet über 80 individuell animierte Charaktere, sowie mehrere Raumschiffe und eine detaillierte Stadt samt Skyline. Besonders stolz ist Zeug auch auf die mit mehr als 3.000 Schaltern und Hebeln ausgestattete Brücke der QSS Bulldock.

(copyright Thomas Zeug)

(copyright Thomas Zeug)

Pro Einzelbild benötigte der Rechner durchschnittlich neun Minuten Renderzeit. Das klingt nach viel, aber Zeug weiß, dass bei komplexeren Bildern in Hollywood oft 50 Stunden pro Einzelbild gerendert wird. „Proll Out“ macht dann bei ca. 80.000 Einzelbildern 500 Tage Rechenleistung, rechnet der Animator vor – und das nur für die 2D-Version. „Das Rendern ist aber das geringste Übel, denn das geschieht ja von allein“, relativiert Zeug aber die zeitlichen Ausmaße: „Da kann man in die Arbeit gehen oder sich nachts schlafen legen.“ Um dem Film den letzten Schliff zu geben, griff Zeug auf das Wissen aus seiner Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton zurück: „Ich habe viel gelernt, was vor allem das reale Drehen und die Videotechnik angeht. So machen Kameras minimale Fehler, wie z.B. Rauschen oder Überbelichtung. So seltsam es auch klingt, aber man kann eine computergenerierte Szene dadurch realistischer wirken lassen, indem man genau diese Fehler einbaut.“

Und jetzt in 3D, bitte schön

3D hat Thomas Zeug schon immer fasziniert, sogar noch vor dem Hype um James Camerons „Avatar“. Aus diesem Grund hatte er sich schon lange vor „Proll Out“ über die Technik informiert und erste Tests gemacht. Er findet, dass 3D sich bei Animationsfilmen geradezu anbietet, da man es verstärkt und genauer einstellen kann als bei einem Realfilm. „Man rendert die Szene einfach in zwei leicht versetzten Blickwinkeln – fürs rechte und fürs linke Auge – raus, und wenn was falsch ist, rendert man es eben noch einmal.“

(copyright Thomas Zeug)

(copyright Thomas Zeug)

Seine Fortschritte bei „Proll Out“ überprüfte er anfangs noch mit einer Rot/Cyan-Brille, später mit professionellen polarisierten Monitoren. Ideen zur technischen Umsetzung holte er sich dabei von anderen Filmen. „Man kann mich des Öfteren dabei erwischen, wie ich im Kino in einem 3D-Film mal zwischendurch die Brille abnehme, um zu spicken, welche Kameraabstände die Profis so einsetzen. Da kann man viele Rückschlüsse auf die eigenen 3D-Shots ziehen und den einen oder anderen Trick konnte ich mir so schon von der Leinwand abgucken“, schmunzelt Zeug. „Allerdings habe ich 3D bei ‚Proll Out‘ immer mehr als Gag bzw. Zusatzfeature gesehen. Es gibt keine speziell geplanten Szenen dafür, da der Film wahrscheinlich auch zum Großteil in 2D gesehen wird.“

Im Animationsfilm hat Thomas Zeug auch einige Realszenen eingebaut. Ob es denn nicht ungewohnt sei, nach der ganzen Arbeit vor dem Computer auch mal mit echten Menschen zu drehen? Doch da winkt der Regisseur ab, da gebe es keinen Unterschied zwischen Realdreh und Animation: „Wenn man die Vision im Kopf hat, wie das Endergebnis aussehen soll, ist es nur noch das Rumwerkeln, bis es in die Tat umgesetzt ist.“

Ein Trickfilm lebt natürlich vom Sound. Zum Großteil stammen die Geräusche entweder aus dem Internet, wo Seiten lizenzfreie Sounds zum Tauschen anbieten, oder von Soundlibraries, die sich der Animator eigens für den Film gekauft hat. Einige Geräusche nahm der Filmemacher sogar selbst auf. So lieferte der CD-Wechsler seiner Stereoanlage das Motorengeräusch für die Solarpanels einer Mondsonde. „Ich bin mal mehrere Minuten auf meinem Bürostuhl rumgewetzt, nur um die passenden Effekte für das Knarzen von Quiquecks Captain-Sessel aufzunehmen.“ Den beiden Quiquillanern leiht Thomas Zeug seine Stimme, die bösen Prollianer werden von dem bekannten Synchronsprecher Santiago Ziesmer (u.a. Steve Buscemi, Steve Urkel oder Spongebob Schwammkopf) gesprochen. Den bombastischen Soundtrack komponierte der in Filmkreisen bekannte Florian Linckus, der für Zeug schon die Musik zu „Rollygeddon“ schrieb.

(copyright Thomas Zeug)

(copyright Thomas Zeug)

Nun ist „Proll Out“ abgeschlossen und der Film wird bei diversen Festivals eingereicht. Die 53 Minuten Spielzeit sind ein schwieriges Format und gehen weder als Kurz- noch als Langfilm durch. Zwar hat sich Thomas Zeug mit Benjamin Huber von Langmatt einen Filmproduzenten („Der Fall Max Mustermann“) ins Boot geholt, der Erfahrungen mit Kurzfilmprojekten und deren Vermarktung hat, aber wie es genau weiter gehen wird, weiß der Filmemacher selbst noch nicht. „Momentan arbeite ich an der DVD/Blu Ray zum Film, und dann müssen wir sehen, ob wir den Film selbst verkaufen oder über einen Vertrieb gehen.“ Zeug geht es ja auch nicht ums Geld verdienen. Zwar hat der Animationsfilm rund 12.000 Euro gekostet (die rund 10.000 Arbeitsstunden nicht eingerechnet), aber für ihn ist Filme machen vor allem ein Hobby.: „Es geht mir nicht darum, reich zu werden, sonst hätte ich lieber BWL studiert. Ich mache das in erster Linie, um mich kreativ auszuleben und Spaß daran zu haben. Das Ziel ist erreicht, wenn auch andere Menschen diesen Spaß spüren.“

Ein neues Projekt hat Zeug bereits in Angriff genommen, über das er aber noch nichts verraten will – außer, dass er es ebenfalls wieder independent stemmen möchte. „Ein großes Team ist ohne entsprechende Budgets nicht machbar. Und ich denke nicht, dass mir kleinem Hansl irgendein großes Unternehmen sein Geld anvertrauen würde“, gibt er sich bescheiden. Ob es ein Kurzfilm oder ein Spielfilm werden wird, liegt für ihn noch in den Sternen: „Ich plane eher kleine Projekte, was aber nichts heißen muss. ‚Proll Out‘ war anfangs ja auch nur als 10-minütiger Kurzfilm geplant. Ich möchte nicht wissen, wohin es ausufert, wenn ich mir mal einen 90-Minüter vornehme.“

Rodja Pavlik

INFO: Site von Thomas Zeug: http://www.filmzeugs.de; Quiqueck & Hämat-Site (Hörspiele): http://zwei-aliens.filmzeugs.de; Film-Site: http://prollout.filmzeugs.de; YouTube-Channel von Thomas Zeug mit jeder Menge Making Ofs: http://www.youtube.com/user/Jumperman

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6. März 2014 at 18:30

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Mania Pictures – Local Heroes aus Schwaben

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Der vorliegende Artikel wurde in gestraffter Form in „zoom – Magazin der Filmemacher“ (4/12) abgedruckt.

Herzlich willkommen in der Hesse-Stadt Calw

Im Schwabenland agiert die Filmgruppe Mania Pictures. Die Filmemacher bezeichnen sich selbst als Amateurfilmer – dabei haben sie einen Output an Spielfilmen, der selbst Profis erblassen lassen könnte. zoom sprach mit Drehbuchautor, Regisseur und Produzent Armin Schnürle über Sex, Action und lokale Power.

Willkommen in Calw in Baden Württemberg, mit mehr als 25.000 Einwohnern gerade noch so dem Rang einer Kleinstadt entkommen. Der berühmteste Sohn dieser Mittelstadt ist der Schriftsteller Hermann Hesse („Der Steppenwolf“), das Stadtbild ist von Fachwerksbauten geprägt. Aber das idyllische Äußere trügt, denn hier herrschen Sex, Drugs & Crime. Zumindest, wenn man den Filmen der Gruppe Mania Pictures glauben mag. Die Truppe rund um Mastermind Armin Schnürle gibt es seit 1987, seit 1993 sogar als eingetragenen Verein. Bisher entstanden 20 Spielfilme, deren Motto Entertainment pur lautet.

Mania Pictures wollen mit Mainstream unterhalten. Dabei schielt die Gruppe vor allem auf TV-Produktionen wie „Tatort“ oder „Alarm für Cobra 11“, aber auch Hollywood-Filmen wird gehuldigt. Ihren Durchbruch feierten die Filmbegeisterten vor allem mit ihrer „Tatort Calw“-Serie, die es bis dato auf vier Folgen und mit „SEK Calw“ eine indirekte Fortsetzung brachte. Die zweite größere Serie ist die 2011 zu Ende gegangene Trilogie „Village People“ über eine Gruppe von Freunden im fiktiven Schweinbach, die unter ständigem Geldmangel leidet und sich entweder mit großen Gangstern, alten Nazis oder der Pornoindustrie anlegt.

Mania Pictures beim Drehen und/oder Posieren

Armin Schnürle hat überhaupt kein Problem damit, als Amateur bezeichnet zu werden. Filmen sei für ihn ein Hobby, in das er fast seine komplette Freizeit reinstecke. Auch Zeit, die z.B. seinen Kindern zustehen würde, so der vom Film Besessene. Er übt bei Mania Pictures viele Funktionen aus, vor allem ist er aber Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Angefangen hat der 41-Jährige, der hauptberuflich als Firmenkundenberater bei einer Sparkasse tätig ist, mit dem Filmen bereits in den 1980ern – damals noch mit großen VHS-Kameras und Kassetten. „Da war auch die Montage oder besser ‚fliegender Schnitt’ mit zwei Videorekordern und Nachvertonung mit der Geräuscheschallplatte eine echte Herausforderung“, erinnert sich der Calwer im Interview. Nun sei man mittlerweile mit der Sony HVR Z7E im HD-Zeitalter angelangt. „Man muss dazu sagen, dass wir – was auch an meiner relativen technischen Unbedarftheit liegt – nicht gerade auf dem Stand der Zeit sind, sondern immer leicht hinterherhinken. Die DSLR-Geschichte geht uns derzeit noch völlig ab.“

Zum sonstigen Equipment zählen u.a. ein selbstgeschweißter, luftbereifter Dolly für glatte Böden und ein ABC-Leichtkran mit 4-Meter-Ausleger. „Anfang der 1990er hatten wir schon einen Kamerakran Marke Eigenbau mit Remote-Head, der mit Fischertechnik und Servos aus der Modellfliegerei zusammengebastet war. Eine technische Meisterleistung, aber leider sehr unhandlich und aufwändig“, erinnert sich Schnürle. Was nicht vorhanden ist, wird gemietet, wie eben ein Schienendolly oder Lichtequipment. Geschnitten wird auf einem Mac mit Final Cut Pro.

Und es kommt doch auf die Länge an

Etwas, das am Oeuvre der Mania Pictures auffällt, ist die Fixierung auf abendfüllende Spielfilme. „Mir gefällt einfach die narrative Struktur des Langfilms besser“, erklärt Schnürle: „Auch kann man einen Spielfilm nun mal anders ‚vermarkten‘ als einen Kurzfilm – Und dabei meine ich nicht so sehr den finanziellen Aspekt. Mit dem Langfilm kann ich eine abendfüllende ‚Show‘ machen. Und wenn man das einmal angefangen hat und ein ‚Stammpbulikum‘ hat, dann ist es schwer, davon wieder abzukommen. Wir verstehen uns eben als Macher von ‚Unterhaltungsfilmen‘.“

Schnürle filmt die Schönheit des Schwabenlands

Local Heroes

Armin Schnürle weiß, was er seinem Publikum schuldig ist. Er setzt auf Lokalkolorit. Das war nicht immer so – für den Film „Fallen Angel“ (2000) wurde u.a. in New York, Paris, London und Spanien gedreht. “Nach diesem Film dachten wir damals, dass wir uns als Amateurfilmer nicht mehr übertreffen könnten“, erinnert sich Schnürle. Doch weit gefehlt: „Unser Publikum sagte uns: ‚Dreht doch lieber mal was in Calw!’ Das war zum einen natürlich eine herbe Enttäuschung für uns, andererseits entdeckten wir so unsere Nische des lokalen Heimatkrimis. Dadurch entstand ein Wiedererkennungseffekt für den Zuschauer, der unser Erfolgsrezept wurde“, ist sich der Calwer sicher.

Und es hat seine Vorteile, in einem kleinen Teich der Hecht zu sein. „Die Stadt Calw und einige Institutionen wie Polizei und Feuerwehr unterstützen uns wirklich toll. Zum einen ist das die langjährige Erfahrung der guten Zusammenarbeit, zum anderen aber auch die Tatsache, dass so etwas vermutlich nur in einem kleinen Städtchen, in dem man sich kennt, möglich ist“, erklärt Schnürle, warum in seinen Amateurfilmen unter anderem Busentführungen in der Innenstadt, die Bergung eines Autos aus dem Teich, waghalsige Sprünge aus mehrstöckigen Häusern und ähnliches stattfindet. „Darum haben uns schon viele Kollegen beneidet und ich bin auch sehr stolz, was uns alles erlaubt wird.“

Die Stadt hat der Filmgruppe auch ein Industriegebäude günstig vermietet, indem nun das Equipment, massenhaft Requisiten und Kulissenbauten sowie Film-Einsatzfahrzeuge untergebracht sind. „Eine ebenfalls angeschlossene Wohnung – freilich längst nicht mehr bewohnt – dient uns dann auch immer wieder als Kulisse, die wir beliebig tapezieren und dekorieren können“, so Schnürle.

Der wohl schwerste Filmstar der Mania Pictures

Zutaten: Action, Humor, Dialekt & Sex

Der Stunt-Anteil in den Filmen von Mania Pictures war schon immer sehr groß. „Autos geschrottet haben wir schon ganz früh – und damals war das zum Teil auch fahrlässig und ganz sicher nicht ganz legal, was wir gemacht haben.“ Die Wende trat 1998 beim Film „Bodycount“ ein, als die Filmemacher auf einen ehemaligen Stuntman stießen, der „danach unsere Limitierungen deutlich nach oben geschraubt hat“, erinnert sich Schnürle. Ein Highlight bis heute war das Auto in „SEK Calw“ (2007), das durch einen Wohnwagen geschanzt wurde. Inzwischen wurden die Crashes zurückgefahren, aber: „Seit vielen Jahren ist es auch so, dass mir von Bekannten und Freunden immer wieder angetragen wird, ihr altes Auto im Rahmen eines Filmes zu verschrotten“, muss der Regisseur schmunzeln.

In vielen MP-Filmen spielen auch Hubschrauber eine nicht unwichtige Rolle. „Das ist wirklich eine kostspielige Sache, bei der jede Flugminute 18 Euro kostet und Hin- und Rückflug gleich mal pauschal 800 Euro. Das leisten wir uns immer dann, wenn die Kriegskassen voll genug sind“, erläutert der bekennende Helikopter-Fan Schnürle. „Man braucht im Übrigen eine Landegenehmigung und am besten einen netten Bauern, der einem für die Landung seine Wiese zur Verfügung stellt.“

Einmal mit dem Panzer drüber – so werden in Calw Autos verschrottet

Doch der Drang, immer ausgefallenere Schauwerte zu bieten, kann auch zum Rohrkrepierer werden. So wälzte für „Tatort Calw: Die Hollywood-Morde“ (2004) ein Panzer Autos nieder. Diese Aktion wurde zu einer Zäsur für die Gruppe, wie Schnürle erklärt. Der Panzer wurde für ein Wochenende mit dem Tieflader angeliefert und hat für drei Tage 5.000 Euro gekostet, Sprit inklusive. Die Szenen wurden in einer Kaserne in der Nachbarstadt Nagold gedreht. „Es war natürlich eine absolute Wahnsinnsaktion, wenn man bedenkt, dass alleine das Wetter an den drei Tagen auch Scheiße hätte sein können. Und dann haben wir noch in Absprache mit dem dort ansässigen Abfallwirtschaftsbetrieb drei bestehende Bundeswehrbaracken niedergewalzt, was uns beinahe zum Verhängnis wurde. Denn das Wegräumen dieser Baracken hat dann über zehn Leute drei Tage lang beschäftigt. Mann, haben wir diese Aktion verflucht“, erinnert sich der 41-Jährige. „Danach sagte ich mir: ‚Noch mehr Aufwand können wir als Amateure definitiv nicht stemmen.’ Ich wurde für diese Panzeraktion oft kritisiert und kostenseitig war es auch grenzwertig, allerdings ist diese Aktion bis heute für alle, die über Mania Pictures berichten, immer DER Aufhänger. Und ich bereue es daher nicht.“

Leonie Saint macht auf nackt

Etwas, für das Regisseur Armin Schnürle auch immer wieder kritisiert wird, sind die manchmal doch recht freizügigen Liebesszenen in seinen Filmen. „Ich gebe es offen zu: Ich mag Sexszenen und ich mag auch filmische Gewalt, zumindest in der richtigen Dosierung.“ Sex zu filmen sei natürlich nicht einfach, erklärt Schnürle: „Weder für mich, der ich detaillierte Anweisungen geben soll – und schon gar nicht für die Darsteller. Vor allem die weiblichen Akteure fürchten um ihren Ruf. Im Gegensatz zu männlichen Darstellern haftet einer Frau hier schnell ein bestimmtes Image an. Mag aber auch sein, dass das hier am kleinbürgerlichen Umfeld liegt.“ Man muss die Szenen vorher ausführlich besprechen, z.B. was gezeigt werden darf und was nicht – schließlich will man die Schauspieler auch nackt gut aussehen lassen. „Und ein Schluck Alkohol hilft tatsächlich das eine oder andere Mal ganz gut.“

Promidichte: hoch

Ein Großteil der Hauptakteure ist im Wesentlichen fix und besteht aus Laiendarstellern wie Frieder Pfeiffer, der auf die Rolle des Hallodris abonniert ist – oder Stefan Lörcher, im echten Leben Stadtrat von Calw, der oft den jähzornigen, bauernschlauen Schwaben mimt. Aber auch aus Musik, Film und Fernsehen bekannte Gesichter konnten schon oft für die Filme gewonnen, wie z.B. Schauspieler und Autor Jochen Senf, Horst Janson („Steiner – Das Eiserne Kreuz“, „Ausbruch der 28“), Udo Lindenberg oder Pornostar Leonie Saint.

Tilo Prückner als notgeiler Adolf Hitler

Allein bei „Village People II – Auf der Suche nach dem Nazigold“ ist die Promi-Dichte sehr hoch: So spielen neben den Mania Pictures-Stars u.a. Dieter Landuris („Alles außer Mord“), Ralf Richter („Das Boot“, „Bang Boom Bang“) und Wolfgang Völz („Der WiXXer“, die Stimme von „Käpt’n Blaubär“) mit. Tilo Prückner („Siebtelbauern“, „Die Fälscher“, „Iron Sky“), der eigentlich schon zur Mania-Pictures-Stammbesetzung gehört und in vielen Filmen zumindest einen Kurzauftritt hat, gibt sogar einen notgeilen Adolf Hitler. Schnürle schätzt die Zusammenarbeit mit Prückner ganz besonders, „weil er für skurrile Typen einfach wunderbar ist und zudem ein unkomplizierter und umgänglicher Mensch. Er ist im Übrigen der einzige ‚Promi’, für den ich es inzwischen wage, Rollen zu schreiben.“

Aber nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera trifft man manchmal bekannte Namen: So sorgte Horror-Filmer Olaf Ittenbach („Premutos – Der gefallene Engel“, „Legion Of The Dead“, „Dard Divorce“) mit seinem Special-Effects-Knowhow dafür, dass der Streifen „Tatort Calw: Die Hollywood-Morde“ der wohl „gorigste“ Film aus der MP-Schmiede ist.

Eine Frage des Geldes

Durchschnittlich werden die Filme mit 15.000 bis 20.000 Euro kalkuliert, wobei die Gruppe wie bei „SEK Calw“ schon mal mit 10.000 Euro auskommen musste. „Aber wir haben auch schon mal 25.000 Euro ausgegeben. Das hängt natürlich immer davon ab, wie viel der vorangegangene Film eingespielt hat“, erläutert Schnürle. Aus der eigenen Kasse wird so gut wie gar nichts mehr in die Filmproduktion gesteckt. Das Geld wird größtenteils über Filmtourneen und über den Verkauf von DVDs vor Ort und über die Homepage eingebracht. „In den meisten Kinos haben wir sogar schon fixe Tage, an denen wir spielen. Das hat sich im Laufe der Jahre so eingependelt“, ist Schnürle nicht ganz unstolz. Er schätzt, dass 70 bis 80 Prozent seiner Zuschauer Stammpublikum sind. „Wir drehen primär für den lokalen Markt und dort fällt es uns auch einigermaßen leicht, die Werbetrommel zu rühren. Neben der Mundpropaganda und der öffentlichen Aufmerksamkeit, die man bei den Drehs an öffentlichen Plätzen bekommt, ist es vor allem die lokale Presse, die uns hier gerne Schützenhilfe leistet“, erläutert der Filmemacher. „Calw ist nun mal nicht der kulturelle Nabel der Welt, daher fallen wir mit unseren Produktionen durchaus auf. Da hätten wir es in einer Großstadt sicherlich deutlich schwerer.“

In Calw ist immer was los

Zusätzlich werden aber auch Werbeclips für lokale Geschäfte werden gedreht, die dann im Vorprogramm laufen und auf den DVDs zu finden sind. Dann werben die Stammschauspieler der Mania Pictures-Gruppe z.B. für einen Juwelier, das Reisebüro oder die KFZ-Werkstätte, bevor sie dann auch noch im Hauptfilm zu sehen sind. Schnürle schätzt, dass die Einnahmen aus den Werbefilmen ca. ein Fünftel des Gesamtumsatzes tragen: „Bis vor zwölf Jahren war die Filmerei ein sehr teures Hobby von mir, das ich selbst finanziert habe. Als aber mein Sohn auf die Welt kam, habe ich mir vorgenommen: ‚So, ab heute muss sich die Filmerei selbst tragen, ich will nichts mehr zuschießen müssen.’ Da kam ich auf die Idee der Werbefilme für lokale Betriebe. Ich dachte nicht, dass sich viele auf mein Anschreiben melden würden, aber innerhalb kürzester Zeit waren wir bei 30 Werbespots. Zugegebenermaßen bieten wir die Dinger auch zum relativen Spottpreis an.“

MP, Garant für Action und Explosionen

Ein Ende ist nicht abzusehen

Für Mania Pictures ist nach dem Film eigentlich fast immer vor dem Film. Nach ihrem dritten und letzten „Village People“-Teil „Voll Porno“ (2011) steht mit „Hexensabbat“ eine Wiederbelebung der „Tatort Calw“-Serie an. Ein schnell dazwischen geschobenes Projekt, denn der ursprünglich geplante Film „Herzlos“ (AT) über illegalen Organhandel erwies sich bereits in der Planung als zu aufwändig, um noch 2012 abgedreht zu werden. Der Thriller musste auf das nächste Jahr verschoben werden, was Schnürle sehr bedauert. Aber: „Was soll man machen? Beim Film muss man halt flexibel sein.“

Zwar würde Armin Schnürle für sich und sein Team schon mal so einen Überraschungshit wie „Blair Witch Project“ wünschen, aber er ist nicht unbescheiden: „Mit dem zumindest regionalen Erfolg und Status, den wir hier in unserem direkten Umfeld haben, kann ich wirklich sehr gut leben. Ich will unserem Publikum einfach einen guten Film bieten, der uns als Filmemacher in der Herstellung auch noch Spaß macht. Insofern sind meine Wünsche und Träume im Bereich des Machbaren.“

Rodja Pavlik

PS: Der HomeMovieCorner wird übrigens am 11. August 2012 bei Dreharbeiten von „Hexensabbat“ dabei sein. Ui, da liegt ein Setbericht in der Luft.

INFO: www.mania-pictures.de
FOTO: Mania Pictures

Teaser „SEK Calw“

Teaser „Village People: Voll Porno“

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9. August 2012 at 18:22

„So, jetzt machen wir mal einen ernsten Zombiefilm“

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Die tun nichts. Die wollen doch nur spielen.

Im Zombiefilm hat es schon alles gegeben. Böse Zungen behaupten gar, das Genre sei so tot wie sein Sujet. Dass dem nicht so ist, beweist der Film „Das Jahr Null (reset)“ von Roman Deppe. Der Indiefilmer aus Hamburg hat im Frühjahr 2008 den ersten schwulen Independent-Zombiefilm gedreht. In Anbetracht dessen, dass Deppe bisher große Erfolge mit der Komödientrilogie „Eine Nacht in Wilhelmsburg“ feierte, lag der Schluss nahe, dass er sich auch dem neuen Thema komödiantisch nähern würde. Doch “Das Jahr Null (reset)“ fesselt von der ersten seiner etwa 30 Minuten an mit düsterer Atmosphäre und einer konsequenten, anrührenden Geschichte.

Warum er selbst über seinen Film überrascht ist, warum ein echter Zombiefilm auch Effekte haben und warum man im Schnitt manchmal schwierige Entscheidungen treffen muss, darüber sprach Timo Landsiedel, der im Film selbst eine Rolle als Untoter spielte, mit Roman Deppe für den HomeMovieCorner.

HomeMovieCorner
Warum wolltest du einen Zombiefilm drehen?

ROMAN DEPPE
In erster Linie war das so, dass ich mit meinem Kameramann, Adrian Annoff, überlegt habe, was könnte man als nächstes für einen Film machen. Ich glaub, wir sind beide so Zombiefilmfans und wir sagten: ‘So, jetzt machen wir mal einen ernsten Zombiefilm.‘ Ich hatte mal wieder die Romero-Filme gesehen und dachte so, was mir bei den neuen Zombiefilmen immer fehlt, ist der Ernst an der Sache. Außerdem waren diese Zombies ja mal wer. Das wird eigentlich immer vergessen. Und damit habe ich dann angefangen zu arbeiten. Ich habe das Drehbuch ziemlich schnell geschrieben. Das hatte ursprünglich am Anfang kaum Dialog. Wir haben dann während der Proben sehr viel Text erarbeitet.

HMC
Wie bist du darauf gekommen, die Hauptfiguren als schwules Pärchen zu schreiben?

RD
Da war glaube ich ganz am Anfang erstmal die Idee, zwei schwule Hauptfiguren zu machen, um den Film wieder auf dem ‘Schwul-Lesbischen Filmfest‘ in Hamburg zu zeigen. Und dann dachte ich so, nee, da will ich auch was mit aussagen. Ich reite auf dem Thema nicht rum im Film. Ich wollte das nicht zusätzlich thematisieren, das wäre mir zu platt. Es wird ja auch nicht klar gesagt, dass die jetzt schwul sind. Das Thema des Films ist ja so die Einsamkeit. Wenn man da jetzt jahrelang alleine unterwegs ist und dann Nähe braucht, dann ist das vielleicht irgendwann egal auf welches Geschlecht man eigentlich steht. Dann entwickelt sich so etwas, dass man über solche Grenzen hinweg sieht. Das fand ich ganz reizvoll, es auch so ambivalent zu lassen und dem Zuschauer zu überlassen, wie er das sehen möchte.

Timo Landsiedel undercover bei Dreharbeiten

HMC
War dir von Anfang klar, dass du Make-Up-Effekte drin haben willst?

RD
Ja, auf jeden Fall! Wenn ich Freunden erzählt habe, dass wir einen Zombiefilm machen, dann dachten immer alle gleich, wir malen uns grün an und das sieht dann scheiße aus und laufen starr durch die Gegend. Also es war ganz klar, dass das gut aussehen musste. Lars Havemann, der die Spezial-Effekte gemacht hat, kannte ich über Andre Matthias, meinen Komponisten. Lars war auch gar nicht zu bremsen. Beim ersten Treffen hatte er gleich zehn Zombie-Designs mitgebracht “Hab‘ ich einfach schon mal gemacht!“ Er hatte also ganz viele Ideen und hat sich dafür echt einen Wolf gearbeitet. In dieser Albtraumszene, da sieht man die Zombies nur zwei Sekunden und er saß da an jedem einzelnen Wochen. Da dachte ich, er erschlägt mich dafür, dass man die nur so kurz sieht. Aber er fand das auch richtig cool. Ich glaube, die Details machen‘s dann schon.

HMC
Musstet ihr im Schnitt noch Effekte rausnehmen?

RD
Es gab einen Effekt, der ist nicht drin, das lag aber nicht dran, dass er billig aussah, sondern weil es ursprünglich so gedacht war, dass er in Schnee und Eis spielt. Der Zombie ist am Boden fest gefroren und beim Aufstehen brechen ihm die Finger ab. An dem Tag hat es halt geregnet und man versteht nicht, dass der angefroren sein sollte. Das flog dann raus. Das hat zwar auch ein paar Euro gekostet, aber es hilft ja nichts es drin zu lassen, nur weil man dafür Geld ausgegeben hat. Da muss man drüber stehen.

Reporter erleben so manches in ihrem Job

HMC
Du bringst am Ende eine Wendung rein, die dem Film eine neue Richtung gibt. Ist die nur traurig zu verstehen?

RD
Also ich bin selbst ganz überrascht, dass ich jetzt so einen anspruchsvollen Film gemacht habe (lacht). Hatte ich irgendwie nie vor. Ich find den Schluss schon traurig aber auch irgendwie ganz positiv. Ein schöner Schluss, ohne typisch deutsch voll reinzuhämmern, weil‘s sonst ja nicht anspruchsvoll wäre. Das wird dann am Ende nochmal sehr schön auch mit Andres Musik. Die erste Version war so, dass mit dem Abspann ziemlich schnell Gruselmusik kam. Jetzt klingt die ‚schöne’ Musik im Abspann nach. Der Zuschauer soll mit einem wohligen Gefühl aus dem Film gehen. So melancholisch.

HMC
Du hast Riesen-Erfolg mit einer Trilogie gehabt. Gibt es beim “Jahr Null“ schon Planungen für einen zweiten Teil?

RD
Ähm. Da denk ich grad spaßeshalber drüber nach. Man könnte eine Zombieserie in Deutschland starten und die so ein bisschen wie „Lost“ aufziehen. Man könnte ja immer so Flashbacks zum früheren Leben der einzelnen Figuren machen, was sie vor der Zombieplage so gemacht haben oder während das ausbrach. Da bin ich so am Überlegen, ob man daraus einen zweiten Teil machen kann oder richtig auf 90 Minuten verlängern.

HMC
Vielen Dank für das Interview!

Timo Landsiedel

Den Film gibt es hier zu sehen: „Das Jahr Null (reset)“

Fotos: Timo Landsiedel, Lars Havemann
Links: Andre Matthias: http://www.andrematthias.com/ Lars Havemann: http://monstermann.deviantart.com/

Timo Landsiedel, der in „Das Jahr Null (reset)“ eine kleine Rolle als Untoter spielte, führte das Interview 2008 – da war von „ernsten Zombie-Streifen“ wie „The Walking Dead“ noch nichts am Horizont zu sehen.

Roman Deppe lebt derzeit in Stockholm, wo er für das dortige ARD-Studio arbeitet. In seiner Freizeit schreibt Deppe weiterhin Drehbücher.

Written by HomeMovieCorner

18. Juni 2012 at 15:54

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Der Glass Shot

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Dies ist ein Ausschnitt aus einem Artikel über die Scenic Artists Renate Seiz & Christof Seiz, den ich mal für die österreichische Filmzeitschrift „Ray“ geschrieben habe. Das Ehepaar beschäftigte sich damals mit der perfekten Illusion im Film. Der Artikel stammt aus dem Jahr 2004 – seither hat sich im Bereich CGI sehr viel verbessert, vor allem, was Texturen und Oberflächen angeht. Dennoch ist der Glass Shot – vor allem, wenn es an CGI-Experten fehlt – vielleicht doch noch eine interessante Alternative.

Scenic Artist ist ein amerikanisch-geprägter Berufsbegriff, den man mit Maler bzw. künstlerischem Bildhauer übersetzen kann. Eine etwas schwammige Bezeichnung für ein noch schwammigeres Berufsbild: Irgendwie hat der Job mit Requisite zu tun – geht aber weit über das Bereitstellen von Garderobe und Utensilien hinaus. Angefangen vom Staub in der Fernsehwerbung, der wirklich “mit einem Wisch” verschwindet, Modellbauten, über Werbe-Dummies bis hin zu Mumien oder extra angefertigten Katakomben wie z.B. in Curt M. Faudons „Das Tattoo – Tödliche Zeichen“ (mit Tobias Moretti) – den Tätigkeitsbereich eines Scenic Artists kann man nicht wirklich eingrenzen.

Learning by doing… und Cortis Mundpropaganda

Gelernt haben die beiden Künstler Renate und Christof Seiz ihren Job durch “learning by doing”. Renate Seiz studierte Kunst und arbeitete als Designerin und Kunstmalerin, bevor sie und ihr Mann der Ruf zum Film ereilte. Ein Bekannter vermittelte ihnen einen Auftrag über zeitgemäße Straßenschilder für Axel Corti. Der 1993 verstorbene österreichische Regisseur war mit den Arbeiten so zufrieden, dass er die beiden Maler zu immer mehr Projekten hinzuzog. “Ab da fragte er immer: ‘Können Sie das auch?’ – Und wir haben halt immer brav ‘Ja’ gesagt“, erinnert sich Renate Seiz. “Dabei haben wir damals keine Ahnung gehabt, wie das geht”, wirft Christof Seiz schmunzelnd ein. Nach der Lektüre einschlägiger Fachbücher machte sich das Ehepaar schließlich ans Werk – stets zur Zufriedenheit des als Perfektionisten bekannten Regisseurs. Cortis Mundpropaganda verdanken sie es auch, dass sie in der Filmszene bekannt wurden und immer häufiger Aufträge bekamen, ist Frau Seiz überzeugt.

Eine der Seiz’schen Spezialitäten ist der so genannte Glass Shot – grob gesagt ein einfaches Übermalen von störenden Details auf einer Glasplatte. So würde auf einer Wiese im 17. Jahrhundert ein Einfamilienhaus mit Wintergarten doch etwas stören – andererseits kann mittels Pinsel und einer entsprechenden Röhrenkonstruktion auch ein funktionierender Springbrunnen in einen Klostergarten “gezaubert” werden. Die Effektivität dieser alten Filmtechnik ist nicht zu unterschätzen – die Methode ist verblüffend simpel, billig in der Herstellung und benötigt nur einige Stunden Vorbereitung vor Ort: Nachdem die Kamera fixiert wurde, wird die Glaswand zwei Meter vor das Objektiv gestellt. Während ein Künstler mit Öl das besagte Einfamilienhaus hinter dem Glas zu einem Fleck Wiese übermalt, weist ihn der andere von der Kameraseite her ein. Genauigkeit ist dabei ein Muss, schließlich geht es um Millimeter! Auch die aktuelle Wettersituation und das Licht müssen dabei berücksichtigt werden. Wenn Kameramänner den beiden Künstlern Seiz & Seiz bei der Arbeit zuschauen, verstehen sie oft gar nicht, was da genau gemacht wird. “Das sind grobe Kleckse von verschwommenen Öl auf einer Glasplatte. Was soll das denn darstellen?”, fragen sie dann manchmal. Doch wenn sie dann durch den Sucher ihrer Kamera sehen, hat sich das Set vor ihren Augen von z.B. einer Sommerwiese in eine mit Schneeflecken bedeckte Wiese verwandelt. Und die für den Film störenden Häuser der Stadt sind einfach verschwunden…

Der Glass Shot kann auch für komplexe Arbeiten herangezogen werden – als z.B. in Joseph Vilsmaiers Schlafes Bruder ein Feuer ein ganzes Dorf verwüstet, wurden die meisten real existierenden Häuser in der Totalansicht mittels eines solchen Ölgemäldes auf Glas als Brandruinen “abgedeckt”.

“Wir haben uns ein System entwickelt, wo wir zwischen drei und fünf Stunden drehfertig sind. Wenn das Wetter in der Früh nicht danach ist, fangen wir gar nicht an. Sonst wird das Glasgemälde immer einen Tag vorher gemalt. Wenn man aber Pech hat, ist am nächsten Tag Regen. Wir richten es so ein, dass wir sehr zeitig in der Früh am gleichen Tag noch anfangen – und dann am späten Vormittag schauen, dass wir mit der Malerei fertig sind, dann auf das Licht warten, denn ohne Licht geht es nicht – und dann mit dem Licht die Farben auf der Glasplatte dem Hintergrund angleichen”, erklärt das Ehepaar ihre Arbeitsweise. Das Wichtigste ist Pünktlichkeit und die Erfüllung der Deadline der Fertigstellung. Zwei Minunten zu spät – und schon interessiert es niemanden mehr.”

Die Hauptschwierigkeiten sind Wetter und Licht. Glass Shots sind am besten zu Mittag zu filmen, wenn die Sonne am Zenit steht und es keine Unwetter wie Regen, Gewitter oder Schneefälle gibt. Nach Süden einen Glass Shot zu drehen ist wegen des starken Gegenlichts besonders schwierig.

Exkurs: Matte Painting

Eine Methode, die immer wieder im gleichen Atemzug wie der Glass Shot erwähnt wird, ist das wesentlich aufwendigere Matte Painting. Bei dieser Technik ergänzt der Künstler die während des Drehs durch Green Screen oder Blue Screen “frei gelassenen” Bildteile mit seinem extra im Studio gemalten Gemälde. Eine Green Screen verwendet eine spezielle Farbe, die z.B. Objekte, die nicht im Film vorkommen sollen, abdeckt. Sie ist eine Hilfe, eine Art Farbcode. So kann später im Kopierwerk diese Farbe bei der Belichtung “ignoriert” werden, Masken erstellt werden und z.B. das Matte Painting an diesen freien Stellen exakt eingepasst werden. Mittlerweile ist es schon eher die Rege, den Computer für diese Arbeit einzusetzen. In Compositing-Programmen werden die verschiedene Ebenen aus gemaltem Hintergrund, Partikeleffekte (Rauch, Dunst, Nebel, etc.) sowie der eigentlichen Filmaufnahme zusammengefügt und in ihren Farbstimmungen, Sättigungen und sonstigen Attributen abgestimmt.

Doch nun zurück zum “ursprünglicheren” Matte Painting: Gelten für Glass Shots ausschließlich Ölfarben als Materialien, so hat der Matte Painter verschiedenste Materialien zur Auswahl. So wird für Matte Paintings, die man z. B. aus Filmen wie “Star Wars” kennt, auch Airbrush eingesetzt, das dem Painting ein metallisch-glattes Aussehen verleihen kann und “scharfe” Vordergründe mit metallischen Strukturen schafft. Für Glass Shots wäre diese Arbeitsweise undenkbar. “Die Airbrush Technik ist zu genau. Bei Glass Shots muss man die ‘Unschärfe’ malen und an den Hintergrund angleichen. Airbrush ist hierbei viel zu clean”, erklärt Renate Seiz.

Die Herstellung eines Glass Shot wirkt vielleicht in der heutigen Zeit, in der Special Effects mit Vorliebe am Computer hergestellt werden, antiquiert. Doch sehen Seiz & Seiz in der neuen Technologie keine wirkliche Konkurrenz – dafür ist ihr Tätigkeitsfeld zu verschieden. Und selbst Glass Shots haben gegenüber computeranimierten Effekten nicht von der Hand zu weisende Vorteile: Sie sind billiger und wirken realistischer. Mit Grafikprogrammen erstellte Objekte haben keine Kanten, keine Fasson, eine zu weiche Oberfläche – es ist einfach “zu rundgelutscht”, ist sich Renate Seiz sicher.

Anmerkung: Wie bereits angeführt, stammt der Artikel aus 2004.

Rodja Pavlik

Hier noch ein Beispielvideo, in dem ein Glass Shot erklärt wird – ab ca. 01:35 wird’s dann interessant. The Glass shot in „Soldier Jack“ von US-Indie-Regisseur Tom Davenport.

Written by HomeMovieCorner

5. Juni 2012 at 17:21